Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1866)
- Date
- 1866-01-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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- Tlemcen 2× ep/1048142
- Oran 1× ep/1048048
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51 Häusern und in den Gesichtern trug den Anstrich der aufrichtigsten Trauer. Abends begab ich mich mit Herrn Nahon, dem Präsidenten deS Provinzial-ConsistoriumS und Vicekonsul Frankreichs zu Tetuan in Marocko, in die Synagoge. ^>ie noch nie in meinem Leben wurde ich hier von den Gefühlen der allgemeinen Trauer hingerissen. Die vielen europäischen Synagogen, die ich schon besuchte und deren Gottesdienst ich bei den verschiedensten Gelegenheiten anwohnte, konnten keinen solchen Eindruck auf mich ausüben. Nach Beendigung der Klagelieder Jeremias, die der Rabbiner, die Chachamim und ich als Gast recktirten, erhob sich ein ehrwürdiger Greis und rief sehr ergreifend die folgenden Worte aus: „Es sind heute 1778 Jahre, daß durch unsere Sünden der Tempel, der Gegenstand unseres Stolzes, zerstört worden ist." Alsbald erhob sich ein Jeder und streute Asche auf sein Haupt; dann löschte man die wenigen Lichter aus und begab sich ohne ein Wort zu sprechen nach Hause. Des anderen Tages brachte man einen gewöhnlichen Tisch in die Mitte der Synagoge. Als man die Sepher Thora, ihres Schmuckes beraubt, auf denselben legte, richtete der Vorsänger folgende Worte an die Gemeinde: „Warum tragen wir dieses edle Pergament so ohne allen Schmuck und warum unterlassen wir heute die üblichen Gebete bei seinem Einherziehen?" Der Haftarah, die ins Arabische übersetzt wurde, fügte man eine Erklärung und eine Aufzählung der traurigen Ereignisse jenes verhängnißvollen Tages bei; alles trug das unverkennbare Zeichen des wahren, tiefgefühlten Schmerzes. Ach! sagte ich mir, welch? köstliches Gefühl muß es für denjenigen Rabbinen sein, dem es vergönnt ist, dieser Bevölkerung, die so vielen religiösen Sinn hat, die Kenntniß der Thora wieder bcizubringen, die sie früher besessen! Wirklich wurden auch bald Schulen gegründet, ebenso wurde eine Arbeitsschule für kleine Klnder errichtet. Die große Kehilla Oran, welche mehr als 6000 Seelen zählte, stellte sich an die Spitze dieser Unternehmung, dieses wahren Fortschritts zum Guten. Abd-el-Kader kriegte zu dieser Zeit an der Grenze der Provinz und an der von Marocko. Der General v. Arbouville, der in Abwesenheit des Generals Lamorcisre das Kommando übernommen hatte, war so gütig, an einen militärischen Train, der sich nach Tlemcen begeben sollte, die Ordre ergehen zu lassen, seinen Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, damit ich mich noch über Sabbat in dieser ehrwürdigen Gemeinde aufhalten könne. Tlemcen ist der Hauptort der jüdischen Bevölkerung. Früher war es die Residenz eines Königs und der Sitz einer berühmten Akademie (Jeschibah); Tlemcen ist der Ort, wohin sich unsere Brüder flüchteten, wo sie während der spanischen Occupation, zu welcher Zeit man sie zwang, sich in's Innere des Landes zurückzuziehen, gewohnt hatten. Beinahe alle bedeutenden Familien Orans stammen aus Tlemcen oder Marocko und besitzen größtentheils iu dieser Stadt noch Verwandte. Der General Renaud, der in Abwesenheit des Generals Cavaignac die Subdivision commandirte, beschäftigte sich mit großer Hingebung mit den Angelegenheiten der Israeliten. Die Stadt war damals erst drei bis vier Jahre in französischem Besitze. Sowohl auf unserer Hinals auf unserer Rückreise kamen wir durch verschiedene Orte, die von Juden bewohnt wurden. Zu Seba biar trafen wir den Hauptmann Aron, einer unserer Glaubensgenossen, der sich das Zutrauen seiner afrikanischen Brüder sehr gut zu erwerben wußte; er starb erst vor einigen Jahren als EöcadronS-Chef; dann kamen wir an einen trocken gelegten See (Sebcha) der einer Hitze von 54° ausgesetzt war; Ouadleheim (Thal des Fleisches oder der Löwen); Mn Temouchin, wo ich bei einem militärischen Feste am 29. Juli, einen jüdischen Knaben, der 14 Jahre alt war, antraf, der hier als Dolmetscher diente; endlich kamen wir nach Oued Jsser und Rafaf. Auf jeder Station fanden Herr Sananesch, der die Güte hatte mich zu begleiten, und ich, Religionögenossen, die zu Pferde von den nahe wohnenden Stämmen kamen, um uns Nahrung zu bringen. In diesen Bivouaks war der Meor Enajim des berühmten Rabbi Assarsah de Rosst der Gegenstand unserer Unterhaltung. Mein Reisegefährte war zu Tlemcen geboren und erzogen. Dieser würdige Religionsgenosse hat das Französische durch seine kleine Tochter von 7 Jahren erlernt. Beim jedesmaligen Nachhausekommen zeigte und benannte dieses Kind seinem wißbegierigen Vater das, was eS erlernt hatte, und so kam es, daß die Kleine ohne es zu wissen, die Lehrerin ihres Vaters wurde. Einige unbedeutende Anfälle Abd-el Kaders der in unserer Nähe umherstreifte, unterbrach den militärischen Marsch, so daß wir zehn Tage für eine Route gebrauchten, die man jetzt bequem in fünfzehn Stunden macht. Die Gemeinde zu Mestaganem hielt uns bei dem würdigen Salomon Zarphati zurück, der in seinem Hause die öffentliche Kamvanenherberge und ein Hospital hatte. Sein Herz hegte den edlen Wunsch, sich seinen Brüdern nützlich zu machen, was ihm einerseits sein Vermögen, andererseits sein Einfluß als Vermittler zwischen dem arabischen Bureau und dem französischen Militärbeamten leichter ermöglichte. Als ich den Hauptmann Bosguet besuchte, bemerkte ich, wie einseitig und vorurtheilsvoll viele Offiziere die Juden betrachteten. So klagte man z. B. über Bauten, die die Israeliten in den eroberten Städten unternähmen. Hätten dieses die Araber gethan, so würde man dieses als einen Fortschritt der Civilisation bis in den Himmel gehoben haben. Doch der isr. Bevölke-