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Der Israelit · 1865-12-27 · Heft 52 (27.12.1865) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 52 (27.12.1865)
Date
1865-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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76 Selbst die niedrigsten Handwerke haben nur eine gewisse Anzahl täglicher Arbeitsstunden. Der Lehrer, welcher doch geistig und physisch arbeiten muß, kann erst da ihre Grenzen einsetzen, wo das Mögliche von der Unmöglichkeit sich scheidet! Und was ist die nächste Folge? Daß gerade die gewissenhaftesten und gesinnungstüchtigsten Männer das Lehrfach aufgeben, um die Collision der Amtspflichten mit den Familienpstichten zu vermeiden. In vielen Gemeinden Deutschlands sind die Stellen unbesetzt; in vielen andern wirken nur mittelmäßige-Kräfte. Wer eine mehr als gewöhnliche geistige Begabung in sich fühlt, ergreift einen einträglicheren und dankbareren Beruf, und es fehlt nicht etwa nur an guten und tüchtigen Lehrern, sondern an Lehrern überhaupt, und dieser Mangel hat seit den letzten Jahrzehnten bedeutend zugenommen. Wollen wir diesen Thatsachen gegenüber indessen gegen die Gemeinden nicht ungerecht sein, so müssen wir bekennen, daß in jüngster Zeit allerdings viel zur Hebung des Lehrerftandes und seiner Interessen geschehen ist. Die Lehrer genießen jetzt den wirksamsten Schutz der Behörden, eine erhöhte Achtung in ihren Gemeinden; ihre Einkünfte, im Vergleiche zu den früheren Verhältnissen, sind bedeutend aufgebessert, und besonders muß es laut bekannt und anerkannt werden, wie drr Jude für den Unterricht seiner Kinder gern Opfer bringt, und daß deren Bildung den Ettern wahrhaft am Hsrzrn liegt.*) Aber eben weil die Lage des Lehrers sich so günstig gestaltet hat, daß er, vermöge seiner Bildung und Nützlichkeit eine Stellung in ^taat und Gemeinde einnimmt, in der er auf die Achtung der Gesellschaft Anspruch machen darf und machen soll, eben darum sollten ihm die materiellen Bedingungen nicht vorenthalten werden, die ihm gestatten, eine solche Stellung auch zu behaupten. Die Gehalte sind gegen früher freilich allenthalben erhöht; allein, steht diese Erhöhung in einem richtigen Verhältnisse zu den veränderten Zeitumständen? Das Geld hat, wie Jeder weiß, an Werth verloren; dagegen sind alle Lebensbedürfnisse im Preise gestiegen. Der Bäcker, der Schneider, der Maurer, der Schuhmacher und alle andere Handwerker können ihre Preise hinaussetzen, und sie thun es. — Die Baumwolle, das Leinen, die Seide, die Wolle, das Mehl — kurz alle Stoffe und Produkte sind allmählich gestiegen. Die Fabrikanten und Kaufleute machen sich die günstigen Conjuncturen zu Nutze, sie wollen verdienen und zwar viel verdienen, sie verkaufen ihre Maaren theurer als früher: Warum soll nun der Lehrer allein die Preiserhöhung geduldig ertragen, und seineWaare nicht nach Ermessen ver- *) Alle Völker, sagt Luther schon, sonderlich die Juden, halten ihre Kinder besser zur Schute, als die Christen. werthen können; warum muß er allein «arten, und oft Jahre lang vergeblich warten, bis sein Vorstand so gnädig ist, ihm um ein Kleines seinen Gehalt zu erhöhen, oder ihn mit einer vorübergehenden Thsuerungszulage abzufertigen? Ihr sagt: „Aber wir können ja nicht, bei dem besten Willen nicht! Wir müssen unsere Ausgaben nach unseren Einnahmen richten, und es ist ja so schon ein Deficit in der Caffe. Es macht sich spater wohl noch, wir müssen bessere Zetten abw arten!" Ja wohl, man hat gut abwarten, wenn Anderen das Kerzchen am Nagel brennt, und ihr könnt leicht mit euren treuen Lehrern wetteifern in Beweisen eurer HillelS- Geduld! Aber kommt her, laßt uns einmal untersuchen und sehen, was denn Gegründetes an eurer Behauptung ist, nur verschließet nicht der Wahrheit euer Ohr! Ihr könnet nicht? euch fehlten die Mittel? Ich will euere Bücke nicht in die gesell'chaftüchen Eickel lenken, um euch zu zeigen, wie hier, auf dem Lande, man wohl Gelo hat, um an einem Abend einen Gulden in der Karts zu verlieren, oder dort, in der stadt, ein Paar Thaler für andere rauschende Vergnügungen auszugeben. Ich habe nicht das Recht, in Privatznstände einzudringen, oder gar auch Fehler vorzuhalten. Aber an eure Tugenden laßt mich appelliren, um euch zu beweisen, wie ihr im Jcrthum befangen seid l Ihr könnt nicht? Blicket hin in die öffentlichen Blätter, wenn für Arme und Unglückliche in der Ferne gesammelt wird. Wie reichlich fließen da die Spenden, wie seid ihr da, als echt: Sühne Abrahams, bereit, Hungrige zu speisen, Nackte za kleiosn, Traurige zu trösten, Schmerzen zu lindern, Unglückliche aufznrichten; wie gern und freudig trägt selbst der Geringe feinen i Groschen bei, wett er die Nothwendigkett einsieht, und! weil ein fühlend Herz ihn dazu bewegt! Und wie, i für den M mgel in eurer nächsten Nähe hast ihr kein! Auge und kein Mitgefühl? Der größte Wohtthäter j eurer Kmder — vielleicht auch der eurige — soll mit j der Nahrungssorge im Herzen unter euch leben und! wirken, ihr könnt es ändern und thut es nicht? Ihr i könnt nicht? Seht nur! — ich will der Gemeinden! gute Seiten heroorheben — seht, welche Summen! ausgegebm werden für neue T^ocarollen, um das! Wort Gottes zu vervielfältigen, vielleicht auch ein! kleines Freudenfest damit zu verbinden — für prachti volle und Mäntelchen und andere Vip '>2! wie - leicht ist da das Geld beschafft, weil man es gern thut, weil man das Löbliche und Nützliche der Ausgabe einsieht. Aber für den Träger der Gotteslehre und den Vertreter ihrer Wissenschaft könnte man eS nicht, weil die dringende Nothwendigkett noch nicht genugsam einleuchtet? Oder seht die prächtigen Synagogen, die aller Orten entstehen. Unsere Alten begnügte« sich mit be-

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