Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1866)
- Date
- 1866-01-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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78 menge auf dem Marktplatz der freien Reichsstadt Nordhausen in Thüringen, versammelt hatte, welche ungeduldig auf das Oeffnen der Thüren des RathhauseS wartete. Endlich thaten sich die Pforten des Stadthauses auf, und ein erblindeter Greis trat heraus, auf dessen kahlem Schädel kaum noch einige graue Haare zu erblicken wären, geführt von einem schönen Mägdlein. Es war ein ehrwürdiger Mann, aus fernem Lande gekommen, der am Thors der Stadt angehalten und zum Rathe geführt worden war. Seine fremdartige Kleidung, und noch mehr das schöne Mägdelein, das ihn führte, erregten die Neugierde der Menge, die ihm auf den Marktplatz nacheilte, auf ihn mit Ungeduld harrte, und ihm wieder vom Rathhaus bis zum Rabbinen Jakob nachströmte. Rabbi Jakob, der ihgMleich als einen Gesetzeslehrer aus Frankreich erkanrW, empfing ihn ehrfurchtsvoll, und führte ihn in sein schönstes Zimmer. Hier ließ er ihn seine staubigen Kleider wechseln, ließ ihm Wasser zum Waschen geben, und lud ihn dann zum Essen ein. Der ehrwürdige Greis aber sagte, daß er nicht essen würde, bis er den Zweck seiner Reise öffentlich bekannt gemacht und sich seiner heiligen Mission entledigt hätte. Es sei bald Sabbat, wo die ganze Gemeinde sich in die Synagoge begeben würde. Dort möchte er in Aller Gegenwart seine Sendung feierlich verkünden, damit sie beachtet und vollzogen werde. Rabbr Jakob versprach, sogleich Anstalt zu treffen, um seinen Wunsch zu erfüllen. Er begab sich sofort -um Vorsteher der Gemeinde, theilte ihm die Ankunft des erblindeten Greises aus Frankreich mit, der die Verkündigung einer heiligen Mission im Gotteshause, in Gegenwart der ganzen Gemeinde zu machen verlange. Der Vorsteher ertheilte alsobald die Erlaubniß und bat den Rabbinen, ihm die Ehre zu erweisen, den fremden Gottesgelehrten in seinem Hause bewirthen zu dürfen. Rabbi Jakob lehnte diese Bitte ab, weil weder er, noch seine Frau dieses eingehen könnten, da der erblindete Greis einmal bei ihm eingekehrt sei. Während der Zeit hatte die Frau Rabbiner Süßchen bereits eine umfassende Bekanntschaft mit der Führerin des erblindeten Greises gemacht. Diese erzählte, daß ihr Vater, der erblindete Fremde, der berühmte Rabbi Cresselin von Chinon sei, wegen seiner Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Leiden in ganz Frankreich bekannt. Er wäre nicht so alt, wie er aussehe, denn er zähle kaum sechs und dreißig Jahre. Allein er war im Jahre 1320 Zeuge der Hirtenverfolgung in Frankreich, wo sein Lehrer von Gaillac mit der ganzen Gemeinde grausam getödtet worden; und damals erbleichten seine Haare in Folge der ausgestaudenen Angst. Das Jahr darauf, 1321, sah er, wie seine Eltern, Geschwister, Verwandte und die ganze Gemeinschaft von Chmonunter der unglaublich m Beschuldigung der Brunneuvergiftung lebendig verbrannt wurde». Ihn selbst hatten die Flammen bereits umschlungen, als ihn eine mitleidige Jungfrau vom Feuertods rettet. Es war dies die Tochter des Rabbiners von Bonrgueil, die ihn bei ihrem Vater sah und liebte. Ms sie die schreckliche Nachricht von dem Verdrennungsurtheil der ganzen Gemeinde von Chinon vernahm, eilte sie dahin, um ihren Geliebten zu retten oder mit chm zu sterben. Unbekannt in Chinon konnte sie sich ohne Verdacht bis zum Scheiterhaufen begeben und dort durch Geld den geliebten Mann ags den Flammen nach ihres Vaters Hause in Bourgueil bringen lassen. Er war halb todt, das Feuer hatte ihn fürchterlich verbrannt und des Äugenlicht's beraubt. Ein geschickter Arzt unternahm seine Heilung, und er war bald von seinen Wunden genesen; aber die verlorene Sehkraft konnte ihm Niemand wiedergeben. Die gute Claire — so war ihr Name — liebte ihn deßhalb nicht minder und suchte ihn zu pflege», zu trösten und anfzumuntern. Claire liebte Cresselin so sehr, däß sie ihre» Vater bat, ihn ihr zum Manne zu geben. Der ehrwürdige Rabbiner von Bourgueil, der die Familie CreffelinS hochachtete, und dem die Gelehrsamkeit des unglücklichen Jünglings bekannt war, willigte von Herzen ein. Claire wurde die glückliche Ehegattin des Rabbi Cresselin. Bald bildete sich in Chinon eine neue Gemeinde und Rabbi Cresselin, obgleich blind, wurde einstimmig zum Oberhaupt der Gemeinde gewählt. In seinem heiligen Berufe und noch mehr in seiner Ehe, fand Rabbi Cresselin Trost und Beruhigung. Seine Seele, dem stillen Meeresspiegel gleich, den jeder Windhauch erzittern läßt, bedurfte der zärtlichen Liebe eines hingebenden Weibes, das nur in ihm und für ihn lebend, dem leicht erregten Gemüthe die Ruhe zu sichern wußte. Die freundlichen Worte ihres Mundes waren Balsam für sein Herz, das nicht selten von düsteren Ahnungen erfüllt war und nie die Erinnerung an jene erschütternden Scene» in Gaillac und den Scheiterhaufen von Chinon ganz vergessen konnte. Da geschah es eines Tages, daß Claire, ohne vorher krank gewesen zu sein, die Hand ihres Mannes ergriff und zu ihm folgendermaßen sprach: „Mein lieber, guter Cresselin, die Zeit ist gekommen, wo mein Glück hienieden ein Ende nimmt. Gern hätte ich noch länger zu leben gewünscht und deine süßen Worte wie Honig gekostet, deine frommeg Lehren wie köstliche» Trank genossen; der Himmel hat es aber anders gewollt. Ich sterbe ruhig, unsere geliebte Tochter wird bei dir meine Stelle vertreten, bis wir uns jenseits wieder vereinigen werden. Gott der Ewige wird dich uns unser Kind .... die Worte erstorben auf