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Der Israelit · 1865-12-27 · Heft 52 (27.12.1865) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 52 (27.12.1865)
Date
1865-12-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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782 Zustande antras. Diese Stadt, die erst seit 1838 durch die Eroberung des Generals Damrämont der dabei sein Leben verlor, französisch geworden war, stand nicht einmal durch eine Straße mit Philippeville in Verbindung; ein Eilwagen, oder vielmehr ein Rumpelwagen, der diesen Namen usurpirte, versah wöchentlich den Dienst zwischen beiden Städten. Da ich keine Zeit verlieren wollte, begab ich mich alsbald unter der Begleitung des Herrn v. Moyencourt, dem Jnspector des öffentlichen Unterrichtes, der dieselbe Reise zu machen hatte, auf den Weg. Außerhalb der Stadt begegneten wir einem zweiräderigen Karren, der mit Sand beladen war, wir bestiegen denselben, und so kamen wir denn gegen Abend in das militärische Lager El-Arouch, wo wir gezwungen waren, die Nacht zu verbringen; von hier aus kamen wir dann Tags daraus gegen Nachmittag in Konstantine an. Unsere Religionsgenossen, die von meiner Ankunft Nachricht erhallen hatten, kamen mir entgegen, ließen mich ein prächtig bedecktes Maulthier besteigen, auf dem ich, gefolgt von einer Schaar junger Israeliten, meinen Einzug in dem alten Jugurtha hielt. — Die Lage dieser Stadt zwischen dem Kaudiat-ati und dem Ouat-Rummel ist herrlich; wahrscheinlich ist dieses auch die Ursache, welche diesem Orte seinen vorherrschend arabischen Charakter erhalten hat, während die anderen Hauptorte bereits die europäischen Sitten angenommen haben. Eine Bevölkerung von 4000 jüdischen Seelen, die mit ihren Religionsgenoffen in der Wüste und in Kabylien in steter Verbindung standen, bot mir einen großen Stoff zum Studium. Mehrere Beschneidungen, Hochzeiten und Leichenbegängnisse gaben mir die Gelegenheit, das arabisch-jüdische Leben in allen seinen Theilen kennen zu lernen. Der Charakter dieser Bevölkerung, der sich im Allgemeinen wenig von demjenigen der ar.deren Eingeborenen unterscheidet, hat noch etwas mehr Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit, als der der anderen Provinzen. In mehreren öffentlichen Ansprachen sowohl in den Synagogen als in Privatversammlungen machte ich unsere Brüder auf den Werth einer allgemeinen Bildung und Erziehung aufmerksam. Synagogen bestanden damals drei, in denen ziemliche Ordnung herrschte. Aller Ohren lauschtengespannt, wenn ich von den Zuständen unserer Glaubensgenoffen in Europa und besonders von denjenigen in Frankreich sprach. Einige hervorragende Männer aus der Beamten- und der Gelehrtenwelt, wie der jetzige Geniehauptmann Carrette, der Gründer und Hauptredakteur des Journals waren den Israeliten. sehr günstig. Sie fanden in diesen intelligenten Pionnieren ein kostbares Element, das schon acclimatisirt und für die Ideen der Civilisation sehr empfänglich war, um auch die Araber- und Kabylen-Stämme, mit denen sie in Handelsverbindungen standen, mit gleichen Gesinnungen vertraut zu machen. Herr Carrette hatte öfters die Güte, mich in die Versammlungen der Israeliten und selbst in Privatkreise zu begleiten, um die Sitten seiner späteren Untergebenen recht genau kennen zu lernen. Er gehörte zu der Partei der Civilregierung, die sich durch ihr Wohlwollen für unsere Glaubensgenossen merklich von der Militärverwaltung unterschied, an deren Spitze der Marschall Bugeaud stand. Mein Bestreben ging hauptsächlich dahin, unseren Glaubensgenossen', in der besseren Gesellschaft und in der Verwaltung so viel Freunde als möglich zu erwerben; überzeugt, daß dieses die beste Weise sei, die Zustände derselben zu verbessern und sie mit allen Ereignissen ihres neuen Vaterlandes in Verbindung zu bringen. Ehe ich diesen Brief beendige, will ich Dir noch eine ziemlich sonderbare Episode mittheilen, die sich während meines Aufenthaltes in der dortigen Provinz ereignete, und in der ich unfreiwillig eine Rolle zu spielen bestimmt war. (Forts, folgt.) Rußland. Große Aufregung erregt in Rußland und Polen, wie jedes Jahr, so auch dieses Mal, die Conscription. Wenn man bedenkt, daß der russische Soldat seither nicht weniger als 15 Jahre activen Dienst zu thun hatte, so ist es leicht begreiflich, daß man einen Rekruten, und besonders unter der jüdischen Bevölkerung, für das unglücklichste Geschöpf hält. Nicht allein ist es dem Juden in vielen Garnisonsplätzen fast unmöglich, den Gesetzen unserer Religion gemäß zu leben — und das ist dem wahrhaften Juden ein unersetzlicher Verlust — der Jüngling und noch häufiger der verheiratete Mann wird auch aus seiner Familie, auS seinem Geschästsleben gerissen, um oft unter den russischen Cohorten an den wilden Abhängen des Kaukasus sich mit den unbändigen Bergvölkern herumzuschlagen. Schon mancher Sohn Israels bauchte in jenen Wildnissen, die Einheit Gottes verkündend, sein Leben aus. Unsere bemittelten Glaubensgenossen, aufgemuntert von ihren Rabbinen, thun darum ihr Möglichstes, so viele Conscribirte als möglich loszukaufen. Fast in jedem Dorfe, in jeder jüdischen Gemeinde sind solche Beispiele zu constatiren. So wurden z. B. in Augustowa 20 junge Männer, unter denen mehrere Familienväter, die Frauen mit 3 Kindern hinterlassen, gezogen. 3000 Rubel wurden gesammelt, mit denen man fünf Militärpflichtige loskaufen konnte. — Eine große Wohlthat ist für das Czarenreich, daß der Kaiser neuerdings die Dienstzeit aus 0 Jahre activen Dienstes und noch weitere 4 Jahre in der Reserve reduzirt hat. Für das übrige Europa ist dies immerhin noch eine ziemlich lange Zeit, doch gering gegen früher; d. h. vor dem Krimkriege, wo die Dienstzeit 25 Jahre betrug und der

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