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Der Israelit · 1866-06-13 · Heft 24 (13.6.1866) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 24 (13.6.1866)
Date
1866-06-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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414 Manne: „Herr Gabriel! ich habe vor einigen Tagen bei dem großen Wasser einen sehr schönen Baum aufgefangen, den könntet Ihr wohl brauchen; Ihr könntet viele hübsche Dinge daraus drechseln." „Ich will ihn sehen," sagte der Drechsler. Er kam zu dem Fischer, sah den Baum, und da derselbe ihm gefiel, so kaufte er ihn und ließ ihn sich heimbringen. Als er aber zu Hause den Baum spaltete und all den Reichthum darin fand, welchen der Geizhals so sorgfältig hineingelegt hatte, da war der gute Drechsler gar freudig über den Fund, den Gott ihm beschert hat. Der Mann indeß, der früher so reich war, war seit dem großen Wasser so arm geworden, daß er im Lande umkerziehen und gute Menschen um ein Almosen ansprechen mußte, und nur zu oft hatte er Ge legenheit zu empfinden, wie wehe es dem Armen thut, wenn er vor der Thüre hart abgewiesen wird. Da sprach der arme Mann eines Tages zu seiner Frau: „Laß uns doch nach Jerusalem gehen und sehen, ob unser Geld wirklich dahin gewandert ist, wie die Stimme gesprochen hat." Sie machten sich also beide aus und gingen nach Jerusalem. Dort angekommen, frug n sie nach dem Drechssir Gabriel. Man schilderte ihnen denselben als einen sehr wohlthätigen Mann, und sie gingen in sein Haus, ließen sich aber von Allem nichts merken. Sie kamen gerade an einem Tage hin, als eben der Drechsler ein festliches Essen der Braut seines Sohnes zu Ehren bereitete, dessen Hochzeit in einigen Tagen gefeiert werden sollte. Der Tisch war bereits mit silbernen und goldenen Gesäßen besetzt. Da sahen denn die armen Leute alle kostbaren Pokale, die einst ihnen gehörten, hier auf dem Tische stehen, und sie konnten sich nicht länger halten und Huben an zu weinen. Als dieß die Frau des Drechslers sah. trat sie zu ihnen und frug sie, weßhalb sie so weinten. Sie wollten es nicht sogen. Aber die Frau sprach: „Ihr weint gewiß nicht ohne Ursache," und drang so lange mit Bitten in die Frau des armen Mannes, daß diese ihr endlich alles erzählte, wie die hübschen Gesäße da fast alle ihnen einst gehört hätten, und wie es ihnen mit dem Gelde und mit der Stimme gegangen, und wie der Baum hinweggeschwemmt worden sei, und wie die Stimme so wahr gesprochen habe; „denn," sagte sie, „wir sehen nun alle unsere Kostbarkeiten und Kleinodien in Eurer Hand." — „Fasset Euch, Ihr guten Leute!" sprach die Frau des Drechslers, „seid guten Muths und feiert fröhlich den heutigen Tag mit uns. Wenn das Gut, das wir im Baume gefunden, Euer war, so wollen wir's Euch nicht vorenthalten. Wir haben gottlob genug, daß wir das Eure nicht brauchen." Aber der Mann und seine Frau sprachen: „Wir wollen nichts wieder haben. Hätten wir das Geld behalten sollen, so hätte die Stimme es zu nehmen uns nicht verwehrt. Wir sehen wohl, daß es Euch beschert war. Gott hat es uns genommen, weil wir uns damit versündigt haben, und es Euch gegeben, weil er es da besser angelegt weiß." — Der Drechsler vernahm die wunderbare Mähr von seiner Frau. Da beschloß das brave Paar, einen hübschen Kuchen zu backen, den Kuchen mit allerlei Gewürz, mit Rosinen und M ndeln zu füllen, aber auch, ohne daß es jemand wisse, vierhundert Goldgulden hineinzulegen und diesen Kuchen den Leuten mit aus den Weg zu geben. Als nun der Morgen kam und die Leute von dem Drechsler und seiner Frau mit weinenden Augen Abschied nahmen, wollte ihnen der Drechsler eine große Summe Geldes geben; aber sie wiesen es standhaft zurück. „So nehmet denn," sprach seine Frau, „wenigstens diesen Kuchen mit auf den Weg; er wird Euch wohl bekommen. Wenn es Euch hungert, brecht ihn auf und labt Euer Herz daran." Aber auch den Kuchen wollten die tiefgebeugten Leute nicht annehmen. Doch die gute Frau Gabriel drang so lange in die arme Frau und bat sie so innig, bis diese endlich den Kuchen nahm und in ihr Tuch einwickelte.' Hierauf zogen die Leute bedrängten Herzens weiter. Da kamen sie auf ihrem Wege an eine Brücke, an deren Eingang ein Zöllner saß. Sie sollten den Brückenzoll entrichten, und da sie kein Geld hatten, so sprachen sie zum Zöllner: „Geld können wir Dir keines geben; wir haben aber hier einen hübschen Kuchen, den wollen wir Dir für den Zoll geben." — Der Zöllner besah sich den Kuchen und sagte: „Ich bin es zufrieden." Er nahm den Kuchen und ließ die Leute weiter ziehen, indem er zu sich sprach: „Der Kuchen kommt mir gerade recht. Der Drechsler Gabriel zu Jerusalem feiert diese Woche die Hochzeit seines Sohnes. Der Mann hat mir schon viel Gutes erwiesen, und so will ich ihm den hübschen Kuchen* zum Hochzeitsgeschenke für seinen Sohn bringen; ich werde gewiß damit Ehre einlegen." Er that also, ging nach Jerusalem und brachte dem Drechsler den Kuchen. Da sprach der Drechsler, als er seinen eigenen Kuchen wieder erkannte, in frommer Demuth zu seiner Frau 7 „Wohl spricht Gott: „„Das Silber und das Gold gehört mir!"" und wer es nicht haben soll, bei dem bleibt es nicht." — Der Drechsler und seine Frau führten nach wie vor ein thätiges, frommes Leben, und ihr Haus stand jedem Bedrängten und der Hülse Bedürftigen offen; von jenen Leuten aber hörten sie nie wieder. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: l)r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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