Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1866)
- Date
- 1866-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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100 beziehen, sollen gestrichen werden; wissenschaftlich gebildete Theologen sollen aus den Werken von Philippson (!!), Geiger und Stein ein ganz neue-Gebetbuch zusammensetzen; die Gebete sollen größtenteils in der Landessprache abgefaßt sein; die als „Konglomerat verschrieene Hagadah schel Peßach" soll durch ein Andachtsbüchlein ersetzt werden; bei „Olenu" soll die Gemeinde in die Knie fallen und der Rabbiner vorher eine Exhorte an dieselbe richten; Orgel und andere Musik soll in alle Synagogen eingeführt werden; auf dem „Altäre" soll kein „Laie" eine Function ausüben; die Priester sollen eine eigene Tracht und eine eigene Kopfbedeckung tragen (etwa auch lange schwarze Camelotröcke mit goldgestickten Kragen und blausammtene Barette mit goldenen Sternen?); Spenden müssen Tags zuvor angezeigt werden, wofür ein „cumulativer Mischeberach" in der Landessprache verlesen werden soll; während des Vorlesens der Thora sollen zwei Assistenten „mit Thora's im Arm" dem Vorleser zur Seite stehen; die zweiten Feiertage sollen abgeschafft werden, und was derlei niedliche Sächelchen mehr sind. Der Geigerssche Missionsverein scheint doch nicht zu reüssiren, da Herr PH. nun auf eigene Hand an das Werk der Religionsstiftung gehen will; das ist wohl nur erst der Anfang — wer weiß, was noch kommen wird! Aber Eines ist bei dem Allem Herrn PH. ein Dorn im Auge. Ach, wo sind die schönen Tage hin, da Herrn Ph.'s parteiisches Organ für alles unjüdische Interesse -ohne Opposition, was es nur wollte, in die Welt senden durfte, da Herr PH. ungestört die ekelhaftste Selbstvergötterung ausposaunen, da er die Gegner erbarmungslos niederschmettern und den eignen Trabanten mitleidsvoll einige Halme der Strohkrone überreichen konnte, mit der sie ihn selbst zu krönen pflegten! „Die schönen Tage von Aranjuez sind längst vorüber!" Der Dorn im Auge des Herrn PH., das ist die jüdische Presse, die seine dereinstige Omnipotenz gebrochen hat. Wir nannten oben den Herrn Löw in Szegedin und seinen' Ben Chananjah; sollte man nicht meinen, daß dieser „Gesinnungsgenosse" Herrn PH. ein lieber Freund sein müsse? Aber Herr PH. bezeichnet den B. CH. als „die unlautere und trübe Quelle aller Gemeindezerwürfnisse und alles Chillul Haschern, als ein wahres Unglück für die Juden in Ungarn" rc. rc.; wenn auch diese Behauptungen durchaus der Wahrheit gemäß sind, so stehen sie doch Herrn PH., dessen Blatt noch weit mehr Unheil, Chillul Haschern rc. angerichtet, sehr schlecht; aber noch weit schlechter steht es ihm, daß er auch die wahrhaft gute jüdische Presse mit seinem giftigen Geifer besudelt! Hören wir nur diesen modernen Religionsstifter, wie er eifert und schreit und mit welcher unnennbaren Wnth ihn der bedeutende Erfolg der orthodoxe« jüdischen Zeitschriften erfüllt! Herr PH. geifert in Rr. 3 seiner allgemeinen Zeitung folgendermaßen: „Die heuchlerische Hyperorthodoxie erhebt überall ihr unverschämtes Haupt, und findet so wenig gerüstete Gegner, daß sie nicht selten das Feld völlig behauptet. Anstatt den Schmacholättern dieser. Partei keinen Fuß Raum zu gewähren, und ihre Berührung wie eine Pest zu scheuen, öffnet man ihnen ixn Eingang und duldet, daß ihre giftige Saat ausgestreut werde. Wir glauben kaum, mißverstanden zu werden. Wir schätze» dre Freiheit der Meinungen und der Presse hoch, und jede Ansicht und jede Richtung muß ihre freie Aussprache finden. Wo aber Verläumdung, Verdächtigung, Schmähung, Denunciation und Lüge die Feder führen, wo jeder Pulsschlag nichts als eine Jntrigue, ein auf das Verderben seiner Gegner gerichtetes Ränkespiel ist, wo unter der Maske der Frömmigkeit alle wahrhafte Religion und Sittlichkeit hundertfach verletzt und die Religion zum Werkzeug niedrigster Leidenschaften, der Hab- und Herrschgier, des Neides und des Hasses gemacht wird — da muß jeder Bessere zurückschaudern und seinen Einfluß ausüben, von solcher eklen Tafel das Volk zurückzuhalten." Wie ist doch der arme, unglückliche Philippson so tief heruntergekommen, daß er zu ebenso lächerlichen wie Niemanden als ihn selbst schändenden Waffen seine Zuflucht nehmen muß! Wie oft doch wiederholt er seine Warnungen gegen unsere Zeitschrift und wie vergeblich sind seine Mahnungen; dabei muß er die Auflage seiner Blätter von Nummer zu Nummer sich vermindern sehen, und er, der in seiner Einbildung einst so Bedeutende, ist zum Spott und Gelächter worden! „Wie bist du doch vom Himmel gefallen, du glänzender Morgenstern!" Die modernen Religionsstifter werden längst verwest und ihre Spuren längst ve rweht sein — während das alte Juden thum in Kraft und Fülle besteht, wie von jeher so in Ewigkeit! Der Zustand der Juden ku Ungarn während der Weiten Hälfte des Mittelalters. Nach einem größeren in der ungarischen Akademie zu Pest abgehaltenen Vortrage mitgetheilt von Die Juden befanden sich während des Mittelalters in allen europäischen Staaten in einem Zustande des Druckes und der Erniedrigung. Das war zuerst die Folge der kirchlichen Gesetzgebung, welche die Jud en mehr verfolgte als die Heiden, und des römischen Rechtes, das in allen Ländern mehr oder weniger Geltung erhalten hatte. Ungarn konnte sich auch im Mittelalter dem Einflüsse der im übrigen Europa herrschenden Ideen nicht entziehen. König Ludwig der Große vertrieb im Jahre 1360 die Juden; dieses