Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1865)
- Date
- 1865-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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775 ganz bescheidene und angemessene Bitte, da es ja Gemeinden genng gibt, denen ihre Mittel gestatten, Luxus M treiben, und da ja nach „neuzeitlichem" Urtheil Männer wie Hochmuth in Berlin und in Wien mit der „Diogencslaterne" gesucht werden — allein Herr Hochmuth meint es anders, er wird der verarmten Gemeinde auch noch die schweren Proceßkosten aufbürden!! — Diese Vorgänge fordern zugleich zu ernster Betrachtung auf. Was verständige Männer bnz vdn «'2^ lange, lange vorausgesagt haben, ist überraschend schnell eingetreten: „Es wird eine Zeit kommen," so sagten schon unsere Vater, „in welcher die modernen Juden gar keinen Nabbinen mehr anstellen werden, denn sie gebrauchen keinen solchen; er ist ihnen ein reiner Luxusartikel geworden." — Das Judenthum wird nicht darüber zu trauer-n haben, daß es keine Luxus-Rabbinen mehr geben wird. — Der israelitische LehrerstanS. Ein Wort der Mahnung an die Gemeinden. (Schluß.) Mit sehnsüchtigen Augen blicken daher viele Landlehrer nach den einträglicheren Stellen in den größeren Städten hin, und es dür.k-n ihnen die Inhaber dieser Stellen nicht wenig benerder.swerlh. Auf dem Lande ist ihr Fixum kaum 100 Thlr., 150 Thlr.; mit allen Accidentien und Sporteln cnch wobl 250 —800 Thlr. Aber die Stellen in greß-n Gemeinden, wie man es in den ausgeschriebenen Vacanztn liest, tragen allein schon ein Fixum von 500 bist00Thlr. od r 1000 bis 1200 Gulden ein, und w eviel mögen die glücklichen Inhaber noch aus privai.m Wege verdienen, wie sicher und ergiebig noch da die Ausbeute ihrer Freizeit sein) Dort sitzen die Lehrer nicht nur an den vollen Fleischtöpfen Egyptens, min, dort sind ganze Länder, da Milch nnd Honig flicht! Dort sind die Reichen splendid, gebildet; sie schätzen ne Gelehrsamkeit, sie wissen das Verdienst zu würdigen, da freilich finden die Lehrer für ihr Wirken noch gerechte Anerkennung und reichlichen Lohn! — Aber wie herrlich auch in der Form Manches glänzen mag, es ist selten reinen Goldes Glanz. Und ist nicht auch das Elend ost mit einem traurigen Glanze umgeben? Viel schlimmer, als ihre Covegen aus dem Lande, find die Stadtlehrer daran. Schon die Anforderungen an diese, hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Bildung, werden mit Recht höher gestellt; eS ist ihre Fortbildung ein unerläßliches Erfordernd, denn sie müssen allezeit auf der Höhe der Wissenschaft stehen, die Ergebnisse der neuesten Forschungen aus den betreffenden Gebieten kennen und in den Unterricht aufnehmen. Dies nicht auszusetzende Weiterstudium nimmt ihnen schon einen schönen Theil ihrer Freizeit hinweg. Wer nun das theure Leben in großen Städten kennt, der wird wahrlich bald an den Fingern abzählen können, daß die normalen Einkünfte zum Lebensunterhalt hier nicht ausreichen, und daß, wenn der Lehrer nicht etwa Privatvermögen besitzt, seine Lage eine noch viel mißlichere ist. Wir wollen mit correcten Zahlen beweisen. Die Miethe einer anständigen Wohnung für eine mittelgroße Familie in Hamburg, Wien, Berlin, Hannover, Köln, Frankfurt a. M., Mainz, München, Stuttgart u. a. Städten, abiorbirt fast den dritten Theil des LehrergehaiLes; und da die Wohnungsnoth auch die Handwerker, Kaufleute, Viktualienhändler rc. trifft, so muffen rückwirkend in großen Städten die Arbeit, die Maaren und die Lebensmittel in gleicher Weise theurer bezahlt werden. Wenn daher nach Entrichtung des Miethzinses, der Claffensteuer (oder anderer städtischer Abgaben), der Wittwen-Lassen-Beiträge, der Feueraffecuranz, der Kosten für Zeitungen, Literalien und dergl. dem norddeutschen Lehrer Thlr. 400, dem süddeutschen gegen fl. 800 übrig bleiben, so fragen wir, — und die erfahrensten und sparsamsten eurer Hausfrauen mögen euch diese Frage wahrheitsgetreu beantworten, — kann dafür auch nur die Hälfte der Lebensbedürfnisse selbst für eine minder zahlreiche Familie herbeigcschafft werden? Muß an das theure Brennmaterial in großen Städten erinnert werden, an die Iheueren Fleischpreise, an den höheren Gesindelohn, an die erhöhten Ausgaben für Kleider, Schuhe, Lebensmittel, Beleuchtung und viele sonstige Bedürfnisse, von nothwendigen Reisen, oder gar von eintretenden Krankheitsfällen zu schweigen? — Das Alles kann der Landlehrer sich doch billiger stellen; er kann einen Theil seiner Lebensmittel selbst ziehen oder billiger kaufen; er darf sich und seine Familie einfacher kleiden, und hat gewöhnlich auch eine freie Dienstwohnung. Der Lehrer in einer großen Stadt hingegen kann auf nichts rechnen, als aus das, was er verdient. Zu Nebenverdiensten, aus welche er hingewiesen ist, hat er aber nicht immer Gelegenheit; denn in großen Städten fehlt es in keinem Fach an Concurrenz, und so ist die einzige ihm zugängliche Errverbsguelle, nämlich der Privatunterricht, eine sehr zweifelhafte. Wer aber auch das Glück hat, alle freien Stunden zu besetzen, und so bis spät in die Nacht arbeitet, ist doch kaum im Stande, die Kosten für seinen Haushalt zu erschwingen: er muß sein Brod nicht nur im Schweiße seines Angesichtes verdienen sondern es erarbeiten, indem er seine Lebenskraft und einen heiteren Lebensgenuß als Preis eiusetzt.