Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1866)
- Date
- 1866-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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460 Geist des Raches und der Stärke ist; der freudig regt seinen Flügelschlag, wo seiner Kraft eine Aufgabe ward gestellt; der kühn und stolz im Gefühle seiner eingeborenen Würde, seiner angestammten himmlischen Natur getreu, wie ein Adler sich erhebt zum Fluge und der leuchtenden Sonne sich entgegenschwingt; — ein Geist des Rathes, der sorgsam wachet und sinnet, wo er fördern und helfen, wo er erheben und kräftigen kann; ein Geist der Stärke, dem nimmer der Muth erlahmt, und gälte es, das Schwierigste zu überwinden. Nein, das ist der rinOvTi kiii, der Geist der Sünde, der unfaubern Engherzigkeit, des bösen Willens oder der trägen Willenslosigkeit! Wie? Es ist die Frucht des vorgeschrittenen Geistes, wenn die größten und heiligsten Gedanken, wenn die höchsten und beseligendsten Wahrheiten, wenn die erhabensten und mächtigsten Empfindungen wie ein leerer Schall, wie ein verrauschender Ton an dem Geiste vorübergehen, keinen Nachhall wecken in der empfänglichen Brust? Ihr sprächet von dem erstarkten Geiste, von der vorgeschrittenen Bildung der Zeit. Wohlan! Wenn der Jubelruf eures begeisterten Innern, wenn das Danklied eurer gerührten Seelen, wenn die Sehnsucht eurer gotterfüllten Brust anders lautet, als die veralteten Hymnen eurer Sänger, als die verjährten Worte eurer alten Dichter, — so lastet mich hören euren Sang, hören eure Stimme, wenn sie so lieblich! Das wäre freilich eine Frucht des Fortschrittes! — Dann könnten wir es wohl wissen, daß der Geist seine Jugendspicle hat aufgegeben und mit männlichem Ernste seinem Berufe folgt, wenn Gott in anderer, höherer, heiligerer Weise gefeiert, in tieferer Inbrunst angebetet wird, als von jenen Gottesdienern der grauen Vorwelt! Aber von dem begeisterten Sänger und dem frommen Beter, in besten heiliger Brust es wie Harfen tönt und wie Flöten klagt, zu dem Geschlechts, das stumm und in sich versenkt den Mund schließet, weil Nichts in der Brust sich reget; das keinen Laut seinem Gotte weihet, weil es ihn nicht suchen und nicht finden kann, — ist kein Fortschritt, sondern, sollte ich doch denken, ist vielmehr ein schmählicher Rückschritt! Das ist wieder nicht der Geist Gottes, den er auf uns gelegt; nicht der Geist des Fortschrittes, der in seiner Allmacht die von ihm Erfüllten mit sich reißt, der als Leben und Freudigkeit, als Begeisterung und.selige Lust in dem Herzen sich verkündet! Oder wäre es die Frucht des gereiften Geistes in den Kindern der Gegenwart, wenn sie um den Tand und das nutzlose Prunkwesen Kuhlen und um den Glanz der Erden, und darüber sich und Gott und die Lehre und das Leben vergessen? wenn der verhärtete, verbaute Sinn außer dem gewohnten Geleise, in dem er sich augenlos herumbewegt, nichts Höheres kennt, noch kennen will, noch zu verstehen vermag? Das ist er auch nicht, der Geist Gottes, der ein .-irnn ein Geist der Weisheit und der Einsicht *) ist, der in feinem eigenen Innern forschet und die Tiefen der eigenen Brust durchdringt und überall das Ewige und Heilige suchet und findet! Und wenn Mann und Weib, Vater und Mutter, ein Jeglicher auf andere Weise, dem Unnützen nachgehen; wenn dort der Gewinn, hier die Eitelkeit, wenn dort der Erwerb, hier der Verbrauch, wenn dort die ewige Sorge und hier die unablässige Beschäftigung mit werthlosen Thorheiten jeglichen höheren Sinn ertödtet, und die zarten Sprößlinge, die Jugend, ohne Beispiel und Vorbild, ohne Lehre und Weisung heranwachsen: so ist es wiederum nicht der Geist Gottes, der^.-i r>p-> der Geist der Erkenntniß und Furcht Gottes **), der darin sich offenbaret, sondern der böse, unheilige Geist der Erde, der gottverlassene Sinn der Eitelkeit! In allen diesen Erscheinungen, die wir uns nicht ableugnen können, liegt dem Göttlichen entfremdete, dem Unheile zugewandte Sinn des Zeitalters offen vor. Ihr könnet, wie es meist zu geschehen pflegt, gedankenlos und gleichgültig über sie hinaussehen; ihr könnet wie es auch wohl geschiehet, höhnisch darob lächeln, daß dergleichen gerügt und gezüchtigt wird; ihr könnet immerhin selbst Den einen Thoren schelten, in dem ein höherer, göttlicher Sinn waltet, der mit einem Lichte, wie es eben nur die Religion und der in ihr wohnende Gotteshauch darbietet, in diese dunklen Gänge hineinschaut nnd sie als trostlose, dumpfe Oeden bezeichnet; — im-,.-! ..ein Thdr ist der Prophet, wahnwitzig der Begeisterte!" ***) rief auch vor Jahrtausenden ein Geschlecht dem mahnenden Boten zu; — aber, meine Theuren, von Fortschritten, von einem Standpunkt erhöhter Einsicht und Bildung kann einstweilen noch keine Rede sein! So lange das bereits durch die Lehre Gegebene, das durch Jahrhunderte Errungene nicht als gemeinsamer Besitz heimisch ist in unserer Mitte, wird ein Jeglicher von uns beschämt zurücktreten müssen vor dem ernsten Geiste der Vergangenheit! Es werden jene altergrauen Gestalten mahnend, mit ernstem Blicke an uns herantreten und fragen: Habt ihr die Höhen überstiegen, zu denen wir uns erhoben, daß ihr so stolz und wegwerfend auf uns herabsehet? Wollet ihr in eurer Eilfertigkeit und Hast, in eurer ruhelosen Geschäftigkeit, die ihr kaum Muße h^bt für euch selber, so gelegentlich den Bau der Jahrtausende Umstürzen, oder mit zierlichem Schnitzwerk und kleinem Geschnörkel verschönen, und meinen, ihr habet ihm die ragenden Pfeiler unterbaut, die gewaltige Kuppel ihm aufgesetzt? Das alte Heiligthum Israels hat noch andere Stürme und Wetter überdauert als eure klei- *) Jes. das. **) Jes. das. ***) Hos. 9, 7.