Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1866)
- Date
- 1866-10-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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673 Afrika. Capstadt Ein Csrresponvent schreibt dem I. Ehr. aus Aliwal North in Südafrika: Herr I. Rabbinowitz hat einen Aufruf zu Gunsten der Capsynagoge, die ihrem Verfalle entgegengeht, erlassen. Da jedoch die Zeiten in jenen Ländern schlecht find, so dürfte der Erfolg nur ein geringer sein. Feuilleton. Die Versuchung. Seit Menschengedenken hatte die Sonne nicht so anhaltend mit ihren warmen Strahlen die Oktobertage vergoldet wie in diesem Jahre. Es war am Tage nach dem Laubhüttenfeste, als ich mit meiner Familie dem schönen Wetter zu Liebe und dem Halbfeiertage ()n zu Ehren einen Ausflug nach dem benachbarten Wiesbaden machte. Als wir in W. auf den Perron des Bahnhofs traten, umringten uns viele Bekannte aus den benachbarten Städten. „Ah, Herr Rabbiner, ertönte es von allen Seiten; Sie wollen gewiß den ili feiern!" Begrüßungen wurden ausgetauscht, die Hände geschüttelt. Erkundigungen nach dem Verbringen der eben verflossenen Feiertage gewechselt; das dauerte so ein Weilchen, bis sich die Bekannten entfernten, die schnelleren Schrittes als meine Kleinen dem im schönsten Sonnenglanze strahlenden prachtvollen Badeorte zueilten. „Siehst Du das Schilderhaus mit den preußischen Farben?" fragte mich meine Frau. „„Ach, entgegnet« ich, so rasch tritt oft ein Wechsel ein in irdischen Dingen. Als wir das jüngste Mal Ln W. waren — es war bald nach dem Wochenfeste — glaubten noch Viele nicht an den Ausbruch des Krieges, nur sehr Wenige an diesen Ausgang."" Während wir uns in solchen Betrachtungen ergingen. hatte sich uns ein vornehm aussehender Herr genähert. „Sie entschuldigen, sprach er, daß ich mir erlaube, Sie hier anzureden; ich hörte Sie als einen Herrn Rabbinen bezeichnen und schließe aus verschiedenen Aeußerungen, die ich soeben am Bahnhof vernahm, daß Sie nicht zu den modernen Rabbinen gehören, die mao in Deutschland leider so häufig vorstnäet. Wenn Sie mir gestatten wollten, Sie zu begleiten, so möchte ich Sie über Manches, was mich beunruhigt, um Auskunft bitten." Die Erlaubniß wurde natürlich bereitwilligst ertheilt, und der Fremde überreichte mir seine Karte. Ein Blick auf dieselbe erfüllte mich mit nicht geringer Verwunderung; ich hatte einen Mann vor mir, der eine der höchsten Stufen menschlicher Rangordnung erklommen, der einen Rang inne hatte, welcher mekre- Wifi ns seit Jahrhunderten j keinem Juden zu Dherl geworden war. Lächelnd bemerkte der Fremde den staunenden Blick, mit dem ich seine Erscheinung musterte. „Sie werden Sich bald Alles erklären können, sprach er; darf ich Sie jetzt bitten, mir auch Aren werthen Namen mitzutheilen?" „Ah, sagte er erfreut, als ich denselben genannt hatte, ich habe Ihre Zeitschrift schon einigemal gelesen. Die Erzählung „Kiddusch Lebanah" *) hat mich sehr interefsirt. Ja, dieses kindliche Gottoertrauen findet man nur bei uns Juden." Er betonte das Wörtchen „uns," wie wenn er jeden Zweifel verscheuchen wollte, ob auch er zu unfern Stammes- und Glaubensgenossen gehöre. Die Fragen, dis er dann an mich richtete, waren so eigenthümlichsr Art, daß mein Erstaunen und mein Interesse mit jedem Augenblicke wuchs; ich darf sie, ebenso wie Name und Rang meines neuen Bekannten, dem Leser nicht mittheilen; wohl aber hat er mir erlaubt, seine Lebensgeschichte, die er mir zum näheren Verständnisse ausführlich erzählte, in diesen Blättern zu veröffentlichen. „Ich bin", erzählte der Fremde, während wir in den schattigen Laubgängen des Wiesbadener Parks auf- und abwandelten, „im russischen Polen geboren. Mein Vater, nunmehr ein ehrwürdiger Greis — Gott möge ihn noch lange gesund erhalten — ist ein sehr braver und frommer Mann, der in seinen Mußestunden fleißig im Talmud studirt; meine Mutter, ihr Andenken sei zum Segen, war eine Frau von echt jüdischer Tugend und Häuslichkeit; ich bin meiner Eltern ältester Sohn und wurde von ihnen wie ihr Augapfel geliebt. Nichts wurde gespart, um meine Erziehung eine vollendete sein zu lassen. Der beste Melammed (Lehrer) meiner Vaterstadt mußte mich rm Dawenen (Hebräischlesen) unterrichten, so daß ich beim Beginne des fünften Jahres schon anfing, den Pentateuch zu übersetzen; auch darin machte ich reißende Fortschritte, und bald ging es an den Talmud. „Das ist ein Jllui" (angehendes Genie) sagten die Verwandten, und dann küßten und herzten mich die Eltern. Jeder Tag brachte mir neue Freuden; bald hatte ich eine Toßaphotbald eine Meharscho's-Kaschje „zugetroffen"; dann war die Freude meiner Eltern groß, und meine gute Mutter sah und liebkoste in mir schon den künftigen, berühmten Rabbinen. Ach, es sollte so ganz anders kommen, unser Glück sollte nur von kurzer Dauer sein. Sie kennen wahrscheinlich jene fürch- *) Siehe Nr. 33 d. I.