Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-10-03 · Heft 40 (3.10.1866) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 40 (3.10.1866)
Date
1866-10-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447278--04532-2459992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

653 verwiesen, daß im Wiederholungsfälle Ihnen daraus Unannehmlichkeiten erwachsen werden. Bamberg, 17. September 1866. Hochachtungsvoll! gez.: vr. Dessauer. H. Strauß, L. Morgenroth. Wie schon oben gesagt, ist bei unserem Vorstande das Gefühl für das Schöne und Anständige außerordentlich ausgebildet; kann es nun Jemanden wundern, wenn er es für höchst anstößig hält, daß Jemand an Rosch Haschanah und Jom Kipur mit einem Sargenes bekleidet in der Synagoge erscheint? Angethan zu sein wie ein Ballheld mit Frack und Gl«96-Handschuhen, frisirt ü 1a Noä«, das Auge mit einem kiaos-Q62! bewaffnet, ist doch viel würdiger. Da unser Vorstand schon auf Kleidung Rücksicht nimmt, so ist es gewiß mit seinem Begriffe von Anstand unmöglich vereinbar, in der Synagoge den Arm zu entblößen, so ordnete er in seiner Weisheit an, „fortan dürfen in der Synagoge keine mehr gelegt werden." Unsinn wäre es gar, diesem so fein fühlenden Vorstande zuzumuthen, das Schuhausziehen an 2x2 "2 2"') zu dulden; unsere c>'O2!i hatten auch gar lkein Anstandsgefühl, es für diese Tage anzuordnen. Da hat doch unser begabter, mit prophetischem Geist versehener Vorstand, weiser gehandelt, indem er durch die Confirma ron, diese erhebende Feier, unser sonst so prosaisches Pfingstfest verherrlichte. Und mit welcher Sinnigkeit, mit welchem Verständniß ordnete er zum Eingänge der Sabbat- und Feiertage deutsche Gebete an! das deutsche „Herrund Vater!" klingt doch viel erbaulicher, als das hebräische „HaschemZebaoth!" Jenes rührt die Gemeinde dergestalt, daß die meisten Mitglieder sich schon während des Gebetes von ihrem Hopfen unterhalten und, durchdrungen von der Heiligkeit des Sabbats, erst fünf Schritte von der Synagoge ihre Cigarren anbrennen. Zu was auch das barbarische Hebräisch, werft das Todte zu den Tobten! unseren Kindern ist es nützlich, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch zu lernen, denn welcher Kaufmann verlangt einen hebräischen Brief? Damit aber unseren lieben Kleinen während der wenigen Stunden, die sie sich mit dem Hebräischen abzugeben haben, das Lernen nicht zu sauer werde, ist ihnen geboten worden, die heilige Schrift in entblößtem Haupte buchstabiren zu lernen!! Zu was auch mehr als buchstabiren, wir sind Baiern — waren vor dem Kriege Deutsche — beten wir deutsch. Haben wir nicht Recht? Ist die Aussegnung „Gott segne Frau Maria N . . ., die heute ihren ersten Ausgang'feiert, sie und ihr neugeborenes Kind Amen", nicht viel erhebender als das Sing-Sang von in '2 für r>2bi' 2W8. In ähnlicher Weise hat der löbliche Vorstand unserer Gemeinde noch eine ganze Menge von Abschaffungen und Umgestaltungen eingefiihrt, mit deren Aufzählung ich die geehrten Leser nicht behelligen will- Aber werden Sie fragen, was macht denn ihr Rabbiner, schlummert er, schläft er, der Hüter Israel, daß Sie alle diese Neuerungen dem Vorstande zu Gute kommen lassen? Ja unser Herr Rabbiner hütet sich, in das rollende Rad der hiesigen Gemeindeverhältnisse einzugreifen. Nur Ruhe, nur Friede ist sein Losungswort; „ich kann ja nichts Lhun, gebe so gerne Jedermann Recht!" In der That hat der Vorstand die Thätigkeit des Rabbiners im Voraus gelahmt; er hat denselben, noch vor der Aufnahme, 5 Artikel unterschreiben lasten, unter welchen sich befand, a) daß er das TiipO, welches nach einem Zeugniß von dem gelehrten Rabbiner Weiskopf i"i) in Walleräein Viv-r war, nicht ändern, d) daß er i"rr keinen 212p errichte u. s. w. u. s. w. Nicht wahr, ein probates Mittelchen? kommen nun die lästigen Frommen, deren es beiläufig gesagt, höchstens 7—8 gibt, und machen unserem Herrn Rabbinen die Hölle heiß, auf daß er sich ermanne und dasnipa für bi 22 erkläre, so hält ihm unser Vorstand die 5 Artikel vor. Nun das .npQ ist nach 2 Jahren langen Hin- und Herredens endlich verändert. Aber denken Sie, nur für die Lebenden habe unser Vorstand gesorgt, nein, auch auf die Todten erstreckt sich seine väterliche Sorge. Damit die Todten nicht zu hart im ungehobelten Oraun liegen, macht nicht die X2211 den Oraun, sondern beim Schreiner wird ein eleganter Sarg bestellt; ist doch ein glänzender, polirter, sternebeschlagener Sarg viel schöner, als so ein unästethischer, ungehobelter Kasten! Damit die Eintracht selbst im Tode nicht gestört werde, kömmt der christliche Todtenwagen und holt die Leiche ohne .22V nach dem Todtenhause, wo sie bis zur 11212p bleibt. Besitzt die Familie Lebensart, werden wohl auch Kränze für den Verstorbenen geflochten und die Gräber wie ein Lust- und Blumengarten geschmückt und sorgsam gepflegt. Aber jetzt merket auf, Ihr Gemeinden, staunet und nehmet Euch ein Beispiel, seht wie erhaben Bamberg über Euch allen, wir — wir haben schon einige Singlcichea gehabt. Ihr werdet so ungebildet sein und nicht wissen, was dies ist, so vernehmet denn, damit auch Ihr Euch zu dieser Höhe emporschwingen könnt. Wenn eine Jungfrau oder ein Jüngling gestorben, wird die Leiche in schön ausgeschlagenem Sarge, von Jünglingen oder Jungfrauen mit Kränzen und Blumen geschmückt, zu Grade getragen; ist dies nicht erhebend, nicht rührend, für die Zurückgebliebenen nicht tröstend, nicht ganz etwas anoers, als das alte jüdische Begräbniß, das keine Ausnahme kannte, Reich und Arm, Jung und Alt, ganz gleich begrub? Leider ist diese erhebende Handlung, da sich in einigen Wochen zu viele Bewerber vorfanden, vorerst sistirt worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.