Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-10-03 · Heft 40 (3.10.1866) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 40 (3.10.1866)
Date
1866-10-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447278--04529-2459989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

650 „Es mag wohl nicht uninteressant sein, die Eindrücke zu schildern, welche die verschiedenen Missionen des Morgenlandes auf den Laien machen. Ich habe mir Mühe gegeben, diesen Gegenstand nach Kräften zu untersuchen; und daß ich meine Meinung jetzt darüber veröffentliche, muß man dem Umstande zuschreiben, daß sie auch diejenige vieler Reffenden gewesen ist, welche, der Bildung und Gelegenheit nach, vollkommen befähigt sind, darüber ein Urtheil zu fällen. Von Palästina kann ich bestimmt behaupten, daß kein einziger Moslem je zur protestantischen Religion aus Ueberzeugung übergetreten ist, oder ohne irgend einen materiellen Vortheil dadurch zu gewinnen. Ich kenne die Leute sehr gut, welche man mir zur Verneinung meiner Behauptung nennen könnte, und behalte mir dann vor, die Lebensgeschickte dieser Einzelnen wie auch ihre Namen zu veröffentlichen. Von den Hebräern, welche von der Mission zu Jerusalem bekehrt worden, gibt es zwei, welche ich als durchaus rechtliche Männer bezeichnen könnte, und zwei, welche weder kalt noch warm sind. Die Uebrigen taugen ganz einfach nichts. Die alten Zwistigkeiten. welche leider so oft den Frieden in Jerusalem gestört, will ich urcht von Neuem auffrischen; aber eins Thatsache glaube ich dem Publikum nicht vorenthalten zu dürfen. Einer der Wohlhabendsten zu Jerusalem ist Herr B., bekehrter Jude, der als zweit Aeltester der Gemeinde sich mrtten im Gewühl der Zankenden doch eine gewisse Achtung zu verschaffen gewußt hat, wiewohl diese erst mit dem Wachsthum seines Vermögens zunahm. Eines Morgens, als ich an seinem Hause vorbeiging, bemerkte ich eine Menge Leuts dort versammelt, welche eine kleine Schaar Kämpfender umringte. Die schauderhaftest?n Flüche, deutsch, arabisch, englisch, k-angen durch die stille Morgenluft; und als ich mir mit Mühe durch das Gedränge einen Weg bahnt?, fand ich zu meinem größten Erstaunen, daß die drei Söhne des Herrn B. mit dessen arabischem Knecht den eignen Großvater, einen sechzigjährigen Mann, und ihren Onkel, einen Jungen von 16 Jahren, aus die gemeinste Weise mißhandelten. Binnen einer halben Stunde wußte die ganze Stadt den Grund dieses Aufruhrs. Man glaube nicht, daß folgender Bericht ein Auszug aus Tausend und Eine Nacht sei, er ist leider nur zu wahr; und wenn man solche Geschichten vom Jahre 1500 erzählen würde, müßie man die Unwissenheit und den Aberglauben selbst jener Zeit tief bedauern. Leider geschieht solches noch im 19. Jahrhundert — und zu Jerusalem. Seit einiger Zeit hatte sich Herr B., wie er vorgab, das Fundament zu einem neuen Gebäude außerhalb der Stadt ausgraben lasten. Doch wie cs sich nachher zeigte, ließ er Solches nur geschehen, Ln der Hoffnung, verborgene Schätze aufzufinden. Von seinem Schwiegervater beredet, hatte er aus Akka einen weisen Magier kommen lasten, welcher ihm versicherte, daß in diesem Grund und Böden eme Kiste voll Gold, eine voll Silber, eine voll Diamanten und eine vierte voll Bücher aus den Zeiten Salomos verborgen seien. Um jedoch diese Schätze zu heben, bedurfte es köstlicher Kräuter und Weihrauchs, so daß Herr B. nahe an 50 Pfund vorstrecken mußte. Wirklich wurden auch gleich beim ersten Versuch 37 Dukaten spanischen Gepräges gefunden. Mit Speck fängt man Mäuse; und da Herr B. einen guten Fund zu thun glaubte, machte er seinem Schwiegervater den Vorschlag, ihm seinen Theil des zu entdeckenden Schatzes voraus um die Summe von 100 Pfund abzukausen. Dieser ging auf den Vorschlag ein, und das Geld wurde ehrlich ausbezahlt. Endlich kam der verhängnißvolle Abend heran. Der Schwiegervater mit zwei Enkeln u d dem Magier begaben sich an die betreffende Stelle. Herr B. wartete mit Ungeduld innerhalb der Stadt, bis er vom glücklichen Aasgang der Sache benachrichtigt wurde. Gegen 12 Uhr Nachts klopfte Jemand mit fieberischer Hast an das Jaffathor der Stadt. „Lkta ei Lud, ekta ei Üzl,!" (Mach auf!) schrie eine Stimme draußen. „I^68Ü?" (warum) fragte der wachthabende Soldat. „Es ist draußen Einer krank, und ich will den Arzt holen!" war hierauf die Antwort. Das Thor wurde geöffnet, und der Schwiegervater des B. eilte stracks in seine Wohnung. Athemlos erzählte er, wie die Sache abgelaufen. Der Magier hatte einen Kreis gezogen und seine Beschwörungen begonnen, nachdem er seinen Gefährten streng anbefohlen, auf keinen Fall zu sprechen. Wirklich sollten auch Flammen aus der Erde getreten und verschiedene dunkle Gestalten vorbeigeeilt sein, als der Magier an den Sohn des B. eine Frage that, worauf dieser unvorsichtigerweise antwortete und auf diese Art den Zauber zerstörte. Ein plötzlicher Knall erfolgte , ein Stffnregen schien vom Himmel zu fallen, — und todt lag der Zauberer da! Bestürzt und erschrocken eilte nun Herr B. mit seinem Gefährten der verhängnißvollen Stelle zu, — nicht um zu versuchen, denTodten wieder ilffs Leben zu bringen, sondern um die Leiche zu verbergen Doch hatten andere dienstbare Geister ihnen diese Mühe erspart; denn als sie zum betreffenden Orte kamen, war die Leiche schon verschwunden, — und hat man einige Tage später dieselbe wohlauf und gesund in Akka spazieren gehen sehen. Nun wurde es dem B. endlich klar, wie er beschwindelt worden, und, aufgebracht, verlangte er seine 100 Pfund zurück. Der Streit wuchs immer heftiger, bis er am Morgen in eine offene Schlägerei, wie ich schon erwähnt, ausartete. Dieser Scandal fand am Sonnabend statt; und da am folgenden Sonntag das Abendmahl gereicht werden sollte und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.