Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 13-14 (28.3.1866)
- Date
- 1866-03-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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228 Tunis, und nachdem das feste Schloß Goleta, welches den Hafen beschützte, mit Sturm genommen, die Besatzung niedergemacht und alles Geschütz erobert worden war, gelang es auch, Haradin's Heer, welches sich in der Ebene bei Tunis aufgestellt hatte, in die Flucht zu schlagen und die Stadt einzunehmen. — Haradin entkam nach Algier, und so beschloß Carl, ihn auch dort aufzusuchen. — Ein neuer Krieg gegen den König von Frankreich rief ihn indessen zurück, und erst sechs Jahre später konnte er daran denken, seinen beschlossenen Zug gegen Algier zu unternehmen. — Obgleich die Jahreszeit für die Fahrt auf dem mittelländischen Meere nichts weniger als günstig war und Andreas Doria, der erfahrenste Seemann seiner Zeit, der auch bei dem früheren Zuge die Flotte befehligt hatte, nichts Gutes weissagte, mochte der Kaiser doch nicht davon abstehen, sein Vorhaben jetzt auszuführen. Am 20. Oktober 1541 erreichte auch die Flotte von beinahe 400 Schissen glücklich die Höhe von Algier, und das gewaltige Heer stieg an's Land. Aber schon am Abend, ehe noch Geschütz, Geräth und Vorrath ausgeschifst waren, erhob sich ein gewaltiger, furchtbarer Sturm, riß die Schiffe von den Ankern los und warf sie an die Küste oder schleuderte sie hinaus in das hohe, wildflutende Meer, so daß die Mannschaft gleich Trunkenen hin und hertaumelte, die Maste brachen und eine Menge Schiffe gänzlich zerschellten. Zugleich öffneten sich die Schleusen des Himmels und ein entsetzlicher Regen strömte unter dem gewaltigen Sturme dergestalt auf die bereits ausgeschifften Krieger am Lande nieder, daß sie, bis über die Knie im Wasser stehend, ihre Lanzen in die Erde stoßen und sich daran festhalten mußten, um nicht niedergeworfen und weggepeitscht zu werden, und das Jammergeschrei zu Wasser und zu Land schien zu wetteifern, sich gegenseitig oder das Geheul des Sturmes zu übertönen. — Jetzt galt es nicht mehr die Eroberung der Stadt Algier, sondern nur noch die eigene Rettung, und der Kaiser erkannte, daß der Himmel gegen ihn kämpfe. — Schon am folgenden Tage begann die türkische Reiterei dem ermatteten Heere Carl's, das weder Geschütz noch irgend ein nöthiges Geräth hatte, hart zuzusetzen, und erst nach einer Flucht von drei Tagen durch Schlamm und Wasser längs der Küste gelang es Carl, im Meerbusen von Metafuy, wo sich ein Theil der zerstreuten Schiffe wieder gesammelt, den Rest seines Heeres einzuschiffen und nach Italien zurückzuführen. Er selbst begab sich von da sogleich nach Spanien hinüber. — Wohl kann man alles Das, was wir bisher erzählt, mehr oder weniger in den gewöhnlichen Geschichtsbüchern finden, nicht aber Das, was wir weiter berichten wollen. — Nicht nur den Türken und Mauren in Algier bangte es vor dem Hereinbrechen der wilden Schaaren Carl's, sondern auch und mehr noch den Juden, die schon von früherer Zeit her und besonders seit neuerer Zeit von Spanien aus sich hier angesiedelt. Sie hatten nicht nur von den grausamen Verfolgungen gehört und zum Theil selbst empfunden, die in andern Ländern gegen die Juden stattgefunden, sie wußten auch, daß die Spanier — trotzdem bei der Belagerung von Tunis ein in Tunis wohnender Jude mehrere Tausend Christensklaven, welche aus Befehl, Haradin's hingerichtet werden sollten, durch große Opfer gerettet hatte — daß die Spanier dennoch bei der Einnahme von Tripolis, so wie bei der von Tunis, alle dortigen Juden verjagt hatten. — In ihrer Herzensangst eilten sie zu einem Manne, ruhmvollen Namens, ruhmvoll durch Abstammung, ruhmvoll durch ihn selbst. R. Moses Duran, ein Nachkomme des hochberühmten aus Spanien eingewanderten N. Simon ben Zemach Duran, genoß allgemein den Ruf eines heiligen Gottesmannes. Zu ihm kam man und bat um Rath und Hülfe in der drohenden Gefahr. — „Seid getrost!" sagte der Gottesmann. „Der Gott, der das Schilfmeer vor unseren Vätern gespalten und Pharao und sein Herr hineingeschleudert, der Gott der in einer Nacht das gewaltige Heer Sanherib's bis zur Vernichtung schlug, Er kann und wird auch uns zur Seite stehen. — Geht und betet zum Gotte unsrer Väter, Er wird uns zur Hülfe sein." — Duran aber ging in sein Kämmerlein und warf sich nieder vor Gott; dann erhob er sich und schrieb einige heilige, göttliche Namen aus ein Täfelchen, ging damit an's Meer und schleuderte das Täfelchen weit hinaus in die Wogen des Meeres. — Wohl ist solches Thun eine todeswürdige Sünde, wo es aus Frevelmuth geschieht; ein Anderes jedoch ist es, wo es, wie von den Propheten auf das Geheiß Gottes oder von den Frommen zur Ehre Gottes gethan wird; ein solcher Mann ist geliebt in der Höhe und beliebt hienieden. — Aber die Wogen erbebten darob, daß ihnen ein Solches zugemuthet ward, daß sie gezwungen wurden, die heiligen Namen zu löschen. Sie brausten auf und empörten sich und stiegen himmelan — und die Schiffe Carl's versanken wie Blei in das mächtig wogende Gewässer. — So wurden die Juden in Algier und mit ihnen Türken und Mauren vom sichern Verderben gerettet. Der Fürst Algier's aber, als er vernommen, wie so es gekommen, wies dem Gottesmanne im innern Hofe des fürstlichen Palastes eine Wohnung an, damit derselbe dort ungestört seiner heiligen Wissenschaft lebe und auch wo nöthig, ihm mit seinem Rathe zur Seite sei. — Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.