Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-04-25 · Heft 17 (25.4.1866) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 17 (25.4.1866)
Date
1866-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447256--04143-2459581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

290 Uebertritt aus dem Judentbum zum Christenthum zu bewegen. Die evangelische Mission verabscheut alle jesuitischen Grundsätze. Sie will nur auf sittlichem Wege wirken; und wer, wie wir, je das Glück hatte, den gegenwärtigen Bischof von Jerusalem kennen zu lernen, einen ebenso in des Herrn Wegen erfahrenen und nüchternen, als in die Verhältnisse des Morgenlandes tief eingerveihten Mann, der wird wissen, wie weit derselbe von aller jämmerlichen Proselytenmacherei entfernt ist. Wir wollen den Juden in ihrer inneren Noth, aber auch in ihren äußeren Bedrängnissen, so viel an uns ist, helfen, um dadurch den Glauben zu beweisen, der in der Liebe thätig ist, und das halten wir für unsere Pflicht gegen Jedermann. Daß wir dabei wünschen, der Empfänger von Wohlthaten möchte nicht bei der äußeren Gabe stehen bleiben, sondern auch den Sinn erkennen, in w.lchem wir dieselbe gespendet, ist doch nur in der Ordnung, — also, wenn ein Jude der Gegenstand unserer christlichen Liebe ist, so wünschen wir, daß er nach der Quelle, nach der Triebfeder unserer Handlungsweise gegen ihn forsche und womöglich unseres Herzens tiefstes Motiv erkenne: Die Liebe des Messias Israels, dringet uns also gegen Israel! Fühlt der Jude Etwas davon, so ist das Gottes Sache, der sein Herz bewegt hat und es weiter führen kann. Aber das sind freilich Dinge, welche die heutigen Rabbiner nicht verstehen. Sie werden aber durch alle ihre Schmähungen der Mission weder die Herzen der Juden in Jerusalem, noch sonst wo zu entfremden im Stande sein. Denn diese sehen gerade in der Noth thatsächlich, wer die uneigennützigen und anspruchslosen Freunde Israels sind? ob die Rabbiner oder die Missionäre? Wir können's auf die Probe getrost ankommen lassen: „Der wahre Freund wird in der Noth erkannt!" Warum berichtet Bischof vr. Gobat nicht von jenen 2000 Juden, die drei Monate lang jammernd und weheklagend täglich vor seine Thür kamen und Nahrung und Kleidung begehrten, daß er ihnen die Taufe als sicherstes Mittel der Rettung aus ihrer Bedrängniß gerathen, oder gar, daß er die Mehrzahl von ihnen wirklich getauft habe? Hätte er nicht, wenn er nach den rabbinischen Verdächtigungen gehandelt, leichten Kaufes große Massen zum Uebertritt bewegen können? Aber er hat es nicht gethan. Er berichtet in keuschem Wahrheitssinne nur von 6 erwachsenen Israeliten, welche „im Laufe des Jahres 1865 in Jerusalem nach gründlichem Unterricht und wohl bestandener Prüfung die heilige Taufe empfangen haben und durch ihren Wandel ihm Freude machten." Wir haben hiezu zu bemerken: 1) Die Worte, die wir aus dem Schreiben des Bischofs Gobat citirt haben, lagen uns so in einem Württemberger Blatte wörtlich vor; übrigens ist auch der Unterschied nicht erheblich. 2) Daß die Mission, deren ganzer Endzweck, deren ganzes „Geschäft" nichts als Proselytenmacherei ist, sich nicht entblödet zu behaupten: sie oder ihre Vertreter seien von aller jämmerlichen Proselytenmacherei weit entfernt, ist doch mehr als naiv; das klingt fast wie Blödsinn, und soll wohl auch nur dazu dienen, die Leser des ins Rede stehenden Blattes hinters Licht zu führen. Will aber das Barmer Missionsblatt zwischen „Proselytenmacherei" und „jämmerlicher Proselytenmacherei" unterscheiden, so sagen wir ihm ganz offen, daß alle Proselytenmacherei eine jämmerliche ist. 3) „Daß die Rabbinen nicht im Stande sein werden, die Herzen der Juden zu Jerusalem noch sonst wo der Mission zu entfremden", gestehen wir gerne zu; denn man kann Niemandem Herzen entfremden, der diese nie besessen hat. Wo noch haben die Missionäre bei wahrhaften und unterrichteten Juden Vertrauen oder auch nur Entgegenkommen gefunden? Die meisten Eroberungen, die sie machen, bestehen in elenden und verkommenen Subjecten, die sich für Geld oder durch Versprechungen erkaufen lassen. 4) Das Missionsblatt thut sich viel darauf zu Gute, daß die Missionäre in der Noth den Juden beistehen; aber das ist es gerade, was gegen dieselben zeugt. Es ist leider nur allzuwahr, daß sie die Noth unserer armen Glaubensgenossen auszubeuten trachten. 5) „Ob die Rabbiner oder die Missionäre uneigennützigere und anspruchslosere Freunde der Juden sind?" — Sonderbare Frage! Kennen die Herren Missionäre vielleicht die Fabel von der Katze, die das junge Mäuslein lockt? O, die uneigennützige und anspruchslose Katze, wie wird sie das junge Mäuslein streicheln und liebkosen und mit Leckerbissen füttern! Pfui, über die garstige alte Maus, die das liebe Kindlein vor den goldenen Verheißungen der liebenswürdigen Katze warnt! Wären die Herren nicht so überaus gescheidt, man wäre versucht, sie für herzlich dumm zu halten. — 6) Ganz ungemein komisch klingt die Frage, warum Herr vr. Gobat nicht 2000 Juden getauft habe. Der edle Mann hat es nicht thun wollen; er hat sich im Jahre 1865 mit acht Proselyten begnügt, die ihm durch ihren Wandel Freude machten. Warum haben ihm aber die 1992 Anderen keine Freude gemacht? Weil sie sich nicht laufen lassen wollten! — Wir empfehlen den Herren aufs Angelegentlichste die Lectüre der Aesopischen Fabeln; da werden sie die Geschichte vom Fuchs und den Trauben finden; die paßt mit einigen Variationen. Wie edel hat doch der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.