Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1866)
- Date
- 1866-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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308 Bescheidenheit ihm nicht erlaubte, selbst den geringsten Schritt für seine Wahl zum Delegirten zu thun, durch das dortige Consistormm, seine Pedellen, Agenten und Commissäre alle Anstrengung«» gemacht, die Wahl dieses gesinnungstüchtigen Mannes zu hintertreiben. Was aber noch viel trauriger ist, selbst der dortige Rabkme und «och zwei oder drei OrtZrabAnen haben sich so weit vergessen, die Brandfackel des Hasses und der Zwietracht in ihre Heerden schleudern zu helfen, die sie in Liebe und Brüderlichkeit vereinen sollten. Doch, wer kennt die verderbliche Regel nicht, daß der Zweck die Mittel heilige! Dessenungeachtet hat Herr Levy-Bing bei der Wahl 441 Stimmen erhalten, was um so ehrenvoller für ihn ist, weil er sich ohne jede officielle Recommandation präfentirte. Es darf durchaus nicht unterschätzt werden, wie Vieles von der Wahl des Oberrabbinen von Frankreich abhängt; daher mag es auch wohl kommen, daß die Entscheidung immer noch auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben wird. Unter den drei Candidaten, den Rabbinen zu Colmar und Marseille, und dem Rabbiner der Gemeinde zu Paris ist zwar nicht ein einziger, der sich so entschieden der Reform zuneigt, als es viele deutsche Rabbinen thun. Jedoch ist auch zwischen diesen dreien ein höchst bedeutender Unterschied in Bezug auf ihre Befähigung zum Consistorialrabbinen. So waren z. B. die beiden früheren Rabbinen, der sel. Marchand Ennery und Ulmann, keineswegs der Reform geneigt. Ennery verbot den portugiesischen Juden zu Paris ganz entschieden die Anwendung der Orgel beim Gottesdienst am Sabbat und an Feiertagen. Ulman sprach sich in einem Rabbinatsausschreiben einst in folgenden Worten aus: „Und wenn durch das Unglück der Zeit einst die Autorität in verbrecherische Hände kommen sollte, die dem israel. Principe zuwider, die Lehre fälschen und denaturalisiren, die Gebräuche ändern wollten, so wird es nie an einem energischen Widerstande fehlen, so daß man doch endlich wieder in die sicheren Geleise der Tradition einleiten wird." Beide Männer waren wohl ausgezeichnet durch aufrichtige Frömmigkeit und vorzüglichen Character; aber sie waren schwach, zu nachsichtig bis zum Vergessen ihrer Amtspflichten, ohne Energie; sie hatten den Muth nicht, die Initiative zu ergreifen, sich dein Usbel entgegen zu stellen und das Gute zu befördern. Dieses verderbliche Sichgehenlaffen hat leider seine traurigen Folgen von der großxir Hauptstadt an bis in das entlegenste Grenzdsrfchen-'des Kaiserreichs nach sich gezogen. Me haben diese Männer ihre Machü verwerthet? Wo sind die Theologen, die sie ausgestellt haben? Wo sind die , dre sie in den Consistorialstädten errichtet haben? Wohin ist es mit der religiöse« Erziehung der Jugend gekommen, die in nicht- Msscheu Anstalten erzogen, täglich unsere heiligen Gesetze Übertritt, und dieses unter den Augen der Rabbinen, die ihr den — Religionsunterricht ertheilen? WaS ist aus der häusliche» Frömmigkeit, aus dem öffentlichen Gottesdienste geworden? Wo sind heute noch die jüdischen Gemeindevorsteher, die durch ihren Lebenswandel als Muster der Frömmigkeit dastehen und im Festhalten an dem alten Glauben und den heiligen Sitten unserer Ahnen ihren Gemeindeangehörigen vorangehen? Was würde aus dem Judenthum werden, wenn der schon so krasse Jndifferentismus immere größere Dimensionen anuehmen sollte? Bei den obwaltenden Verhältnissen genügt es nicht, daß der Consistorialrabbine nicht nur durch Neuerungen den Frieden in den Gemeinden nicht störe, sondern es müssen auch dem religiösen Leben neue Bahnen geöffnet werden, der alte Eifer für .-nni urw'- in Frankreich muß wieder so in's Leben gerufen werden, wie er früher unter unserer Lehrern, den wLvm war. Diese Fähigkeit, diesen Eifer für unsere heilige Thora hat nun unter den drei Candidaten Keiner besser an den Tag gelegt, als Herr Rabbiner Klein zu Colmar. Er ist es, der unter den jetzt fungirenden Rabbinen Frankreichs die besten Werke verfaßt hat, der unsere Religion stets gegen alle Angriffe, die in französischer Sprache hervortraten, in Schutz genommen hat. Er ist es ferner, dem selbst seine erbittertsten Gegner nicht absprechen können, daß er unter allen seinen College» das meiste Wissen, sowohl in religiösen als in weltlichen Disciplinen, besitze, dem auch sie nur den einzigen Vorwurf machen können, daß er zu stabil sei d. h. nach unserer Auffassung, daß er eine Ueberzeugung habe und an dieser festhalte. Wenn ein solcher Mann an die Spitze des religiösen Lebens in Frankreich treten würde, so wäre es ein wahres Glück für unsere westlichen Nachbarn. Unter einer solchen Oberleitung würde die Einheit der Gemeinden gesichert sein. Noch ist Hoffnung dafür vorhanden, denn in Frankreich hat der DLmon der Reform in Gestalt der Orgel bis jetzt außer Paris nur in Nancy und in Straßburg Fuß fassen können. Mögen die Wähler sich ihrer folgeschweren Aufgabe bewußt sein, und unter den Würdigen den Würdigsten erwählen, und der Friede wird für immer gesichert fein.