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Der Israelit · 1865-12-13 · Heft 50 (13.12.1865) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 50 (13.12.1865)
Date
1865-12-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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742 Die Lehre ist es, welche die Lichtstrahlen der einzelnen Gesetze in sich vereinigt, ja diesen erst eigentlich ihre Leuchtkraft verleiht, indem sie das Einzelne nicht allein zum Allgemeinen zusammenfaßt, sondern vielmehr aus dem Allgemeinen heraus dem Einzelnen seine Berechtigung nachweist. Ist des Kindes Herz zu Gott hinangeführt, so kann dieses den Allgewaltigen wohl ahnen, aber nicht erkennen. Die Gotteslehre lehrt uns Gott nicht allein kennen, sondern auch erkennen; durch sie lernen wir Alles, Alles im Lichte des uns geoffenbarten Gottesgeistes betrachten; wir lernen Gott aus seinen Werken kennen wie aus den Gesetzen, die Er uns verlieben, wie aus den Lehren, die Er uns offenbart hat. Wir lernen Seine sich überall zeigende Güte bewundern, Seine Weisheit verstehen und unser Herz wird erfüllt mit Liebe zu Ihm.dann, ja dann hat die Leidenschaft keine Macht mehr. Wer Gott erkannt hat und Ihn wahrhaft liebt, wer von Seiner Allgegenwart, Allweisheit und Allmacht überzeugt ist und daher keinen anderen Wunsch hat, als Ihm zu dienen und Ihm wohlgefällig zu leben, der kann nicht sündigen. Wir lernen aber auch das Wesen der eigenen Seele kennen. Was ist die Seele? Die moderne Philosophie, sowohl der Idealismus, der die absolute Einheit Predigt, wie der Materialismns, der nur dem Stofflichen Wirklichkeit zuerkennt, leugnen die Existenz oder doch wenigstens die Sonderexistenz derselben. Der Jude weiß es besser: früh Morgens schon betet er: „Mein Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein." Er weiß, daß geistiges und irdisches Streben sich einander gegenübersteht, und daß das Irdische durchgeistigt, veredelt werden muß und daß es nur Mittel zum Zwecke ist, daß Essen, Trinken und Schlafen nicht Selbstzwecke sind, sondern nur dazu dienen sollen, den Körper als Werkzeug des Geistes zu kräftigen. Der Jude, der von diesen Ueberzeugungen durchdrungenist, gewinnt ganz neue Anschauungen von Vergnügen und Freude. Ihm wird nur Das Vergnügen gewähren, was vom Geiste getragen ist, nur Das wird ihm Freude machen, was seinen Geist auf eine höhere Stufe der Vervollkommenheit führt, denn dteser Geist ist ewig und muß einst Rechenschaft ablegen, von dem. was er auf Erden vollbracht hat, und wird einst Lohn oder Strafe empfangen, je nachdem er seine Aufgabe hienieden vollendet oder verabsäumt hat. — Derjenige, den solches Denken lautert und erleuchtet, der wird der Leidenschaft widerstehen können. Und auch der Verführung. Freilich ist die Verführung groß, namentlich in unseren Tagen groß. Man sieht Tausende abweichen und ihre Untreue durch Scheingründe beschönigen, man sieht sie das schwere Joch der Gottesgebote abwerfen und leicht und freudig durchs Leben wallen — man steht genießen, wo man entbehren muß, sieht erwerben, wo man verzichten muß, sieht wie dem Bösen gelingt, was so vielen Guten mißlingt, sieht so vieles Mühen erfolglos, so manches Opfer vergeblich gebracht, so manche Kraft in edelster Absicht nutzlos verschwendet, so manchen Kampf um das Gute, der nicht zum Siege führt — Noth, Kummer, Verlust des Liebsten und Theuersten kömmt hinzu, während um den Bösen das schönste Glück erblüht.man liest und hört so Manches, was einleuchtend erscheint und doch der Gotteslehre schnurstraks entgegengesetzt ist.da ist bei so vielen Verführern Lüge und Wahrheit so künstlich gemischt, daß sie durch die Wahrheit bestechen und dann auch für die Lüge gewinnen, daß es sicher schwer, oft sehr schwer fällt der Verführung zu widerstehen — aber die Gotteslehre ist der Helle Tag! Forsche nur in ihr, halte nur fest an ihr, sie wird jedes Dunkel so erhellen, jede Finsterniß so durchleuchten, daß die Verführung zurückweichen muß. Nur in finsterer Nacht oder im Waldesdunkel können die Räuber ihrem elenden Handwerke obliegen — die Sonne bricht hervor und du bist gerettet von den wilden Thieren und den Räubern; die Gotteslehre leuchtet dir, und du wirst den Leidenschaften und der Verführung nicht zur Beute werden. III. „Und der Weg des Lebens ist die Zurechtweisung zur Zucht." — „Noch weiß er nicht, welchen Weg er wandeln soll, gelangt er aber zur Heerstraße, so ist er errettet von Allem." Der Weg des Lebens, das ist die Zurechtweisung zur Zucht, die dargeboten wird durch die Weisheit, gezogen aus den Erlebnissen des Einzelnen — die Erfahrung, und aus den Erlebnissen der Menschheit — die Geschichte. Alte, weise und deßhalb erfahrene Männer, denn nicht jeder alte Mann hat die rechte Erfahrung, alte Männer, die viel gesehen und viel erlebt haben, weise Männer, die in der rechten Weise gesehen und erlebt und das Gesehene und Erlebte richtig aufgefaßt haben und richtig zu beurtheilen wissen — an sie halte dich, sie werden dich lehren den Weg des Lebens, den sie selbst gefunden haben und gewandelt sind. -z'ipi »z-un Frage doch deinen Vater, und er wird dirs verkündigen, deine Alten, und sie werden dir's sagen! In unserer Zeit, da wir inmitten der Nationen und ihrer Weisen leben, da unsere Bildung von der ihrigen durchtränkt ist, da wir in freundschaftlichem, commerziellen und wissenschaftlichen Verkehr mit ihnen stehen, ihre Ansichten hören und oft unwillkührlich erwägen müssen, da kann sich sobald Keiner vor dem Nachdenken behüten; ob die uns überkommene Wahrheit auch die rechte ist. Solche Fragen, die früher

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