Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1866)
- Date
- 1866-08-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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516 Österreichischer Kaiserstaat. Wie», Ende Juli. Der „Debatte" wird von hier geschrieben: „So reich auch die Geschichte der Völker Oesterreichs an Thaten patriotischer Hingebung und Opferwilligkeit ist, so wird doch die Haltung, welche diese Völker in den letzten so bangen und sorgreichen Wochen beobachten, gewiß die schönsten Blätter unserer Geschichte zieren. Jeder Einzelne spannt seine Kräfte bis zur höchsten Leistungsfähigkeit an und war bereits zu den größten Opfern an Gut und Blut. Wir waren ein Volk von Brüdern und wir bandelten einmüthig. Schweigend und in beflügelter Hast drängte sich Jeder an den Altar des Vaterlandes, um auf demselben das Beste zu opfern, was er dem Reiche darzubringen hatte. Die Unterschiede, dße uns bisher im Innern trennten, waren gefallen; wer sprach von den zur Stunde noch unausgeglichenen Differenzen? Wer suchte in den Momenten der größten Gefahr eine Sonderstellung einzunehmen? Alles war einig in dem Wunsche, die Monarchie siegreich aus den sie bedrohenden Gefahren hervorgehen zu sehen und in dem Bestreben nach besten Kräften zur Erreichung dieses Zieles beizutragen. Die letzten Wochen wissen nichts zu erzählen von Nationalitäten, Konfessionen und Ständen, sondern sind nur erfüllt von den Thaten der Völker Oesterreichs. Um so betrübender und schmerzlicher mußte es daher in den letzten Tagen für den Patrioten sein, zu vernehmen, daß in einigen Theilen Böhmens und Mährens, in Rakonitz, Ung.-Hradisch und Jamnitz, Judenverfolgungen stattgefunden haben. Als die ersten Nachrichten von den Akten brutaler Eigenmächtigkeit, deren Schauplatz die genannten Orte waren, hier eintrafen, wollten wir denselben keinen Glauben schenken; wir hielten eS nicht für möglich, daß in einem Moment, wo das ganze Oesterreich gewappnet und mit dem Aufgebote aller seiner Kräfte übermächtig herandrängende Feinde bekämpfen muß, däß währelld des Krieges nach außen der heilige Friede im Innern in unverantwortlicher Weise gestört werden könnte. Leider haben sich aber die hier berührten Nachrichten bestätigt und wir stehen beschämt vor einem Ereigniß, das wir im Interesse der Ehre und des Rufes Oesterreichs mit allen Mitteln ungeschehen machen möchten. Wenn wir aber den Schmerz, den wir über diese Vorgänge empfinden, heute zum Ausdrucke bringen, so geschieht es nicht blos aus Theilnahme für die armen, verfolgten und geplünderten Israeliten, gegen die gewiß Niemand im ganzen großen Vasterlande den Vorwurf wird erheben können, daß sie an patriotischer Bethatigung hinter den andern Stämmen und Konfessionen Oesterreichs zurück geblieben seien; wir wollen , auch heute nicht etwa die Frage der Emanzipation behandeln oder die Standpunkte der Toleranz zur Gätuug bringe». Die Periode, die wir jetzt durchleben, ist nicht geeignet zur Erörterung eingreifender socialer Frage, und Wunden, die noch aus veraltete» socialen Anschauungen herrühren, können jetzt nicht geheilt werden. Jetzt kämpfen wir für die Existenz des Reiches und haben nicht Zeit, Fragen auf die Tagesordnung zu setzen, deren Lösung bis zu jener Zeit verschoben werden muß, wo Oesterreich, sicher nach außen, auf festen Grundlagen ruhen und seine ganze Aufmerksamkeit der Beseitigung aller Schäden und Uebelstände im Innern zuwenden wird. Nur der aufrichtigste Patriotismus läßt uns die Geschehnisse in Böhmen und Mähren aufs Tiefste beklagen. Ist es patriotisch, mit räuberischer Hand « das Haus seines Landsmannes und Nebenmensch«; zu driugm, in einem Augenblicke, wo das Vaterland sich in Nöthen befindet und Opfer verlangt, denen sich Niemand entziehen kann und darf, und die nicht taxirt werden nach dem Gotte, den man anbetet, und der Nation, welcher man entstammt? Es zeigt von geringer Hingebung an die gemeinschaftliche Sache, wenn man den Landfrieden stört in einem Momente, wo die Regierung nicht in der Lage ist, auf allen Punkten überall und über alles mit gleicher Energie und Sorgfalt zu wachen; wenn man, statt sich dem öffentlichen Wohle zu weihen, welches in Frage gestellt ist, die Befriedigung privater Leidenschaften auf dem Wege der privaten Vergewaltigung sucht. Es zeugt aber auch nicht für eine sonderliche politische Reife, wem: man sich in Gesetzesveletzungen gefällt, sobald die Organe der Regierung den Rücken wenden und man sich nicht mehr von der Wachsamkeit der letzteren belästigt fühlt. Rohe Selbsthilfe, die durch nichts veranlaßt wird und auch nicht nöthig ist, Gesetzesverletzungen wildester Art, lassen ein Volk nicht den Idealen alles Völkerlebens, der Selbstverwaltung, der Autonomie entgegenreifen, sondern machen es nur jenes Regimentes würdig, welches am besten durch den Stock der Gewalt charakterisirt wird. Das Verletzendste aber an diesen Vorgängen ist der Umstand, daß sie gewissermaßen unter den Augen eines Feindes statthatten, der uns der Barbarei, der Unwissenheit beschuldigte, und uns so darstellte , als wären wir Halbwilde, die in kaum nennenswerther Weise von der Civilisation beleckt worden sind. Er wird die Deutschen auf diese Vorgänge verweisen und sie fragen: ob sie noch ferner die Brüder und Bundesgenossen Jener sein wollen, für die das neunzehnte Jahrhundert nicht zu existiren schein.^, und er wird frohlocken, weil das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches uns bis jetzt beseelte, in so bettübender Weise verletzt wurde. . .