Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1866)
- Date
- 1866-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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« mit ihrer natürlichen „Flachheit" und Einförmigkeit kennt, der denkt dies gewiß am allerwenigsten. In der That haben hier Natur und Boden über Gebühr ihren Einfluß geübt auf die Lebensweise, Sitten und geselligen Verhältnisse der Bewohner überhaupt und auf das religiöse Leben der jüdischen Bewohner insbesondere. Ein Sich-gehen-lafsen gibt sich da in Gemeinde, Schule und Haus mit vieler Behaglichkeit kund. Mit „Behaglichkeit", aber nicht mit „Ostentation". Dies ist die wichtige Unterscheidung, die auch für das Centralorgan der Orthodoxie Wichtigkeit hat. Es gibt nämlich zwei Arten von Jndifferentismus. Die eine findet sich bei Leuten aus der sogenannten distinguirten Klasse, bei Leuten, die in dem sie umgebenden Meinungsschwindel mit ihrer eigenen Meinung bankerott geworden und um die Kraft und den Muth gebracht worden find, irgend eine subjektive Meinung zu haben. Die objektive, nüchterne Betrachtung der Dinge — der Welt und der Zeit — Gottes (soweit bei diesem unfaßbaren Begriffe von objektiver Anschauung die Rede sein kann) und der eignen Menschenbestimmung könnte nun den Mangel ersetzen, ja, müßte zu einem von innen gekräftigten Bewußtsein führen. Zu letzterer geht aber diesen Leuten die Wissenschaft cb, so wie ihnen zu elfterer die Bildung der Herzens- und Seelenkröfte fehlt. Diese Leute sind daher weder subjektiv, noch objectiv; sie sind weder Systematiker, noch Rationalisten; sie sind — wenn sich beim „Nichts" unterscheiden läßt — eine Art Nichts, oder — um dem Nichts einen Namen zu geben — „indifferent". Diese Indifferenten sind aber zu ihrem Jndifferentismus auf einem gewissen Wege gelangt; sie haben — freilich ohne Selbstbewußtsein — Vor- und Rückbewegungen gemacht, und da sie einen Weg gemacht haben, so glauben sie auch zu etwas gelangt zu sein, und wenn dieses „Etwas" auch eigentlich ein „Nichts" ist. — An diesem Scheinwesen: Jndifferentismus, hangen seine Bekenner mit dem ganzen Reste ihres Herzens und ihrer Seele. Es ist ein Phantom — dieß iagt ihnen in lichten Augenblicken ihre eigene Vernunft, — allein es ist dieß ihre Errungenschaft nach einem vieljährigen Treiben und Getriebenwerden; es ist ein Phantom — aber es ist den Trümmern ihres Glaubens und des Glaubens ihrer Väter entstiegen, es ist ein theurer Preis für dieses Phantom bezahlt worden, und darum muß es wohl von Werth fein. Es ist ein Nichts, aber man hat einen weiten Weg darum gemacht, hat die Cloaken der Täuschung und der Leugnung, des Luges und des Truges durchgewatet und ist hiezu gelangt; — darum muß die pure Principlosigkeit ein Princip, muß Vernunftlosigkeit Vernunft, muß das Nichts Etwas sein. Die grobe Sinnestäuschung geht unter der Hand geschickter Eseamoteurs, die ihre Rechnung dabei finden, unter Chorgesang und Orgelklang in Scene, und die „Indifferenten" sind nicht nur zufrieden gestellt — was nicht viel sagen will; — sie sind stolz auf ihre Errungenschaft. Tief unter dem Niveau der Idee und ihrer Kämpfe, wie sich diese Armen befinden, gelangt kein Kampfgetöse zu ihnen; und so dünken sie stchhochüber allen diesen Meinungskämpsen erhaben. Das ist das „Sichgehenlassen" mit Ostentation, der verfeinerte, rasfinirte Jndifferentismus, das Nichts im stolzen Gewände. -- Daß sich gegen ein solches wesenloses Phantom schwer ankämpfen läßt, ist leicht begreiflich. Wo sich principloser Unverstand mit dem Gefühle stolzen Ueberhobenseins gepaart hat, da fehlt der natürlichen Stimme, der gesunden Meuschenvernunft jeder Eingang, der religionswissenschaftlichen Discussion jede Handhabe; da kann man nicht mehr streiten und rechten, sondern nur belächeln und beklagen. Neben diesem oftensiven Jndifferentismus gibt es noch einen andern ohne Ostentation. Es ist dieß jene vegetirende Schmarotzerpflanze, die sich am häufigsten auf den üppigen Feldern eines naturwüchsigen vegetabilischen Lebens findet. Die Natur läßt sich da gehen und treibt vermöge der Ueppigkeit des Bodens viel Weizen und viel Unkraut — und die Menschen lassen sich ebenfalls gehen, — lassen den lieben Gott machen. Cs liegt hierin weder die Resignation einer herben Enttäuschung, noch der dünkelhafte Stolz einer Selbsttäuschung, sondern einfach die naturwüchsige Zähigkeit im Nichtsthun, die Ausdehnung und Uebertragung des naturgesetzlichen Verharrungsvermögens in's Moralische und — in's Jüdische. — Die Erde ist fett und bedarf nur wenig der nachhelfenden Meisterhand des Menschen; und der Mensch vergißt zuletzt, daß er Meister der Erde sein solle; der Jude vergißt, daß er mehr zu thun habe, als ein gewisses Gefühl der Zähigkeit auch für die ihm überkommenen religiösen Gewohnheiten zu bewahren, daß er die hohen Principien seiner Religion zu seinem geistigen Eigenthume machen, daß er lernen und arbeiten, daß er sich vom wahren, belebenden Geiste des jüdischen Glaubens und Wissens durchbilden lassen müsse, um nicht Gewohnheitsjude zu werden, wie er Gewohnheitsmensch geworden ist. — Was ist auch so ein bischen Gewohnheit, bei der starrsten Zähigkeit und was sür Heil kann sie dem jüdischen Religionsleben bringen, wenn sie ihres einzig festen Stütz- und Haltpunktes: jüdischen Wissens und Glaubens entbehrt? — Die Erfahrung hat gezeigt, wie bald die Gewohnheit im Leben, zu einer bloßen Gewohnheit im Denken oder richtiger, im Gedenken wird, die dann höchstens einige, sich immermehr abschwächende Spuren in der Erinnerung zurückläßt. Was waren z. B. die Falascha's und was sind sie und was kann aus ihnen werden, wenn ihnen nicht mit der Religion des Wissens, des Glaubens und der That entgegengeeilt