Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1866)
- Date
- 1866-10-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447245-2447279--04554-2460015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
674 lerliche Periode, da es Kaiser Nikolaus für angemessen hielt, jüdische Kinder ihren Eltern nehmen, sie im Amern des Reichs taufen und zu Soldaten erziehen zu lassen; ich war eins der Opfer jener entsetzlichen Maßregel. In einer rauhen, stürmischen Novemberuacht wurde ich als achtjähriger Knabe meinen Eltern gewaltsam entrissen, nach dem Innern Rußlands gebracht und dort getauft. O, Herr Rabbiner, was meine guten Eltern damals gelitten, habe ich erst viel, viel später erfahren; was ich damals gelitten habe, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich war zwar noch ein Kind, aber ein Kind, das bereits den väterlichen Glauben mit aller Gluth seines jungen Herzens erfaßt hatte, ein frühreifes Kind, das schon ans Denken gewöhnt war. Tag und Nacht weinte ich, mit Gewalt mußten mir die uns Juden verbotenen Speisen beigebracht werden, zu jedem unjüdischen Gebete mußte ich erst gezwungen werden. Und wenn ich dann endlich dem Zwange uachgab, dann klagte mein Herz still im Busen, und es ergriff mich unnennbares Weh; jeden Morgen, wenn ich erwachte, sprach ich das jüdische Pekenntniß „Schma Jisroerl", jeden Abend, ehe ich entschlief, wiederholte ich es. Es dauerte sehr, sehr lange, bis ich mich in meine neue Lage finden konnte — allein, ich war noch zu jung; anfangs hatte ich geglaubt, Gott würde mir einen Engel vom Himmel schicken, um mich zu befreien; von jedem russischen Leibeigenen, den ich sah, hoffte ich, er würde sich als der Prophet Elijahu entpuppen; als ich jedoch nach einigen Monaten diese kindliche Hoffnung aufgab, fand ich mich in das Unabänderliche — was anfangs Zwang gewesen, ward nun Gewohnheit. In der Militärschule machte ich reißende Fortschritte und ward bald der Liebling meiner Lehrer, die keine Gelegenheit vorüber gehen ließen, mich zu fördern und zu empfehlen. Meine ersten militärischen Lorbeeren errang ich in den Kriegen am Kaukasus. Der Engel, den ich als Kind vergeblich erwartet hatte, schien mir in allen Kämpfen schützend zur Seite zu stehen; mehr als einmal wurde ich in wunderbarer Weise von Tod und Gefangenschaft errettet. Dadurch kühn gemacht, streg meine Bravour von Tag zu Tag, und noch heute erzählt man in den Reihen der russischen Armee viele tolle Reiterstückchen, die ich vollbrachte " Meine Vorgesetzten waren voll Anerkennung für meine Umsicht, Gewandtheit, Kaltblütigkeit und scheinbar tollkühnen Muth; ich hatte einen Talisman, von dem Niemand wußte. Wenn's ins Treffen ging, rief cs in mir „Schema Israeli, und ich fühlte mich geborgen mitten im Kugelregen; doch ich will mich kurz soffen — mit Ehren überhäuft kehrte ich aus dem Feldzuge zurück. Mein Regiment kam nach Moskau in Garnison; jetzt kamen Tage der Ruhe nach den anstrengenden Ariegesthaten. Da erfaßte mich unnennbare Sehnsucht nach den Meinigen. Allein, wie sollte ich den theuren Eltern gegenübertreten? Wie würde ich die Bürde des aufgezwungenen Glaubens ertragen, nachdem ich wieder an den Herzen des theuren Vaters und der geliebten Mutter geruht und geweint hatte? Gern hätte ich zuvor geschrieben — allein, was sollte ich schreiben, wie sollte ich schreiben? Konnte nicht ein unvorsichtiger Ausdruck mein Lebensglück zertrümmern, wenn der Inhalt des Briefes zur Kunde von Denunzianten gelangte, an denen es nicht fehlte — und konnte der Brief ohne Offenbarung meiner eigentlichen Gesinnung zu den Herzen der Eltern dringen? So quälte ich mich ab, Tag und Nacht; mein Kopf glühte, ich ging wie im Fieber umher. Eines Tages war ein ganz ungewöhnlicher Lärm in den sonst so stillen Straßen Moskau's. „Eben bringen sie den berüchtigten Näubersührer Kurscennik!" hörte ich rufen; ich achtete nicht weiter darauf Was kümmerte mich der Räuberchef? ich hatte ganz andere Sorgen. Da dringt ein Schmerzensschrei an mein Ohr, der mich erzittern macht. Solch einen Schrei hatte ich nur einmal in meinem Leben gehört, damals nämlich, als man mich aus den Armen meines Vaters r ß. Eilends durchtheile ich die Menge, die meiner Uniform ehrerbietig Platz macht. Auf einem Wagen sitzt ein Mann in den besten Mannesjahren, mit schweren Ketten beladen, in phantastischer Näuberlracht. Aber das Gesicht, die Haltung, das Gebühren des Mannes paßt nicht zu der Trackt; es sind unverkennbar orientalische Züge, es ist ein kummer volles Antlitz, das mir entgegenblickt, das jedoch durchaus den Stempel friedlicher Beschäftigung und Gesinnung trägt. „Dieser Mann soll der berüchtigte Räuberanführer sein?" frage ich mich erstaunt. „Es muß ein Geheimniß dahinter stecken." — Ich trete an den von bis an die Zähne bewaffneten Gensdarmen umringten Wagen; ich lasse mir die Geschichte der Gefangennahme erzählen. Der Gefangene hört sie ebenfalls und sieht mich mit einem flehenden Blicke an; zu sprechen wagt er nicht. Dieser Blick dringt mir ins Herz — er weckt alte Erinnerungen; überhaupt kommen mir die Züge des Gefangenen so bekannt vor — wenn die Peoth (Seilenlocken) nicht gefehlt hätten, ich würde geglaubt haben. der Gefangene sei meines Vate's Bruder. Ich beschloß, mich näher um die Sache zu kümmern; allein jetzt rief mich der Dienst. (Schluß folgt.) Hierzu eiue Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gott sl eben in Mainz. Dampf - Schnellpreffendruck von