Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 13-14 (28.3.1866)
- Date
- 1866-03-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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230 ren. Seine Züge find regelmäßig, sogar schön; sein Auge ist sanft; seine Physiognomie, intelligent und fein, verräth zugleich viel Kaltblütigkeit und Energie. Seine Haltung ist einfach und ungekünstelt; seine Stimme klingt angenehm, fast furchtsam; er trägt mit einer gewissen Eleganz sein jüdisches Costüm; seine ganze Person hat den Anschein der herzlichsten Gutmüthigkeit, die jeden Gedanken an ein Verbrechen verscheucht, und wenn man ihn so ansieht, würde man nie glauben, daß dieser anscheinend harmlose Mensch, erzogen in der Mitte einer rechtschaffenen Bevölkerung und in religiösen Ideen, entfernt von jedem Acte der Heftigkeit und der Brutalität, im Stande war, die mörderische Hand gegen die eigene Schwester auszustrecken, sein Vaterhaus mit Blutschuld zu beflecken und doppelte Trauer zu verursachen. Herr Roussin, kaiserlicher Procurator, fungirt als Staatsanwalt. Herrn Lncet ist die Verteidigung übertragen. Folgendes find die Thatsachen, die Jacob Zerbib vor den Assisen-Hof gebracht haben. Am 8. Dezember vorigen Jahres, gegen 6 Uhr Morgens, traf Jacob Zerbib, von Bona kommend, zu Constantine ein. Er klopfte an die Thüre seines Vaters Jsaac, der im Judenviertel wohnte. Ein Nachbar, Zamorra, hörte ihn zuerst. Dieser bezeugte dem Angeklagten sein volles Erstaunen über sein ungewöhnliches Kommen und sein sonderbares Aussehen. Seine Familie glaubte in der That, daß er zu Bona sei, wo er schon lange Zeit wohnte. Jacob Zerbib erwiderte gar nicht auf die Bemerkungen des Zamorra, sondern bat ihn einfach, seine Mutter von seiner Ankunft in Kenntniß zu setzen. Zamorra willfahrte diesem Wunsche, und wenige Minuten später trat Jacob bei seinen Eltern ein, die nicht wenig überrascht waren, daß er jetzt sie besuche, ohne sie vorher davon benachrichtigt zu haben. In diesem Augenblick trat auch seine Schwester Amouna in das Zimmer; Jakob umarmte sie mit großer Zärtlichkeit, ebenso eine zweite Schwester, Namens Rosa, die ein wenig später kam. Die Netteste, Namens Ourerda, kam einige Minuten nachher. Kaum hatte sie jedoch ihren Arm ausgestreckt, um den Bruder zu umarmen, als sie einen schrecklichen Schrei ausstieß und ihre Hände auf den Leib hielt, aus dem die Eingeweide durch eine gräßliche Wunde hervordrangen. Das unglückliche Mädchen, ganz mit Blut bedeckt, versuchte zu fliehen, sank jedoch alsbald nieder, indem sie schrie: Ich bin des Todes, mein Bruder hat mich ge- Lödtet!" Der verhängnißvolle Stoß wurde so plötzlich ausgesührt, daß Niemand die Zeit hatte, denselben wahrzunehmen, noch das Messer blinken zu sehen, das zur Verübung des Verbrechens gedient hatte. Die Mutter und die beiden Schwestern, bestürzt von dem schrecklichen Vorfall, beeilten sich, der unglücklichen Ourerda zur Hilfe zu kommen; unterdessen verschwand Jacob. Die Nachbarn, die durch den Tumult und das Schreien aufgeweckt worden, liefen herbei; man rief einen Arzt, der einen Verband anlegte, allein die Verheerung, die die Waffe des Mörders angerichtet hatte, war zu schrecklich. Während die ganze Familie sich um die Verwundete drängte, erschien Jacob wieder. Er trat in den Hof des Hauses ein, stolperte wie ein Betrunkener, wälzte sich auf dem Pflaster und wand sich in den gräßlichsten Convulsionen. Seine Zähne waren aufeinandergepreßt, seine Lippen mit gelbem Schaum bedeckt; dabei stieß er schreckliche Schreie aus. Man brachte ihm sofort Hilfe, und einige Gegenmittel, die ihm auf Anordnung des Arztes gegeben wurden, brachten ihn wieder zur Besinnung und gleichzeitig zum Worte. Hierauf konnte er erzählen, daß er nach Vollendung seines Verbrechens sich mit Phosphor zu vergiften versucht habe. Seine Worte bezeugten große Aufregung, er schien jedoch sein Verbrechen nicht im Geringsten zu bereuen. Er hatte es vollbracht, um, wie er sich ausdrückte, die Ehre seiner Familie zu rächen. Das Betragen Oureidas war in der That sehr locker gewesen. Schon im Jahre 1861, als sie noch sehr jung war, wurde sie zum ersten Male Mutter. Der Angeklagte, obschon er damals erst dreizehn Jahre zählte, litt schrecklich, wie er dieses seither öfters an den Tag gelegt hatte, unter den verletzenden Folgen dieses Ereignisses. Lebend in der Mitte einer Bevölkerung, in der die Familientugenden durch eine fortlaufende Tradition erhalten werden, wurde er umsomehr von diesem Vorfall ergriffen, weil damit gleichsam die Ehre seines Vaterhauses viel verlor. Unterdessen vergingen Jahre. Alles schien vergessen; Jacob war mit seinem Bruder David nach Bona gegangen, wo er sich mit großer Emsigkeit seiner Arbeit hingab und ein thätiges und eingeschränktes Leben führte. Alles, was er und sein kleiner Bruder verdienten, wurde dazu angewendet, ihre armen Eltern zu Constantine zu unterstützen und ihnen zu helfen, die jüngeren Schwestern zu erziehen. Am 5. Dezember erhielt David, Jacobs Bruder, einen Brief von seinem Vater, der Folgendes enthielt: Gegen den 20. November wurde Oureida zum zweiten Male entbunden, aber diesmal von einem tobten Kinde. Das Geheimnisvolle dieses Vorfalls und die Zweifel des Bezirksamtes an der Richtigkeit der Angabe verursachten, daß die Leiche des Neugeborenen untersucht wurde. Bei der Section ergab sich jedoch, daß