Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1866)
- Date
- 1866-07-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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474 Pflichtschuldigen Gehorsam gezollt zu haben; ohnedies hingegen find alle zeitlichen Güter werthlos, ja sie müßten dann vielmehr in Wahrheit als himmlische Strafen angesehen werden. Denn, wenn der gottgefällige Wandel fehlt, der uns hätte berechtigen können, sie als einstweilige zeitliche Belohnung hiefür anzusehen, der im Jenseits erst die wahre und eigentliche folgt; wenn dies Bewußtsein fehlt, so gehören jene zeitlichen Segnungen und Glücksgütec wohl in die Kategorie derjenigen Belohnungen, von denen die Thora spricht: „Und er lohnt seinen Hassern — das wenige Gute, das sie gethan — diesseits, auf daß sie zu Grunde gehen im Jenseits." Und so auch wiederum umgekehrt, auch die gewaltigste Wucht der Zeiten. auch die schwerste Last der Ereignisse, können nicht nieoerwerfen. nicht beugen, wenn gläubiger Sinn nach Oben gerichtet, der Wandel nur auf den Himmelsbahnen der Religion sich bewegt. Dann find jene unliebsamen Erscheinungen nur Prüfungen. auf daß unsere Glaubensstärke immer mächtiger und glorreicher weroe, dann sind jene Prüfungen edle Fruchtkörner in bittere Schalen gehüllt, aus denen die Bäume des ewigen Lebens und Heils ersprießen. Wenn aber das Bewußtsein eines gottgefälligen Lebenswandels fehlt, dann muß auch das kleinste Unliebsame, geschweige Großes, Inhaltsschweres und Erschütterndes als verdiente Strafe gelten und durch dieses traurige Bewußtsein unendlich härter und bitterer empfunden werden. Wie nun die fortwährende Prüfung unseres Wandels unerläßlich, so besteht wohl selbstverständlich auch der Zweck derselben einzig und allein darin, daß, wenn wir unseren Wandel befriedigend finden, wir im Wahren , Guten und Edl n immer mehr und mehr vorwärts schreiten; daß wir im entgegengesetzten Falle das Vernachlässigte nachholen, das Fehlerhafte gewissenhaft verbessern und für die Zukunft vollständigst meiden. Diese stets und immerdar nothwendige Prüfung tritt aber mit ganz besonderer Dringlichkeit hervor, in einer Zeit von besonders wichtigen und inhaltsschweren Ereignissen und Erscheinungen. Da thut es ganz vorzüglich Noth, mit aller Aufmerksamkeit und Gründlichkeit, mit aller Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit seinen Wandel bis ins kleinste Detail zu untersuchen und zu prüfen. Als eine solche Zeit inhaltsschwerer und bedeutungsvoller Beschaffenheit, liebe Brüder und Schwestern, wird wohl sicherlich die gegenwärtige bezeichnet werden muffen. Denn, die mächtige Quelle alles socialen Segens, aller gesellschaftlichen Wohlfahrt und Entwickelung, der Friede, ist bedroht, das gefährlichste, verheerendste aller Nebel, der Krieg, hat bereits seine Schreckensboten nach allen Seiten hin ausgesandt, bereits steht ein großer TheÜ Europas unter den Waffe«, und Alles zittert vor den Schrecknisse« des bereits rvüHenden Bruderkrieges. Die Folgen einer solchen Situation find von unberechenbarer Tragweite und Inhaltsschwere für die sämmtlichen Glieder der Gesellschaft. Der Segen der Thätigkeit des Landmannes, des Gewerbfieißes, der Industrie und des Handels, im Großen wie im Kleinen, Person und Eigenthum, Alle sind ste bedroht und gefährdet. Und zu diesem allgemeinen sichtbaren Nebel gesellte sich noch ein weiteres, das im Dunkel schleicht: Längst verschwunden geglaubte Gehässigkeiten und Verfolgungsgelüfte gegen unsere Glaubensbrüder nämlich werden im Herzen Bösgesinnter und Beutedürstiger wachgerufen, zu deren Verbreitung in de« niedern Volksschichten naturgemäß Lüge und Verleumdung die thätigsten Handlanger, wie überhaupt kein Mittel zu schlecht, keme Gelegenheit zu unwillkommen. Und bereits haben jene im Dunkel geschmiedeten verdammungswürdigen Pläne an vielen Orten die bedauerlichsten Vorfälle zu Tage gefördert, die den Charakter beabsichtigter Judenverfolgung unleugbar an der Stirne tragen, Erscheinungen, denen Gottlob die Gerechtigkeitsliebe der Behörden in rühmlichster Weise entgegen getreten ist, und vor deren Wiederholung uns der Allgütige gnädigst bewahren möge. Gehen wir nun mit ruhigem Ernste und strenger Gewissenhaftigkeit an das heilige Werk der Selbstprüfung, forschen und suchen wir in unfern Wegen, ob wir gewandelt sind auf den von unserer heiligen Thora vorgeschriebenen Pfaden, ob wir die Lehren, Gesetze und Vorschriften derselben, deren Wege allesammt die der Liebe, deren Pfade allesammt die des Friedens sind, mrt all unserer Kraft treulich erfüllt haben. Ist das Ergebniß dieser Forschung ein befriedigendes — nun, dann dürfen wir beruhigt sagen: „Uns ist wohl bange, aber wir verzagen nicht, wir sehen getrost der Zukunft entgegen, wir haben als Menschenkinder das Unsrige gethan und können und dürfen von unserem himmlischem Vater vertrauensvoll mit Zuversicht erwarten, daß er Alles in seiner unbegrenzten Liebe upd unendlichen Weisheit zum Besten für uns ausführen wird." Mögen die Zeiten noch so trübe sein und schwere, harte Prüfungen uns auferlegt werden, wir unterliegen nicht, die gewaltigsten Stürme werden uns nicht mederbeugen. und die brandendsten Wogen und Brandungen uns nicht verschlingen. Die h. Bücher unserer Religionslehre und die Profangeschichte lehren es in unzähligen Beispielen, daß oft einzelne große, fromme und tugendhafte Männer sowohl, als ein ganM Volk hart und schwer geprüft wurden, aber daß sie auch desto kräftiger und glücklicher aus diesen Prüfungen hervorgingen, und daß durch die unerforschliche Weisheit des AlllenkerS grade diese harten Prüfungen die