Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-02-07 · Heft 6 (7.2.1866) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 6 (7.2.1866)
Date
1866-02-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447252--04064-2459498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

djMHl dis Lesung vorüber zieht, zu liefern. Durchl die saumselige Herbeischaffung dieseA Materials ist die gänzliche Vollendung dieser Einrichtung, der die ganze Stadt fich so sehr entgegensehnt,, bis jetzt in noch unbestimmte Ferne verschoben. K e « L l L e t o «. Der Tanf zmn Tode. Eine wahre Geschichte nach den handschriftlichen Mittheilungen eines Zeitgenossen erzählt von Li. m. . Der Markgraf von Meißen. Friedrich LI., Markgraf von Meißen, war, wiöwir schon erzählte haben, der Sohn und Nachfolger Friedrichs k., der seinen Namen für ewig in den Annalen der Menschheit beschimpft hat, durch eine barbarische Verfolgung,- die er gegen die Juden unternommen, um sie zu. berauben. Sein Sohn Friedrich war nicht, viel besser, aber klüger. Statt eine blutige Verfolgung herauf zu beschwören, um sich des Vermögens der Ermordeten zu bemächtigen, gebrauchte er angebliche Freundschaft, heuchleriche Liebe, ur,l von den reichsten jüdischen Kausleuten seines Landes Geld zu borgen, welches zurückzugeben ihm nie in den Sinn kam. ^nßkmd von Orb, der im hohem Nufe stand weaey seines Neichthums an köstlichen Stoßen, Edelsteinen, Gerüchen pon Gold und Silber, aber in höherem Nus, noch wegen des Besitzes so vielen baaren Geldes, daß er die ganze Markgrafschaft Meißen kaufen könnte, erregte besonders dir Habsucht Friedrichs. Dieser ruhte und rastete nicht, bis er seine Bekanntschaft machte und ihm seine Freundschaft anbot. Süßkind, der zu edel, buchte, um nur einen Augenblick an der Aufrichtigkeit des Markgrafen zu zweifeln, nahm seine Freundschaft mit Freuden an und erwiederte sie aufs Wärmste. Sein Haus stand ihm und seinen drei Söhnen, Friedrich, Balthasar und Wilhelm, offen. Sie aßen und tranken an seinem Tische und nahmen an allen Familienfesten Theil. Bald erzeugte diese Freundschaft ein solches Vertrauen von Seiten des großmüthigen Süßkind, von Orb, daß der Markgraf, unter tausenderlei Vorwänden, die größten Summen Geldes von ihm entnahm p^d immer wegen des Nichtzurückerstattens derselben einen Grund der Entschuldigung bereit hatte. Er trieb dieses Spiel jahrelang/, bis sich eine günstige Gelegenheit darbot, die Maske abzulegen und sich auf immer von ihm los zu machen. Doch wir wollen dem Gange der Geschichte nicht vorgreifen, Friedrich der Zweite hgtte zum Vertrauten den Vogt von Salzg, Henrich Schließen, einen Mann, der vom finstersten Fanatismus und mHfchweifeMdsten Aberglauben beherrscht wurde. Er glaubte an dir Wirklichkeit aller! Gräuel, aller Mördthaten, welche die Israeliten im Mittel alter begangen haben sollten, und hatte eine, ganze Bibliothek von judenfeindlichen Schriften von Mönchen und Pfaffen, die er fleißig las und auch dem Markgrafen mittheilte. Dieser, obgleicher an solche Mährchen nicht glaubte und auch nicht glauben konnte, weil er in Folge seines Umganges mit den Juden ihre Sitten und Gebräuche besser und genauer kannte, bestärkte doch den Vogt in seinem Fanatismus und Aberglauben. 'Noch mehr, er bediente sich seiner, um alle diese Voruxcheile langsam unter dem Pöbel zu verbreiten, in der Hoffnung, mit der Zeit eine Aufwiegelung gegen die-Nachkommen Jacob's zu bewirken, während welcher er im Geheimen seine jüdischen Gläubiger aus dem Wege schaffen könne. Seine zwei ältesten Söhne, Friedrich und Balthasar, die seine Ansichten theilten, wurden von ihm in sein Geheimnis; eingeweiht, nicht aber der jüngere, Wilhelm. Dieser, ein Freund von Gottlieb, und Verehrer seiner Schwester Liebheid, der seinem Vater so große Dienste im Hause Süßkind's leistete, würde seinen Plan verrathen haben. Er überließ ihn daher ganz seiner Freundschaft für den Sohn und seiner Liebe für die Tochter Süßkind's von Orb, weil er von seiner Seite dadurch keine Hindernisse zu befürchten hatte. Im Gkgentheil, um ihn als Werkzeug bei der Familie von Orb gehörig brauchen zu können, machte er sich in Abwesenheit des Vogts von Salza über diesen lustig, lachte über dessen Vorurtheile und behauptete, daß die Juden bester als die Christen seien, daß ihre Religion göttlich, ihre Sitten tadellos und ihre Moral die der heiligen Bücher Moses und der Propheten sei. „Was der einfältige Pöbel gegen sie vorgibt", sagte er seinem Sohne, „ist nichts als Fabel und Erdichtung, vom Haß erzeugt und von Fanatismus, Aberglauben und Geldsucht genährt." „So ist zum Beispiel die entsetzliche Beschuldigung , daß sie Christenkinder tödteten, um ihr Blut zu sammeln, um bei ihrem Osterfeste das ungesäuerte Brod damit zu kneten, grundfalsch und den jüdischen Geboten schnurstracks entgegengesetzt. Diese abscheuliche Verleumdung, gewöhnlich kurz vor dem Osterfeste, von den Kanzeln herab den Christen verkündigt, hat Tausende von unschuldigen Juden unter dem Schlachtmesser verbluten lassen, ohne daß die Verfolger bedachten, daß das Christenthum in den ersten Jahrhunderten von den Heiden ebenfalls Anfechtungen durch gleiche infame Anklagen zu erleiden hatte. In der That zeigen mehrere Stellen der Kirchenväter, daß in den ersten Jahrhunderten der Christenheit ganz dieselbett Beschuldigungen mit denselben Beweisführungen von den Heidm erhoben wurden, und daß sie sich nur auf dieselbe Weise vertheidigen konnte, wie die Juden — durch Heimweisung auf ihre Religionsbücher."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.