Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1866)
- Date
- 1866-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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45 Len und sittliches Wirken, hier erhielt er sich sin Hinblick auf seine göttliche Bestimmung und in der Beobachtung der Gesetze und Vorschriften seiner Religion, die sein ganzes Dasein, sein Leben und Thun erfüllte, unter dem Drucke der tiefsten Verachtung von Außen die innere Selbstachtung. In der Familie, in den vier Pfählen pannen sich alle Schicksale des jüdischen Volkes, seine Geschichte ab, die aus der politischen zur Culturgeschichte geworden war; hier war Wurzel und Quell seiner Cultur, der sein Märtyrerthum, seine Kämpfe und Siege galten. In der Familie allein, der einzigen Stätte seines Wirkens, konnten die Errungenschaften seines Geistes zur lebendigen und fruchtbaren That ausströmen. Hier herrschte ein heiliger Gottesfrieden, der durch keine äußeren Trüb- und Drangsale, durch irdische Sorgen und Beschwerden getrübt werden konnte; hier ein strahlendes Lichtmeer des Glaubens, während draußen tiefer Schatten, dunkles Gewölk sich gelagert, das nur selten ein Sonnenstahl durchdrang. Was hat das über alle Zonen und Welttheile zerstreute jüdische Volk ohne staatlichen Organismus unter den verschiedensten Verhältnissen und Bewegungen zu einer einheitlichen Gesammtheit zusammengehalten, stärker, fester und inniger als die kräftigste, einheitlichste Staatsoerfasiung? Was hat ihm inmitten der gewaltigen Völkerströmung sein eigenartiges Gepräge und Wesen erhalten? Es war die heilige, väterliche Sitte des Hauses und der Familie, die das ganze religiöse Leben umfaßte und regelte. Die heilige, ourch das Gesetz festgestellte und geregelte Familie war der Heerd der Sittlichkeit; ihren sittlichen Beziehungen und Forderungen erschloß sich die ganze Fülle des inneren Seelenlebens. Die Familienbande waren um so fester und unauflöslicher, die gegenseitigen Pflichten der Familienglieder waren um so heiliger, je mehr sie vom Lichts der Religion durchstrahlt waren. In ihr spiegelte sich die Persönlichkeit der jüdischen Nation, ihr Seelenleben treu und geheimnißvoll. rein UND klar ab; sie schützte und wahrte ihre Volksthümlichkeit und Lehren und war so dis heilige Gemeingut der ganzen Nation. In der Familie floß der lebendige, nie versiegende Quell des Glaubens, der Bildung und Sittlichkeit, oer selbst durch Haß und Verfolgung nicht getrübt werden konnte. Das Leben in seinen verschiedensten Aenßerungen war in der Familie mit der Religion verwachsen; in der stillen Umfriedung des häuslichen Lebens, in jener Zurückgezogenheit von Welt und Menschen, die für verwundete Gemüther von so eigenthümlichern Reize ist, in jener hermetischen Abschließung von den Strömungen und Bewegungen des öffentlichen Lebens trauerte das jüdische Volk in seinen großen Erinnerungen und schwelgte in seinen noch größeren Hoffnungen. Die Familiensitte, die alle Glieder veredelnd zu einem harmonischen Ganzen verband, galt alr höchstes unverbrüchliches Gesetz undZ wurde dadurch zur mächtigen ErziehungSpotenz. Hier, im engen Schooße der Familie hat die jüdische Nation, mitten in einer Welt von Leiden und Bedrückung, ein reines, geistiges Leben geführt und an der hohen Aufgabe, die ihr geworden, rastlos gearbeitet; hier erfocht der jüdische Geist, inmitten einer Welt von Rohheit und Barbarei, die glänzendsten Siege über Geistesdumpfheit und Glaubenswahn, über Unwissenheit und Aberglauben, glänzendere und schönere Siege, als sie je früher zur Zeit ihrer politischen Selbstständigkeit auf blutgetränkten Schlachtfeldern errungen; hier erzeugte und nährte er ein von echter, warmer Religiosität und reiner Sitte geläutertes und geheiligtes Lebm. Alle jene glänzenden Gestalten, die als Muster hohen Geistesadels und sittlicher Größe auf dem Gebiete jüdischen Geisteslebens dastehen, wurden nicht auf dem großen, geräuschvollen Markte des öffentlichen Lebenerzogen, ihre Erzieherin war die reine, heilige Famrliensitte. Aus der häuslichen Erziehung, die, wie bei keinem anderen Volke, Eltern und Kinder eng verband, erwuchs die Volkserziehung, erwuchsen tiefe, scharfsinnige Denker und todesmuthige Glaubenshelden. In der Familie standen Männer auf, auf deren Energie und Alles bewältigenden Glaubensmuth die bedrängte Nation in ihrem Kampfe um ihre Existenz, an der sie nie verzweifelte, mit hoffender Zuversicht blickte. Diese Männer, aus der Familie heroorgegangen, besaßen eine Kraft und Ausdauer der Begeisterung, die sich unwiderstehlich wie ein zündendes Feuer auf die gesammte Umgebung verbreitete, eine Thatkraft, die durch Nichts gebrochen wurde, eine Uneigennützigkeit und Enthaltsamkeit, die im schneidendsten Gegensätze zu unserer von Selbstsucht zerfressenen und entnervten Zeit dasteht, in der die Reflexion die Begeisterung darniederhält und kluge und klügelnde Berechnung des Verstandes die Thatkraft in Fesseln zu schlagen pflegt; am Meisten glänzten sie durch ebenso erhebende, als imponirende Einfachheit, Natürlichkeit und Anspruchslosigkeit. Und diese Männer waren aus häuslicher Erziehung, aus dem Schooße der Familie heroorgegangen, die so Jahrhunderte hindurch, wenn auch politische Sturmeswogen weltgeschichtlicher Ereignisse über sie dahinbrausten, ihre erziehende Macht glanzend bewährt hat. Welch' einen mächtigen, charakteristischen Gegensatz bilden die alten und modernen jüdischen Familien auf dem Gebiete der Erziehung, welch' lehrreiches, anziehendes Bild! In den modernen Familien, die von kämpfenden und ringenden Gegensätzen erfüllt sind, herrscht philosophischer Radüalismus und realistische Weltanschauung, die jenes Heer kleiner und großer weltlicher Interessen sowie Kunst und Wissenschaft zu gebietenden Mächten erhebt, aber^ mrzends eine Spur einer