Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1866)
- Date
- 1866-04-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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259 Allerdings gibt es nicht wenige emanzipirte Juden in London, d. h. solche welche den Sabbat auf den Sonntag verlegen; diese Indifferenten jedoch, welche jede Religionsgesellschaft aufzuweisen hat, bilden die Ausnahme von der allgemeinen Regel. Im Ganzen und Allgemeinen hängen die Nachkommen Iakob's an der Themse an den jüdischen Satzungen, und die Engländer finden dies natürlich. Der selige Lord Palmer st on sagte einst zu einem jüdischen Kaufmann, der sich ihm an einem Sabbath im auswärtigen Amte vorsiellte und ihn seiner tiefen Ergebenheit versicherte: „Wenn Sie es mit mir so ehrlich meinen wie mit ihrem Gott, so werde ich dabei schlecht fahren. Ein Jude, der am Sabbath Geschäfte sucht, kommt mir immer so vor, wie ein Pfarrer, der Butter schlagt, während die Gemeinde in der Kirche seines .tröstenden Wortes harret." Diese echt humane Toleranz wohnt jedem gebildeten Engländer inne; sie ist ein Ausfluß der wahren Gewissensfreiheit. Auf ven Straßen, die wir oben bezeichnet, herrschte seit einigen Wochen eine lebhafte Agitation; kein Zweifel, etwas Großes war im Anzuge, und damit es kurz berausgcsagt werde, die Agitation galt einem „Seder- M eet ing", das auch glücklich in Scene gesetzt wurde. „Seder" heißt nämlich der weihevolle Akt in den jüdischen Familienzirkeln, bei welchem unter Sang und Wein der wunderbare Auszug aus Egypten traditionell erzählt wird. Jede Familie feiert den „Seder", selbst die Armen und Heimathlosen im Volke finden leicht eine gastliche Stätte am Tische des reichen Glaubensgenosse und doch — waren bisher die Wittwen und elternlosen Waisen, die verschämten Armen, die Fremden, die vom Schiffbruch des Lebens an die Themse- Ufer Geworfenen von diesem Weiheakte ausgeschloffen. Den vereinten Kräften sollte das gelingen, was dem Einzelnen unmöglich war. Zu diesem Zwecke wurde ein Meeting angeordnet. An 400 Personen, darunter viele Glieder der höchsten Aristokratie, betheiligten sich an dieser Versammlung, welche die Realisirung eines humanen Zweckes sich zur Aufgabe gestellt hatte. Der edle Lord Shaftesbury, der überall dabei ist, wo es gilt, eine Thräne zu trocknen, der feuereifrige Stuart Disraeli, Gibson und viele Andere waren da; auch die Frauen, deren Lebensziel das Balsamtraufeln in die offene» Wund« ist, fehlten nicht. Selbstverständlich waren die vornehmsten Israeliten Londons zugegen. Als der gräse Sir Moses Montefisre in den Saal trat, wurde derselbe non einem donnernden „Cheer" begrüßt. Mir wollen die interessanten Debatte« dieses „Seder-Meeting-" mit Stillschweigen Obergehen «ud aus denselben nur einzelne statistische Curcosa hervorheben. In London leben derzeit 7000 jüdische Familien; von diesen find 854 deutsche, 23 französrrche, ans dem Elsaß eingewandert, 480 aus Polen, 43 äthiopischer Rare, 120 Espagnolen, 4 aus China. Ihrer Beschäftigung nach find mehr als ein Driktheil Kaufleute und Banquiers, 120 Aerzte, 14 Schriftsteller und Journalisten, 124 Künstler, darunter 40 Photographen, 30 Chemiker, 114 Staatsbeamte und Advokaten, 33 Polizeibeamte und Detektifs, 240 Fabriks- und Doksarbeiter. 241 notorische Taschendiebe u.Gauner. In den Gefängnissen des Königreichs berauben sich im Jahre 1865 4 Individuen wegen Raub, 2 wegen Betrug. 18 wegen Bettel und zwei Damen wegen unsicheren Gewerbes. Es ward in dieser Versammlung die Resolution gefaßt, „es sei dem Geiste und der Würde der Bekenner des jüdischen Glaubens geboten, auf öffentliche Kosten den Heimathlosen und Bedürftigen die Gelegenheit zu bieten, die Prffafeier im religiösen, nationalen Sinne begehen zu können, und es sei zu diesem Zwecke zur Aufbringung der Mittel eine Subscription zu eröffnen." Als Ergebniß dieser Subskription stellte sich nach Verlauf einiger Tage der Betrag von fünftausend Pfund heraus, worauf die Sammlung geschlossen wurde. Am Vorabende des jüdischen Osterfestes hielten die Notablen Revue über das Elend des Hauses Jakob. In einem geräumigen festlich geschmückten Saale, an dessen Eingang in Lapidarschrift die Worte der Hagada glänzten : „Wer hungrig ist, möge esntreten und sich sättigen, wer bedürftig ist, komme einher und labe sich" waren an 400 Personen jeglichen Geschlechtes und Alters versammelt. Sie nahmen an einer langen reichgeschmückten Tafel Platz, auf welcher die Symbole des Osterfestes in silbernen Schalen prangten. Ein silbernerner Becher nebst einer mit Wein gefüllten Krystallflasche befanden sich neben jedem Gedecke, auf welchem zugleich ein Gebetbuch lag. Das Gebet begann in üblicher Wüse, es ward recht gemächlich gesungen; ein Summen war's wie in einem Bienenstöcke; ein 80jähriger Greis im langen schneeweißen Barte und Gewände hatte den Vorsitz, es war der Kapellmeister oder vielmehr der Präsident dieser bunt gewürfelten Beterschaar. Selbstverständlich ließen sich die „Andächtigen" auch die Speisen sehr wohl behagen, und fehlte es an Toasten und heiteren Sprüchen ebensowenig als an patriotischen Cheers auf die Königin. Mögen Andere die religiöse Feier würdig schildern und beschreiben, unsere Aufmerksamkeit galt den glücklich sich fühlenden Menschen. Da sahen wir den kleinen Loüy, unseren wohlbekannten Zeitungs-^lusträger mit der bewährten Llmge, die zu seinem Amte so