Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1866)
- Date
- 1866-07-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Dörfer ködern in Flammen auf, und das Alles thun Menschen, nicht hingerissen vom Rausch plötzlich erwachter Leidenschaft, nein, mit voller Ueberlegung, nach langer, wohlbedachter Vorbereitung', nach klug ersonnenem Plane. Menschen thun es einander, die sich nie etwas zu Leide gethan haben, nie einander haßten, die fick niemals gekannt haben. Sie gingen bisher ihrem Erwerbe, ihrem Handel noch. Sie wünschten nichts mehr, als daß dieß ungestört geschehen könne. Die Gesetze schützten sie dabei; Derjenige, der die Anderen störte, ward durch den Arm des Gesetzes unschädlich gemacht. Immer geschickter, immer erfolgreicher lernten sie ihrem Erwerbe nachgehen. Reichlicher grünten die Saaten, stattlicher erhoben sich die Häuser, geebneter wurden die Straßen, immer lebendiger wurde der Verkehr, eine Erfindung noch der anderen half die Natur vollständiger ausnutzen, des Lebens Genuß vermehren und veredeln. Es blieb noch Manches zu wünschen übrig, aber emsiges Denken und guter Wille waren nicht müßig, zu bessern, was zu bessern war. Väter und Mütter aber freuten sich des Erwerbes, und daß sie die Schaar, die um sie heraufwuchs, sättigen und kleiden konnten; wenn ein widriges Naturereigniß dazwischen griff, io waren Biele beschäftigt, über das Unglück hmwegzubelfen. Und nun Krieg, und mit Einem Schlage Sorge, Kummer, Thronen Stockung des Verkehrs, Lähmung des Fleißes, Einsturz mühsam aufgedauten Glückes überall. Was ist der Krieg? Das Gegentheil von dem, was der vernünftige, rechtschaffne Mensch sich zur Pflicht anrechnet. Tu sollst nickt tödten, ist schon eine seit Jahrtausenden erkannte Regel. Tn sollst, wenn du dich beleidigt fühlst, nicht zur Selbsthilfe greifen: dafür ist die bürgerliche Ordnung vorhanden, daß dem Benachtheiligten sein Recht verschafft werde. Du sollst nicht in Wuth gerathen: das ist thierisch und geziemt dem Menschen nicht. Bei alter Rohheit war's nicht anders; aber darum hat dos Menschengeschlecht seine Jahrtausende hinter sick, daß die alte Rohheit verschwinde, und daß, wo sie noch einzeln auftaucht, alle Bessern gegen sie Zusammenhalten. Was ist der Krieg? Entfesselung des Lhierischen, das im Menschen steckt. Die Sitte hat's gebändigt, die Furcht vor Schande und Strafe hat's medergehatten; heimlich höchstens wagt es sich hervor. Nun rvird's aber aufgerufen. Der Schlachtruf erschallt. Anfangs pochen die Hörzen, blicken die Augen scheu, möchten die Schritte zögern; dann aber, wenn die Kugeln fliegen, wenn die Nächsten fallen, dann überwachst ein Gefühl alle anderen Gedanken und Gefühle; eS ist die Wuth, und sie spornt den Menschen, darauf zu gehen, niederzuschlagen, zu tödten, zu verderben den Menschen und seine Werke, und zu jauchzen vermag er, wenn ihm recht viel von diesem entsetzlichen Thun gelingt. Ach , noch Anderes tritt an den Tag, das sich sonst in Nacht nnd Dunkel verbirgt! Wo es gilt, zu tödten, zu verderben, da kommt auch die Raubsucht aus ihren Schlupfwinkeln hervor, da erhebt schamlose Gier ihr Haupt und späht umher, wo sie aus dem allgemeinen Elend ihren Gewinn ziehen könnte, da ist gewissenloser Eigennutz bereit, indem Tausende verarmen, hungern, frieren, sich zu bereichern. Was ist der Krieg? Der schneidendste Widerspruch gegen Das, was die Völker heilig nennen, gegen die Religionen, welche lehren, daß die Menschen sich als Brüder lieben sollten! Und doch ist der Krieg noch möglich? Ist noch möglich nicht nur zwischen einem gebildeten Volke und rohen Horden, die zum Nauden und Plündern einbrechen, sondern auch zwischen gesitteten Völkern, die als Nachbarn friedlich neben einander wohnten, die an gemeinsamer Bildung Theil haben, die mit jedem Jahre zu gegenseitigem Gewinn in immer lebendigeren Verkehr treten? Doch ist der Krieg noch möglich als eine Sache, zu der die Leitenden Menschen verwenden, wie der Schachspieler die Schachfiguren, und zu der sich aus eigener Wahl in allen Landen Hunderte junger Männer drängen, um davon Amt und Brod zu haben? Wohlan, ein lauteres Zeugniß gibt's nicht, daß die Bildung und Gesittung dieser Zeit noch nicht das Herz der Völker durchdrungen hat und noch nicht ihr Leben beherrscht. ES muß also mit Religion, mit Bildung ganz anders Ernst gemacht werden als bisher. Es mnß dahm kommen, daß, wie es längst bei den Völkern Europa's im Allgemeinen fesisteht: Mord darf nicht sein! Raub darf nicht sein! eben so allgemein der Gedanke sich einlebe, einwurzle: Krieg darf nicht fein! Das muß mit jedem Jahre mehr bei vielen Tausenden geschehen, die bisher gedankenlos genug waren, den Krieg zu betrachten als eine Sache, die nun einmal zum Völkerleben gehöre. Immer entschiedener muß ihn das allgemeine Urtheil verwerfen, das allgemeine Gefühl verabscheuen, bis er unmöglich wird, sowie die alte Blutrache, die alte Menschenfolter, die alte Sklaverei und all die andere Gräuel mittelalterlicher Barbarei unmöglich geworden sind. Heute war er noch möglich. Möge denn alle die Unmenschlichkeit und alle das Elend, das dabei an den Tag tritt, ad ihrem Theile kräftig Mitwirken, daß die Zeit der Unmöglichkeit mit beschleunigtem Schritte näher kommt! (Nach der Didaskalia.) Hierzu eine Beilage. Lerantrvortliche Redactiou: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rvux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. GottSleben in Rairy.