Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1866)
- Date
- 1866-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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408 stichhaltige ihrer Ansicht erhellet schon daher, daß, wenn nur durch die Fernhaltpng von bösem Eindrücke (Beispiele) die moralische Nockur des Menschen rein gehalten werden könne, was wohl unter einer negativen Erziehung zu verstehen ist, auch gleich zugegeben wird, daß die Empfänglichkeit für das Böse nicht negirt werden kann. Was ist denn -solche Empfänglichkeit anders, als die Möglichkeit, sich auch nach der Seite des Bösen hin entwickeln zu können, oder die Anlage zum Bösen? Aber auch die unbedingte Anlage und Neigung zum Bösen, oder die absolute Unfähigkeit zur Ausübung des Guten, ohne das Dazwischentreten eines göttlichen Einflusses, erkennt das Judenthum nicht an. Wenn auch nach dem Ausspruche unserer Weisen der pn der Trieb zum Bösen, dem Kinde schon von Geburt an innewohnt, während der 212.1 iL' erst nach vollendetem dreizehnten Lebensjahre hervortritt, so ist damit keineswegs gesagt, daß in dieser Periode des Lebens das Kind nicht fähig sei, wirklich Gutes zu thun, sondern es werden solche lobenswerthe Handlungen, die wir ja täglich bei noch unerwachsenen Kindern wahrnehmen können, nicht aus so edlen, vernunftgemäßen Motiven geschehen, zu deren Entfaltung ein vorgerücktes Alter erst die Fähigkeit mit sich bringt. Wohl ist die Neigung zum Bösen häufig vorherrschend und äußert sich in der frühesten Jugend mit Uebergewicht, doch ist es zu viel gesagt, daß die menschliche Natur von Grund aus böse sei, sonst müßten jr Kinder, die noch ganz Natur sind, nichts als Böses offenbaren. Es würde uns diese Ansicht auf denjenigen Standpunkt hinüberführen, der die Erbsünde als Characterzug des Menschen anerkennt, was sich aber nirgends in der jüdischen Religion begründen läßt. Wie entschieden sogar das Judenthum diesen Ansichten widerstrebt, wie sehr eine solche Behauptung gegen die Grundsätze unserer heiligen Religion ist: das geht aus Folgendem deutlich hervor. Bekanntlich gibt es für uns keinen Zufall. Alles, was sich um uns ereignet vom großen weltgeschichtlichen Ereigniß, das auf ganze Länder und Staaten vom durchgreifendsten Einfluß ist, bis auf das Geringfügigste, das kein Mensch der Beachtung würdigt, ist durch göttlichen Einfluß, durch eine besondere Vorsehung so geschehen. Mit diesem benennt das Judenthum eine seiner Hauptglaubensregein, die i'vis imni, die besondere Vorsehung. Der beschränkte Gedankenkreis vieler Menschen läßt ihnen dieses nicht für wahrscheinlich erscheinen, weil sich selbst der tiefste Denker keinen Begriff von der Größe des Allmächtigen machen kann, und es einmal so unsere Eigenheit geworden, von dem Nahen auf das Entferntere zu schließen, weil die menschliche Thätigkeit, wenn sie solche sein soll, sich nur auf einen relativ geringen Raum beschränkt. Der orthodoxe Jude jedoch glaubt an eine solche Vorsehung, vertraut auf die Güte seines Vaters im Him- 'mel und vermeid^ in Folge dessen oft die Ausübung de-Bösen, weil er weiß, daß er einst darüber Rechenschaft ablegen müsse. So ausgedehnt aber bei ihm der Begriff über diese Vorsehung, und der götttiche Einfluß auf alles Thun und Treiben in der Welt ist, so schließt er dennoch einen Fall davon aus, uüd dies ist gerade der göttliche Einfluß auf die Freiheit des Willens. Ganz unumschränkt kann der Mensch über seinen Willen verfügen, kein Hinderniß wird ihm in den Weg gelegt, wenn er daraus beharrt, Böses zu thun. Er ist gerade hierin vollständig autonom, was der Talmud in dem Satze zusammenfaßt: 'i'2 ^>21 O'vw ir-ri'Q ^1 L'OL», Alles beeinflußt der himmlische Vater, nur die GottesfMLt nicht. Es wird also die.Mdische Erziehung sich weder unbedingt an die eine noch ,au dje andere Anschauungsweise anschließen können. Wie die Lebensweise aller anderen Völker hauptsächlich die Ausübung derjenigen Gesetze für die höchste und vollkommenste Tugend gelten läßt, die durch die gegenseitigen socialen Interessen als nothwendig anerkannt sind, so ist die Erreichung dieses Zieles auch das Hauptaugenmerk des nichtjüdischen Erziehers. Ganz anders aber verhält es sich bei uns Juden. Jeder Tag, jede Stunde mahnt uns an die Erfüllung eines göttlichen Gebotes, und ist es uns in jeder Minute möglich, dieses oder jenes Verbot zu übertreten. Wir beobachten nicht allein sämmtliche Ge- und Verbote, die zur allgemeinen Tugend gehören, noch viel genauer als alle übrigen Nationen, sondern es sind auch noch viele viele andere Observationen, die der jüdische Erzieher seinem Zögling gleichsam anerziehen muß, damit sie ihm durch beständiges Ausüben gleichsam zur zweiten Natur werden, ovvsustuäo üt alters, natura. Im Allgemeinen unterscheidet man in der Pädagogik drei Entwicklungsstufen : 1) Die Stufe der Sinnlichkeit; derjenige Zustand, in welchem sich die ganze Seelenthätigkeit auf den Einfluß äußerer Erregungen beschränkt. 2) Die Stufe der Gewohnheit und Phantasie. 3) Die Bildungsstufe der freien Selbstbestimmung. Auch die jüdische Erziehung, wiewohl im Einzelnen von der allgemeinen Erziehung abweichend, erkennt drei Bildungsstufen an, die ebenfalls mit der Sinnlichkeit anfangen aber mit der zur Gewohnheit gewordenen Denk- und Handlungsweise nach einer bestimmten Richtung hin gipfeln. Schon in frühester Jugend muß der jüdische Erzieher bedacht sein, seinen Zögling an die Ausübung der göttlichen Gebote zu gewöhnen. Sobald das Kind nur sprechen kann, soll ihm schon das Bewußtsein seiner jüdischen Abstammung dermaßen klar gemacht