Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1866)
- Date
- 1866-10-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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655 geschriebenen Gebetbüchern, und hat ihr Ritus mit dem sephardischen und aschkenasischen vieles gemein. Ho du wird vor baruch scheomar gebetet. Die Segenssprüche, die des Morgens verrichtet werden, recitiren dieselben nach der Ordnung, wie sie Maimonides aufstellt. Im Kaddisch schalten sie folgende Worte ein: wejizmach purkaneh wejekaref meschicheh wejifrok ammeh. DieKeduschah beten sie selbst an Werktagen wie es die Aschkenasim an Sabbat und Feiertagen thun. Zu Minchah beten sie schalom rab. Nach den 48 Benedictionen beten sieTachanu, indem sie sich von ihren Sitzen auf der Erde platt ausstrecken, wie mir dies am Versöhnungstage thun; letzteres Gebet besteht aus den Versen, wie sie Maimonides zusammenstellt. DieSelichoth und Piutim haben sie ärößtentheils aus sephardischen Machsorim, jedoch besitzen sie Hoschanoth und Piutim, die ich noch nie früher gesehen habe, die aber außerordentlich schön sind. Dieselben haben ein sehr hohes Mer, und haben sich handschriftlich von grauer Vorzeit forterhalten. Ihr Haüelbeten gefiel mir außerordentlich. Der Vorsänger b tet nämlich einen halben Vers vor und dies mit dm schönsten Melodien. Die Gemeinde betet diese Worte leise nach und singt dann, Groß und Klein, einstimmig das Wort „Hallelujah." Dieses Wort wiederholt sich auf diese Weise 147 mal, entsprechend den Lebensjahren unseres Vaters Jakob. Dieser Gebrauch ist übrigens schon im Thalmud (Suckah) und von Maimonides erwähnt. Am Neumond beten sie vor und nach Halle! keine Berachah, jedoch lesen sie es gerade wie sonst auch. An Werketagen gehen sie früh vor Tagesanbruch in die Synagoge, sowohl während des Sommers als des Winters. Ern jeder bringt einen Krug Kaffee mit, der schon während der Nacht gekocht worden und nimmt auch ein Trirrkgefäß mit. Hier beten sie einige Psalmen, trinken Kaffee und bewirthen sich oft gegenseitig mit dem beliebten Getränke. Sobald jedoch der Tag nur leise zu dämmern beginnt, wird gebetet und noch ehe die Sonne anfgegangen, ist das Gebet beendigt, denn alle eilen an ihr Tagewerk oder auf die oft entfernten Marktplätze, um Abends wieder zeitig nach Hause zu kommen. Wenn sie in die Synagoge gehen, ziehen sie vorerst ihre Schuhe aus und gehen alsdann barfuß, da sie keine Strümpfe tragen. Die Schuhe bleiben außen vor der Thüre stehen und haben daber auch den Namen chnz (wörtl. außen). Auch wenn sie einen Vornehmen besuchen, entledigen sie sich zuerst ihrer Schuhe, wie dies überhaupt im ganzen Orient der Gebrauch ist, anstatt daß man im Abendland die Mütze abnimnrt, wasin diesen Ländern. füreine sehr große Schande gilt. Wenn einer mit Schuhen in die Synagoge kommt, so gilt dies für eine Kapitalsünde. Aus Furcht vor Dieben verschließen die Synagogenälteste« - diese Schuhe während des Gebets in verschließbare Wandnischen des Gebäudes; beim Schluffe des Gottesdienstes theilen sie die schuhe wieder aus. In der Synagoge sitzen sie wie zu Hause platt auf der Erde und ziehen die Beine unter den Oberkörper. Die Gemeindeältesten und die Angesehenen sitzen rings an den Wänden auf harten Teppichen oder auf Ziegen- und Schaffellen. Die Anderen sitzen in Reihen zu ihren Füßen und wer sich auch auf einen Teppich setzen will, bringt ebenfalls ein Schaf- oder Ziegenfell mit sich und nimmt dasselbe auch wieder mit nach Hause. Die Vornehmen haben auch oft ein Spukkästchen neben sich stehen. Der Almemmor (Vorlesepult) befindet sich mitten in der Synagoge. Der Vorsänger steht an der Wand, die die Fronte nach Norden bildet, denn hier wendet man sich beim Gebet nach Norden zu, da A einen süolich von Jerusalem liegt. Der Vorsänger ist nicht eine besonders dazu bestimmte Person, sondern ein Jeder von ihnen besitzt die Fähigkeit des Vorbetens und Thoravorlesens und kann mithin auch dieses Amt zeitweise versehen. Vor den Sitzplätzen der Vornehmen befinden sich kleine Pulte, auf die sie ihre Bücher und Gebetformulare legen. Nur der Vorsänger betet laut — alle übrigen leise, uno horchen mit großer Aufmerksamkeit auf die Worte des Vorsängers, ausgenommen beim Lesen des Schema, das Alle einstimmig mitsprechen. Nachdem das Gebet beendigt ist, verlassen sie die Synagoge nicht eher, bis sie vorher* etwas aus den Propheten oder Hagiographen und der Halacha und Aga da gelernt haben. Dieses Lernen nennen sie schilusch. Am Rüsttage des Sabbat lesen sie den kommenden Wochenabschnitt zweimal und einmal den Thargum (die chaldäische Usbersetzung von dem Proselyten Onkelos). Nach dem Alenugebet verlassen sie die Synagoge. Die Bücher sind hier so selten, daß gewöhnlich zehn Personen aus einem Buch lesen. Das Buch liegt auf einem kleinen Stühlchen. Die Lesenden und Lernenden sitzen vor und hinter dem Buche und auf allen Seiten manchmal vier Ellen davon entfernt. Niemand berührt das Buch, nur wenn es umgedreht wird, geschieht dies. Alle lesen zusammen mit einer schönen Melodie. Eine außergewöhnliche Fertigkeit besitzen diese Leute im Lesen. Selbst kleine Kinder lesen mit der größten Geläufigkeit aus einem Buch, selbst wenn es verkehrt liegt. Well die Bücher so theuer sind, deßhalb werden sie auch in großen Ehren gehalten; ein jedes Buch wird in einem eigenen Futteral sehr vorsichtig verwahrt und werden die Bücher nicht wie bei uns in Reihen aufrecht gestellt, sondern platt niedergelegt. Ihr Auge ist außerordentlich scharf, so daß sie eine Tagereise weit ganz genau sehen können, denn sie schminken täglich Abends und Morgens ihre Augen mit einer Mixtur, die das Gesicht sehr stärkt. *) Mit abgekochter Butter — schimna *) Schänder Midrasch „Bereschit Raba* sagt § V5: