Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1866)
- Date
- 1866-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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44 l erblüht und vergeht daS Familienleben, ihr edelstes Erzeugniß. Des Hauses heilige Sitte ist es, die als warmer Lebensodem des Kindes Seele durchdringen und veredeln, ihm die Sprache des Gewissens deuten und verstehen lchren und die Achtung für ein ideelles Leben wecken und festigen soll. Eltern und Geschwister sind die ausschließlichen Elemente seines sittlichen Empfindens und Wollens, der Quell alles Guten und Wahren; ihnen gehört das Kind in den ersten Jahren der Entwickelung mit seinem vollen, ungetheiltem Dasein. In einem edelgestalteten Familienleben fließt der guten Sitte lautere Quelle, werden die Keime und Blüthen der Sittlichkeit geweckt und genährt und die Seele erstarkt in liebreicher Zucht für des Lebens ernste Pflichten. Der Segen einer guten häuslichen Erziehung wirkt von Generation zu Generation. Die Grundsätze, die Eltern ihren Kindern einpflanzen, sind das edelste, unzerstörbare geistige Erbtheil, das sie ihnen hinterlaffen. Auch die allgemeine Sittlichkeit wächst aus der Sittlichkeit der Familie, aus einem edlen Familienleben natur- und vollkräftig hervor; der Geist der Volkssittlichkeit schreitet erfrischend und verjüngend oder lähmend und tödtend durch das bewußte Rechtsleben des Staates, der mit der Sitte der Familie in ewigem Austausche lebt. Ein geheimnißvolles Band verknüpft die Familiensitte, in der sich das Leben der Nation offenbart, mit dem auf Rechtsbewußtsein basirten Gesetze, das seine Kraft und Würde von der Sitte des Hauses empfängt und das organische Produkt derselben ist. Aus einem edlen Familienleben strömen gute, bildende Elemente ins öffentliche Leben, gestalten und veredeln dasselbe. Die sicherste Stütze gegen den Verfall und die Verbildung des Heranwachsenden Geschlechtes bildet daher der Kreis einer edlen Familie, eine weise, naturgemäße häusliche Erziehung. Was auch Schule und sonstige Bildungs- Mittel leisten mögen, in der Familie ist die eigentliche Geburtsftätte des sittlichen Lebens unserer Kinder, also unserer Zukunft. Die moralische Unterstützung des Hauses, der Einklang von Schule und Haus ist daher für erstere die Grundbedingung einer glücklichen Lösung ihrer Aufgabe. Schule und Haus, Eltern und Lehrer sind als natürliche Verbündete die Hauptfactoren der Erziehung, die Begründer der Civilisation. Beide sollen sich in ihrer erziehlichen Tätigkeit hilfreich zur Seite stehen. Von der Auffassung und Erfüllung ihrer Aufgabe, Licht und höheres Leben zu wecken, von der Stellung, die Schule und Haus einander gegenüber einnehmen, hängt größtentheils der Erfolg alles erziehlichen Gtrebens und Wirkens, die segensreiche Verklärung der Idee der Menschheit ab, die uns in einem schöngestalteten Familien- und Staatsleben in edelster Plastik entgegentritt. Nur im Einklang mit einer weisen Erziehung des Hauses kann die Schule edle, strebsame Menschen heranbilden und treue Jünger im Dienste der Wahrheit und Sittlichkeit in's Leben hinaussenden, die in einem gefesteten Charakter einen sicheren Halt gegen die Machtsprüche des Lebens finden und den Anforderungen der Zeit in richtiger Erkenntniß gewachsen sind?, Der Verfasser knüpft hieran den Wunsch, die Eltern möchten die Entwickelungsgeschichte ihrer Kinder niederschreiben damit auf diese Weise neue Gesichtspunkte für die Erziehung gewonnen werden. Der Verfasser räumt zwar ein, daß die Eltern meistens nicht geeignet sind, die psychologischen Gestchtsschreiber ihrer Kinder zu werden, er meint jedoch, daß mit der genauen Beobachtung der pädagogische Tact wachsen werde, so daß die Eltern bei einem solchen Verfahren nur gewinnen könnten; die Kenntniß und Erkenntniß des kindlichen Seelenlebens würde auf die Eltern einen versittlichenden und veredelnden Einfluß üben und würde ihre Selbsterkenntniß mehren. Der Verfasser fährt (S. 18) fort: „Und wenn irgendwo, so bietet sich auf dem Gebiete des innerlich gefesteten jüdischen Familienlebens, in seiner Organisation, in seiner durch die mosaische Gesetzgebung gefesteten patriarchalischen Basis ein triebkräftiger Boden zur Entwickelung und Anwendung der Hauspädagogik dar. Die jüdische Familie besaß zu allen Zeiten eine erziehende Macht. Ein sehr wesentliches Moment im Staatswesen, gab sie der Nation, die ihrem Charakter nach doch nur ein Complex von Familien war, Stoff und Inhalt und repräsentirte die Volkspsrsönlichkeit in plastischer Prägnanz. Als das jüdische Volk sein staatliches Leben abgestreift und keine politischen Niederlagen und Siege mehr kannte, da war die jüdische Familie die Macht, die das heilige Palladium der Religion Jahrhunderte der Frnsterniß uns Barbarei, die ganze Märtyrerzeit des Mittelalters hindurch geschützt, sie war der Mittelpunkt und die Trägerin des jüdischen Lebens und Geistes, der sich in diesem gleichsam unterirdischen Dasein desto kräftiger und innerlicher entfaltete. Oer Jude des Mittelalters, der nirgends ein Vaterland, eine Heimath fand, den keine sittliche Gemeinschaft mit den Menschen um ihn her verband, dessen äußeres Dasein trübselig verkümmerte, hatte sich eine Welt des inneren Lebens aufgebaut, die ihn das Elend des äußeren Druckes mit edler Resignation ertragen li^ß. Die Seele mit unauslöschlichem Enthusiasmus durchglüht, sah er unerreichbar hoch am Himmel wie das Auge der allwaltenden Vorsehung einen Stern glänzen, den keine Wolke verhüllen, keine Nacht der Kämpfe und Leiden verdunkeln konnte. Es war der Stern der Hoffnung, der sein strahlendes Licht mitten durch ein Wolkenlager von Gewittern hindurch, die jeden Augenblick auszubrechen drohten, auf die enge, ärmliche Welt fallen ließ, in der der Jude lebte. Inder Familie gewann er festen Boden für geistiges Stre-