Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1866)
- Date
- 1866-08-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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557 dem sträubt sich das Herz Jener dagegen, daß aus der blutigen Saat auf den Schlachtfeldern Böhmens auch de» Bürgern israelitischer Confesfion Heil und Segen erwachse; daß der Tod so vieler Mischen junge» Männer dazu bettragen möge, alte, unsere Zeit entwürdigende Vorurtheile umzustoßen und einem schönere« menschlicheren Gefühle Platz zu machen, dem Gefühle, daß wir allefammt Kinder eines und desselben Vaterlandes find; daß ebensowenig wie man da, wo es galt, für das Heiligste einzustehen, danach fragte, auf welche Weise Einer zu seinem Gotte bete, man auch jetzt, wo die Ernte reift, keine Schranke ziehen soll zwischen Bruder und Bruder! Was würde die „Kreuzzeitung" dazu gesagt habe», wenn die Mtlitair- Pflichtigen israel. Confesfion auf irgend welche Weise sich ihrer Pflicht zu entziehen gesucht hätten? Gewiß, ruü> das von Rechts wegen, hätte sie dieselben mit Spott und Hohn übergofsen, sie mit der tiefsten Verachtung gestraft! Allein wo ist Derartiges geschehen? Der Jude weiß, was seine Bürgerpflicht erheischt, eben so gut wie die Staatsangehörigen anderer Konfessionen! Allein, kennt die „Kreuzzeitung" ihre Pflicht, wenn sie Eltern, Geschwister und Glaubensgenossen jener Gefallenen auf alle erdenkliche Weise als der Freiheit und bürgerlichen Stellung Anderer unwürdig darzupellen sich bemüht? Sie mag selbst diese Frage beantworten!... Die Juden verlangen selbstverständlich keinen besonderen Dank weder von der „Kreuzzeitung", noch vom Staate: sie haben ihre Schuldigkeit gethan und als vernünftige Menschen verlangen sie dafür keine besondere Anerkennung. Das aber dürfen sie verlangen und verlangen es, daß aus gleichen Pflichten auch gleiche Rechte für sie erwachsen; daß das auch vom Blute ihrer Söhne getränkte Schlachtfeld des Vaterlandes ihnen zur Rückgabe ihrer natürlichen Menschenrechte verhelfe. Eie haben das Recht, für's Vaterland zu sterben! Will man ihnen das Recht rauben, für das Vaterland auch leben zn dürfen?! Preußen. Nerliu, den 15. August. Vergangenen Samstag besuchte ich die Synagoge in der Heidereutergasse; Herr Dr. Aub predigte . . . ich kann Ihnen nicht sagen, mit wie schmerzlichen Gefühlen mich dieser Prediger und Liefe Predigt erfüllt haben. Hier, wo ich so oft mich au den herrlichen, von Herzen gekommenen, zu Herzen gedrungenen Worten unseres unvergeßlichen Dr. Sachs erquickt habe, hier, wo ich mich so oft in die Nähe unserer großen Ahnen, deren Leben und Wirken Sachs in begeisternden Worten darzustellen verstand/ versetzt fühlte, hier, wo von der Stätte vor der heiligen Lade aus Gottesfurcht und Gesetzestreue verlangt, wo die Gebrechen und Schäden der Zeit mit glühendem Prophetenwort gegeißelt wurden ... hier steht jetzt ein Männlein und predigt mit schwacher Stimme, unangenehmem Organ und ordinärem Dialekt salbungsreich gegen — das zu viele Beten! Er hat an den Berlinern nichts zu rügen als daß sie zu viel beten!!! Nein, das hätten wir Berliner uns nicht träumen lassen, daß wir einmal unserm Rabbiner zu fromm sein und zu viel beten würden! Als nun aber gar der Mann sich so weit verflieg und gegen die Gebetordnung am heiligen Versöhnungstage loszog, die Anordner derselben meistern und die Uebersetzer (auch unser verewigter Sachs hat eine meisterhafte Uebersetzung des Machsor verfaßt) verdächtigen wollte — da zog ein Gemurmel des Unwillens durch die Eynagoge, und Stimmen wurden laut, daß man diesen Prediger von der Kanzel weisen solle. Da ich schon zu Haschkamah vollständig gebetet hatte, so verließ ich nach Mussaph-Keduschah die Synagoge; im Synagogenhof hatte sich bereits eine große Menschenmasie versammelt; im Centrum des Kreises, den dieselbe bildete, stand ein hoffnungsvolles Berliner Kind von ungefähr 12 Jahren, das den würdigen Rabbiner drinnen karrikirte und einige Worte aus der soeben gehaltenen Predigt in Dialekt und Betonung nachahmte. Unauslöschliches Gelächter belohnte den zukünftigen Mitarbeiter des Kladderadatsch — mir aber durchfchmtt cs das Herz; ich ging nach Hause und weinte trotz des heiligen Sabbats bitterlich, weinte um das unersetzte Verlorene, noch mehr aber um die traurige Gegenwart, die dem Berliner Jndenthum der Zukunft den Todesstoß zu geben droht. O, Ihr jüdischen Männer Berlin's, die Ihr wahrhaft besorgt seid um Israels Zukunft — ermannt Euch und sorgt dafür, daß wenMens ein nnn bnv litt, ein Stamm bleibe für künftige Tage! Zwar glaube ich, daß vr. A. unschädlich sein wird, weil er bereits der Lächerlichkeit verfallen ist, allein das eben ist so unsäglich traurig, daß man den Rabbiner dieser großen Gemeinde — auslacht. Die Cholera, die hier stark gewüthet hat, ist G. s. D. im Abnehmen begriffen; da sie um die Zeit des 9. Ab am gefährlichsten austrat, so verordnet unser ehrwürdiger Rabbiner Herr Elchanan Rosenstein '"2, daß Jeder vor dem Absingen der Kinnoth etwas trinken sollte; die Aerzte hatten das für dringend nothwendig erklärt. Unter den gefangenen Oesterreichern, die hierhergebracht wurden, befanden sich drei schwerverwundete Israeliten vor; dieselben weigerten sich, unerlaubte Speisen zn genießen. Als das bekannt wnrde, beeilte man sich von Seiten unserer Glaubensgenossen, sie mit erlaubten Speisen und Getränken zu versorgen. Der Eine, David Becker aus Pesth, starb schon am 22. Juli; der Andere, Moses Löb Neumann, ebenfalls aus Ungarn, verschied am 31. Juli; beide wurden unter militärischen Ehren bestattet. Der dritte warde ins jü-