Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-10-03 · Heft 40 (3.10.1866) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 40 (3.10.1866)
Date
1866-10-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447278--04538-2459998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

659 regung unseres Oberkantors für 2"' und 12"' fünf nichtisraelitische Männer engagirt, — eine Neuerung, die sich von selbst richtet, well ste — lächerlich ist.- Preußen. Posen. Meinem Berichte über den Stabsarzt vr. Oppler habe ich noch Etwas hinzuzufügen. Es circulirt ein trauriges Gerücht über fein Ende. Nach diesem ist er nicht von der Pest, sondern von einer ruchlosen Menschenhand hinweggerafft worden. Folgendes wird hier erzählt. Im Hauptquartier zu Brünn hörte vr. Oppler, daß im Schlosse Diewak bei Brünn eine bedeutende Gemäldesammlung sei. Er begab sich in Begleitung eines Burschen auf das Schloß und wollte binnen kurzer Zeit zurück Mittlerweile war Appell. Der Stabsarzt und sein Bursche werden vermißt und sofort wird nach dem Schlöffe Diewak geschickt. Daselbst sagt der Kastellan, es sei ein Doktor und sein Bursche im Schlosse gewesen, beide seien aber an der Cholera erkrankt und im Laufe von sehr kurzer Zeit gestorben und begraben worden. Der Umstand, daß der Tod beider Personen in so kurzer Zeit erfolgte, machte den Tod beider Personen höchst verdächtig. Wie wir hören, hat sich der Bruder des verstorbenen Dr. Oppler, Hr. Oberstabsarzt vr. O. mit der Bitte an den Kronprinzen gewandt, Recherchen in Betreff seines Bruders anstellen zu lassen. Der Kronprinz versprach, dos Seinige zu thun, und wäre dann zu hoffen, daß Licht in die Dunkelheit kommen wird. Der Tod eines so begabten und frommen Mannes durch die Hand eines Meuchelmörders würde Alle, die ihn kannten, mit dem höchsten Entsetzen erfüllen. Vor einigen Tagen bettelte hier ein Jndividium, das seinen Glauben schon längst abgeschworen hat, und sich dennoch für einen Juden ausgibt. In einer Stadt, wo viele Juden wohnen und in einer Zeit, wo der Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen kaum eine Schranke findet, läßt sich für einen augenleidenden Juden schon Etwas rhun. Der Vorsteher der Armenkaffe sah sich das Subjekt etwas genauer an als die anderen Herren und erkannte in ihm den getauften Juden, der schon vor einigen Jahren hier böse Streiche verübt. Damals war es zufällig offenkundig geworden, daß er ein zum Katholicismus übergetretener Jude sei. Anfangs meinend, daß er ein Jude sei, gab ihm der Vorsteher ein Billet, mit dem er zum jüdischen Restaurateur gehen sollte. Als der Mensch aber Geld statt der Biüets verlangte, kam dies dem Vorsteher ein wenig auffällig war, er sah sich den Bittenden genauer an, und er erkannte den elenden Wicht. „Ich weiß, sagte Herr A., warum sie lO Sgr. statt der Billeis haben wollen; für 10 Sgr. können sie vier Mal trefe Mittagbrod essen." Beschämt machte sich der Bettler au« dem Staube. Wäre es nicht rathsam gewesen, diesen Elenden den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. damit ihm das Schwindelhandwerk ein für alle Mal gelegt würde? Wie lästig es auch ist, so ist es doch immer rathsam, ja nothwendig, sich Papiere von den Fremden zeigen zu lasten, die unsre Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen. H. Weißweiler. Folgend s Ereiqniß halte ich für interessant gtnug und zur Veröffentlichung durch Ihr geschätztes Organ ge ignet. Einer meiner Neffen, deren 6 den österreichisch-preußischen Feldzug mitgemacht und 7i"2 alle unversehrt geblieben, schrieb mir s. Z. aus Jglau vom 12. Juni folgendes Bern erkenswer'he: „Unsere erste Schlacht war bei Hühnerwasser, wo unser. ESkadrcn (Königs-Histaren-Regiment) g gen 2 Esk. Ungar-Husar en und bekanntlich mir dem besten Erfolg focht. Ncch der Schlacht lagen die Todten von fe'ndlicher Seite haufenweise üb reinandrr rrn>> ick wurde dazu bestimmt m em gew. Hauptmann eine Meldung zu machen. Ich sprengte nun davon und im besten Vo wärtstrabkn blieb mein Pferd plötzlich vor einem dort liegenden, schwer verwundeten österr Soldaten stehen, der mit aller ihm noch gebliebenen Kraft die bedeutungsvollen Worte: pOV l bniL" rief. Erg'iffen von diesen Wori n saß ich im Nu ab, beugte mich über ihn, öffnete seinen Reck, um ihm die Brust frei;u machen, die ein weißes wollenes N1S22 bedeckte und fragte ihn nach Namen r-nd Heimaty; doch es war zu spät. Der Tapfere begann mit dem Tode zu kämmen und währerd ich ihm die MOV vorsagte, verschied er nach einigen Augenblicken in meinen Armen. Ich konnte mehr und weiter nichis für den Todren thun. Ich mußte die Leiche verlassen und den Beseht meiner Bo-gefitzten vollziehen. Wiewohl auf dem Schlachtfelds alle Sentimentalität aufhört, so ward ich von diesem Moment doch so ergriffen, daß ich Anfangs wie versteinert stand; Ti rin-en entquollen meinen Augen und mehmüthig verließ ich iie Leche. Nie werde ich dieses Ereigniß auf dem Schlachtfelds vergessen, und hat es einen Eindruck auf meine Gemüthsstimmnng gemacht, der mich heute roch nicht verlassen hat." An einer andern Stelle berichtete mir mein Neffe: „Jüdische Familien traf ich auf der Flucht in einem Walde an, Hab und Gut im St che lastend. Möge Gott uns ferner vor Krieg bewah.en, denn das Elend dieser ruinirten Lute ist fast nicht anzusehen. Ihr wisset, daß ich so weich nicht bin, jedoch löste sich mein Herz über solche Fälle manchmal durch thalsächliche Brweise meiner Theilnahme."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.