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Der Israelit · 1866-10-17 · Heft 42 (17.10.1866) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 42 (17.10.1866)
Date
1866-10-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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690 die ich im Kreise der Meinen verbrachte; desto schwerer war das Scheiden. Mein Vater entließ mich nicht eher, bis ich ihm versprochen hatte, meinen Abschied zu fordern und dann im AuSlande zum Judenthume zurückzukehren. Nach wenigen Wochen kam ich um meinen Abschied ein. Dieser Schritt erregte allgemeines Aufsehen, da mir die glänzendste militärische Laufbahn bevorfiand; ich erhielt von der Regierung ein sehr schmeichelhaftes Schreiben, in welchem gesagt wurde) daß man gerade jetzt — es war zur Zeit der orientalischen Verwickelungen — einen so verdienten und so vielverheißende>- Offizier nicht entbehren könne noch wolle; da ich jedoch angegeben hatte, daß meine Gesundheit angegriffen sei, so gewährte man mir zur Wiederherstellung derselben Zeit und Mittel zu einer größeren Reise. Ich reiste nach Amsterdam; der dortige Rabbinatsverweser, ein würdiger Greis, legte mir keine Buße auf; mein Name und mein Rang blieb Allen ein Geheimniß. Nachdem ich ein Reinigungsbad genommen, wurde ich in der Synagoge zur Thora gerufen — zum ersten Male in meinem Leben; es war gleichsam der Tag meiner Bar Mizwah; ich feierte ihn durch reichliche Spenden an die Armen. Da brach der Krimkrieg aus, und ich wurde, bevor mein Urlaub noch zu Ende war, zurückgerufen. Was sollte ich thun? sollte ich zurückkehren und wieder öffentlich einen Glauben bekennen, der nie der meines Herzens war und von dem ich mich soeben freudig losgesagt hatte? Der alte Rabbiner, dem ich Alles mittheilte, ermahnte mich eindringlich, nach Amerika auszuwandern. „Verzichten Sie," sprach er, „auf irdischen Ruhm, auf Gut und Geld, um Gott anzugehören. Gott wirb Sie nicht verlassen. Ein Mann von Ihrem Wissen und Ihren Fähigkeiten findet überall sein Brod." Schlaflos verbrachte ich die folgende Nacht. „Und was werden meine Neider sagen?" fragte ich mich. „Sie werden die jüdische Abstammung in mir verlästern. Sie werden sagen: der Jude fürchtet sich vor dem Kugelregen." Dieser Gedanke war mir unerträglich. Am andern Morgen befand ich mich wieder auf dem Wege nach Rußland und binnen weniger Tage bei meinem Regiments. In demselben dienten viele jüdische Soldaten; ein feierlicher Gottesdienst war ungeordnet; Juden, Griechisch- und Römisch Katholische hatten jede ihre besondere kirchliche Feier... ich ging zu den Griechisch-Katholischen und kniete nieder vor dem Marienbilde. Von diesem Augenblicke an war mein Leben freudlos — ich hatte nicht den Muth gehabt, für meinen Glauben ein Opfer zu bringen. Im Kampfgewühl suchte ich den Tod — er floh mich. Meine Untergebenen, meine Kameraden, meine Vorgesetzten bewunderten meine Bravour; ich erstieg eine der höchsten Stufen der militärischen Rangordnung. Nach dem Friedensschluß besuchte ich die Heimath wieder; meine Geschwister hatten sich durch meine Beihilfe verheiratet und waren glückliche Ehegatten geworden; der Wohlstand meines Vaters hatte sich derart gehoben, daß er ein begüterter Mann war und allgemein in hohem Ansehen stand; meine gute Mutter hatte der Tod ereilt; ihre letzten Worte waren ein Segenswunsch für mich gewesen; mir aber ließ mein Gewissen keine Ruhe. So lebte ich fast zehn Jahre ein Leben bitterer Pein. Wie oft verwünschte ich meine Unentschlossenheit zu Amsterdam, wie oft that ich Schritte, um mich aus den drückenden Fesseln zu befreien — meine Anwesenheit sei nothwendig, hieß es immer; ich konnte die Erlaubmß zu einer Reise in's Ausland nicht erlangen. Aber öffentlich zu bekennen, daß ich zum Judenthum zurückgekehrt sei und damit nicht allein meiner Stellung zu entsagen, nicht allein den Hohn und den Spott meiner bisherigen Freunde auf mich zu laden, die Schadenfreude meiner Neider zu befriedigen, sondern mich auch der gesetzlichen Strafe zu unterziehen — dazu fand ich nicht den Muth. Lange hätte ich diesen Zustand der Qual und des Zweifels nicht mehr ertragen. Da stürzte ich vor einigen Monaten bei einem Spazierritte vom Pferde und brach ein Bein; die Aerzte verordnten mir die Bäder von Wiesbaden zur völligen Wiederherstellung meiner Gesundheit. Von hier aus habe ich mein Abschiedsgesuch erneuert. Heute habe ich in ehrenvollster Weise den Abschied erhalten. Jetzt bin ich frei. Morgen reise ich nach Italien, um mir dort eine neue, jüdische Heimath zu gründen. Nunmehr, Herr Rabbiner, werden Sie meine Fragen verstehen und mir Auskunft ertheilen können."— Und ich ertheilte sie ihm. Für mich und die Meinigen war unterdeß die Stunde der Heimfahrt gekommen. Wir verabschiedeten uns — werden wir uns je Wiedersehen? Am Bahnhofe stiegen auch die Bekannten, die vorhin durch ihre lauten Fragen den Fremden auf mich aufmerksam gemacht hatten, in den Wagen. Allein, ich war zu erregt, um ein gleichgültiges Gespräch anknüpfen zu können Welch ein Lebensbild war vor mir aufgerollt worden! Guter Gott, welch' schweren Versuchungen führst Du oft Deine Kinder entgegen! Ein Held, wer überwindet — uns aber führe nicht in Versuchung p'12 'N'v revi p'Oi Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction : vr. Lehmann. — Verlag der Le R oux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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