Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1866)
- Date
- 1866-09-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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69S , Feuilleton. Leben und Ts- -es Gislar ben Siwsn. Von V«i»UISR». Es war etwa unter dem römischen Kaiser Marcus Aureliuß oder dessen Sohn und Nachfolger Commodus. — Palästina stand zwar ganz unter römischer Botmäßigkeit; aber noch war das Land von verschiedenen innern Parteien zerrissen und zugleich von Räubern, Dieben und Strolchen aller Art heimgesucht. Da geschah es eines Tages, daß Elasar, der Sohn des durch seine tiefe Gelehrsamkeit und strenge Sittlichkeit so hochberühmten Simon ben Jochai und zugleich selbst zu den Gelehrten zählend, durch die Straßen der Stadt ging. Er sah da einen kaiserlichen Hauptmann einige Leute als Diebe festnehmeu. „Fürchtest Du nie " frug Elasar den Hauptmann, „den Unschuldigen statt des Schuldigen zu ergreifen? Gerade die Diebe sind ja die listigsten Menschen! heißt es vom Diebe doch: 2„„Er lauert im Verborgenen, wie der Löwe im Dickicht!—"" „Was thun?" erwiederte der Hauptmann; „ich vollziehe kaiserlichen Befehl." — „So will ich," sagte Elasar, „Dir einen Rath geben, wie Du es zu machen hall. Gehe in der vierten Bormittagsstunde in die Schmkstubm, das ist ja ' die Z-nt zum Morgenimblß. Siehst Du da einen Menschen sitzen mit dem Glase in der Hand und dabei schlafen oder einnicken, so frage chm nach, wer und was er sei. Ist es ein Gelehrter, so kann er schon vor Tag aufgestanden sein und studirt haben, weßhalb er nun schläfrig ist. Ist es ein Arbeitsnann, so hat er vielleicht schon frühe gearbeitet oder in stiller Nacht seine Dräthe gezogen, so daß er jetzt bei Tag schläft. Ist es aber weder ein Gelehrter, noch ein Arbeitsmann, dann darfst Du schon annshmen, daß er ein Dieb ist, der in der Nacht in Feld und Haus auf Diebstahl ausgegangen, und nun den Tag zur Nacht macht, und den nimm gefangen." — Der Hauptmann dankte für den klugen Rath, und derselbe fand allgemein solchen Beifall, daß er auch zu den Ohren des kaiserlichen Statthalters drang. „Nun," sagte dieser nach einem Sprichworts: „Wer die Bekanntmachung so gut lesen kann, soll auch Bote sein! — Der Mann, der oie Diebe so gut aufzufinden weiß, soll selbst Pplizeibeamter sein," und noch denselben Tag erhielt Elasar die Ernennung zum Polizei-Hauptmann. Elasar lebte streng seinem neuen Berufs, vielleicht strenger als es billig war. Das nahmen die Weisen ihm übel, und einer derselben mit Namen Josua ben Korcha, ließ ihm sagen: „Du bist Weinessig! Dein Vater Simon war ein edler Wein; aber Du, sein Sohn, bist sauerer Essig, daß Du Dich zum Schergen hergibst, Deine Brüder, das Volk unseres Gotte-, m die Hand feines Unterdrückers, in die Hand des Todes zu überliefern." -- „Was thue ich denn so Schlimmes?" ließ Elasar demselben wieder sagen, „ich vertilge ja uns die Dornen und Disteln!^ — „Das magst Du Gott überlassen!" antwortete der Weise ihm wieder. „Auch Jsmael, der Sohn Joses, war gezwungen worden, Scherge der Fremden zu sein; aber er entfloh nach Laodicien auf die Ermahnung eines alten ihm sogar unbekannten Mannes, de« man wohl mit Recht für jden Propheten Eliah hälL." — Elasar gab weiter keine Antwort und that seinem Amte gemäß nach wie vor — Da begegnete ihm eines TageS ein Mann, der für die Leute wusch, und rief ihm höhnend zu: „Weinessig!" — Aufgebracht hierüber sagte Elasar: „Deine Frechheit zeigt» daß Du ein Taugenichts bist!" und er befahl seinen Leuten, den Mann fest zu nehmen und ms Gsfangniß abzuführen. Nachdem er ruhiger geworden war, reute ihn die rasche Thrt, und er ging zu dem kaiserlichen Statthalter, um den Mann wieder los zu bringe», vermochte es aber nicht. Da rief er zu seiner Beruhigung in Bezug auf den Wäscher das Wort der Schrift sich ins Gedächtniß und wiederholte es sich laut: 3) „Wer Mnnd und Zunge hütet, hütet sich, vor Leid." — Der Mann indessen ward zum Tode verdammt und aufgehenkt. — Elasar trat unter de» Galgen — noch hing der Hingerichtete daran — und weinte bitterlich darüber, daß er durch seinen Jähzorn den Tod des Mannes veranlaßt hatte. — „Beruhige Dich, Hauptmann!" sagten die Leute zu ihm; „Du hast keinen Schuldlosen dem Tode überliefert; der Mann war ein Bösewicht. Er hat sammt seinem Sohne, wo er nur ko ante, die Unschuld verfolgt, und auch der heiligste Tag schützte dieselbe nicht vor seiner Gier." — „Gott sei gepriesen!" sagte Elasar, und legte beide Hände über seinen Leib — er war einer der Wohlbeleibtesten seiner Zeit und sprach sich zu« Trolle: „Freut Euch, meine Eingeweide! freut Euch! Wurm und Made werden einst keine Macht habe» über Euch. Ich habe mehr aufs Gerathewshl de» Mann festnehmen lassen und keinen Schuldlosen überliefert, um wie viel weniger, wenn ich sicher bin, daß Jemand ein Dieb ist!" — Dennoch konnte er sich nicht völlig beruhigen, und er beschloß, sich eine strenge Buße aufzulegen und seinen Leib zu kasteien. Er befahl, daß man ihm eine» Schlaftrank gebe, ihn dann in ein kühles MarmorhanS trage, ihm dort den Leib aufschneide und einen Theik seines Fettes herausnchme. — Man Ihat so und nahm ihm einige Körbchen Fett heraus. — Es war ijn hohen Sommer. — Elasar setzte das ihm entnommene Fett 1) Nach Babe Mez. 63, t>. ff. 2) Pf. 10, 9. 3) Spr. Sal. »1, 23.