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Der Israelit · 1865-12-27 · Heft 52 (27.12.1865) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 52 (27.12.1865)
Date
1865-12-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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777 scheidenen Räumen, und ihre Andacht verlor nicht dabei. Wir wollen es aber nun einmal anders: Nun gut! es ist auch dies ein rühmliches Streben. Wenn wir aber denn stolze Gotteshäuser Herrichten, oder auch nur unsere alten Synagogen neu renoviren und dafür Tausende Zusammenlegen und ausgeben, weil, wie man einsieht, es so sein muß: sollte denn die Ausgabe sür die Erhaltung eurer Schule und eures Lehrers nicht mindestens ebenso nothwendig sein, und lassen sich da die Mittel gar nicht herbeischaffen, obwohl dies doch auch sein muß? Wie kostspielig war doch früher der Unterricht, wo jede Familie sür sich, oder auch etliche Familien zusammen sür die Unterweisung ihrer Kinder in der Thora einen „Bochur" in's Haus nehmen mußten, und dieser von den Wenigen so viel erhielt, wie jetzt eine kleine Gemeinde sür ihren Lehrer zahlt! — Doch genug der Gründe, vielleicht ihrer schon zu viel. Wahrlich, ihr Gemeinden, ihrkönntet gewiß, wenn ihr nur wolltet. Möchtet ihr euch darum nicht ferner besinnen, bis ihr euch entschließet, Jeder sin kleines Opfer zu bringen, das die Lage eines braven Lehrers mit einem Male ausbessert, und bedenket, daß es doch leichter fällt, wenn jeder Einzelne einen Theil, als wenn der Lehrer allein das Ganze entbehren muß. Die sittliche und geistige Zukunft eurer Gemeinden hängt in vielfacher Beziehung von dem muthigen Entschluss ab, endlich gerecht gegen eure Lehrer zu werden, damit sie aufhören dürfen, ein quäl- und sorgenvolles Leben zu führen, und damit ihnen die Hoffnung werde, einst, nach einem thätigen Leben im Alter die verdiente Ruhe zu finden. Möge keine falsche und unzeitige Sparsamkeit fürder euch leiten, dann werden wackere Männer, gediegene Kräfte aus allen Kreisen unseres Volkes gewiß sich gern und freudig dem Lehrberufe wieder zuwsnden zum Heile der Gemeinden und zum Segen für das gelammte Judenthum! Ein Menschenfreund. Zeitungsnachrichten und Corresponderrzen. Deutschland. Mainz, den 2. Dec. Nächsten Donnerstag, den 23. Dec. (nnonwird in der Synagoge der israel. Religronsgefellschaft vom Herausgeber d. Bl. zum Gedächtniß mehrerer bedeutender, unlängst aus diesem Leben geschiedener Männer ein isvri abgehalten werden. Wir leisten damit dem in Nr. 50 d. Bl. ausgesprochenen Wunsche Folge. Mainz, 18. Dezember. Unter diesem Datum erzählt der „Mainzer Anzeiger" den merkwürdigen Lebenslauf eines hiesigen Glaubensgenossen. welcher fast ausschließlich den Umgang mit Andersgläubigen suchte und pflegte, wie folgt: „Am 23. November dieses Jahres verstarb dahier im städtischen Ho'pitale arm, verlassen und vergessen, selbst von den Vielen, welchen er Wshlthaten erzeigt hatte in seinen früheren besseren Trgen, ein Unglücklicher, Leo Abraham Welich, im Greisenalter von 74 Jahren. Nicht allem deßhalb soll hier des Verstorbenen gedacht werden, weil sein Schicksal den Wechsel menschlicher Dinge in wahrhaft tragischer Gestaltung darbietet (ein früher reicher, freigebiger Mann, gerieth er am Ende seiner Tage durch harte und wiederholte Verluste in die größte Armuth, der er sich vergebens durch einen Sprung von der Brücke in den Rhein zu entziehen suchte, — er wurde von Schiffern aus dem Wasser gezogen wider seinen Willen), sondern wir gedenken des Verstorbenen wegen seines merkwürdigen Dranges, Völker und Länder möglichst kennen zn lernen, welcher Drang ihn während eines großen TheileL seines Lebens in die weite Welt hinausgetrieben. Welsch hatte nicht allein alle Länder Europas in früherer Zeit, in welcher Eisenbahnen noch nicht bestanden, durchwandert und zwar theilweise zu Fuß (er machte z. B. den langen Weg von Sewastopol nach Moskau zu Fuß), sondern er hatte Nord- und Südamerika, Afrika (in Marono wurde er als merkwürdiger, fremder Eindringling längere Zeit iu sehr bedenklicher Gefangenschaft gehalten) und einen Theil von Asien bereist. Die Reise von Konftantinopel nach Jerusalem machte er ebenfalls zu Fuß. Auf seinen weiten und jahrelangen Wanderungen bediente er sich je nach Sitten und Ansichten der Völker, die er besuchte, verschiedener Verkleidungen, und wußte z. B. im Oriente und auf dem gefährlichen Wege nach Jerusalem seine reiche Börse unter dem dürftigen Kleide eines Türken oder Armeniers schlau zu verbergen. Der Abt des Klosters zu Jerusalem, in welchem Welsch als Christ (er war Jude) gastliche Aufnahme gefunden hatte, gab ihm ein Schreiben an dm damaligen Bischof Kaiser mit, welches er demselben bei feiner Rückkehr persönlich überreichte. Bei jeder Rückkehr von einer Weltreise brachte Welsch Freunden und Bekannten Geschenke, zuweilen sehr kostbare, mit, von denen noch manche in hiesigen Häusern zu sehen sind. Der Stadt Mainz hat er eine Sammlung von Münzen vieler Länder geschenkt. Fast bei jeder Rückkehr auS der Fremde mußte er aber auch die Hiobspost über ein verlorenes Kapital (durch Fallimente von Kaufleuten, welchen er Summen anvertraut hatte) erfahren. So verminderte sich sein sehr bedeutendes Vermögen allmählich, bis es durch fehlgeschlagene Börsenspekulationen vollends verschwand und er gänzlich verarmte. Welsch

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