Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1865)
- Date
- 1865-12-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447193-2447242--03899-2459325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
741 Welche wundervolle, unschätzbare Handhabe bietet dazu das jüdische Gesetz! Sobald das Kind sprechen lernt, muß der Vater es das pvL', das heiligste Glaubensbekenntniß lehren, damit der noch unentwickelte Geist sich emporranke zu Ihm, zu Dem aufzustreben die höchste Tugend ist; sobald der Knabe sich in ein Gewand zu hüllen vermag, muß der Vater ihm die Schaufäden am Gewände befestigen, damit er lerne, stets an Gott, den Allgegenwärtigen, zu denken; ehe das Kind seinen Hunger und seinen Durst befriedigt, muß es Gott, den Ernährer und Spender, loben; es sieht die Mesusah an der Pforte und fühlt sich in Gottes Schutz, es hört den Donner rollen, sieht den Blitz herniederfahren, und die Berachah weist es auf Gvtt.s Allmacht hin; es sieht den Bogen des Bundes am Himmel und lernt die Treue und Beständigkeit seines Schöpfers kennen. Der Sabbat bringt eine förmliche Umwälzung im Leben des Kindes hervor, es darf nicht reißen, brechen, bauen, zerstören, musiciren wie am Wochentage, es lernt, seine Leidenschaften zu bezähmen, und erfährt, daß ein höchster Wille wallet; die Speisegesetze lehren es, der sinnlichen Gier Schranken zu setzen, die Feste führen es in die Mitte unserer heiligen historischen Erinnerungen hinein, der Schofar am Neujahrsfeste und die erhabene Weihe des Versöhnungstages, die Trauer am neunten Ab und dis Freude am Purimfeste, die Laubhütte und die vier Fruchtarten am Suckot, sowie die Lichter am Weihefeste erfüllen und beleben seine Phantasie in erhebender und heiligender Weise, während die Erzählungen der Sedernacht so recht eigentlich dazu angethan sind, auf das Gemüth des Kindes zu wirken. Wie Vieles erfährt doch das jüdische Kind durch das Gesetz, wie ist doch für alles Gute und Edle und Schöne ein religiöses Gebot, für alles Schlechte und Verabscheuungswürdige ein religiöses Verbot da! Wie kömmt es, daß religiös erzogene jüdrsche Kinder niemals an Tbierquälereien und auveren Rohheiten Gefallen finden? wie kömmt es, daß die Nationaltugenden unseres Stammes, die Barmherzigkeit, die Schamhaftigkeit, die werkthätige Bruderliebe noch nach Jahrtausenden vorwiegend unfern Eharacter beherrschen? wie kömmt es, daß in religiös jüdischen Häusern die Ehrfurcht und Liebe für die Eltern in einem Grade vorj walten, der nirgendwo seines Gleichen findet und der j bereits in den Häusern der sogenannten Aufgeklärten > so schmerzlich vermißt wird? Es ist das jüdische Gesetz, das als ein guter Enge! im Hause des glaubenstreuen Juden waltet, die Erziehung der Kinder beeinflußt und zum besten Ziele lenkt. Unlängst befanden wir nnS in einer Gesellschaft, in der viele Nichtjuden und einige dem Gesetze untren gewordene Brüder zugegen waren. Es war von der körperlichen Erziehung der Kinder, vom Turnen, Abhärtungen rc. die Rede. „Was hilft das Alles!" meinte endlich einer der „aufgeklärten" Glaubensgenoffen, „wann später die jungen Leute in das wüste Treiben der erwachsenen Jugend hineingerathen, so war doch alles Borausgegangene vergeblich". — „Im Gegentheile," meinte ein anwesender Arzt, „man muß die Knaben so kräftigen, daß ihre feste Constitution die Exceffe der Rasejahre überdaure." — „Nicht doch, meine Herren," entgegneten wir, „man muß die Kinder so erziehen, daß später die jungen Leute ihre Leidenschaften bezähmen und der Verführung widerstehen lernen." — „Ja," meinte man lächelnd, „die Herren Geistlichen haben guc reden, aber das ist unmöglich!" — In diesem Augenblicke hielt der Eisenbahnzug, denn in einem solchen batte sich die Gesellschaft zusammengefunden; unser Reiseziel war erreicht, und dieser Umstand überhob p.^s. der vergeblichen Mühe, vor ungläubigen Ohren ausemanderzusetzen, daß dis wahrhaft jüdische Erziehung das unmöglich Geglaubte seit Jahrtausenden ermöglicht hat und täglich noch ermöglicht. Das Gesetz, das jüdische Religionsgesetz ist die Leuchte, welche die Nacht des jugendlichen Geistes erhellt. Und ist es denn wahr, daß das jüdische Religionsgesetz den Erwerb hindert, der gesellschaftlichen Stellung schadet und die Gesundheit untergräbt? Nein, es ist nicht wahr! Gerade im Gegentheil, das jüdische Religionsgesetz gewöhnt an Fleiß, Mäßigkeit, Lhätigkeit; es gÄietet Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit, Mildthätigkeit — lauter Dinge, die den Erwerb befördern, die gesellschaftliche Stellung zu einer ehrenhaften gestalten und die Gesundheit befestigen. In den sechs Wochentagen kann man unter Gottes Beistand genug erwerben, um am siebenten zu ruhen, man braucht kein mit Sabbatentweihung verbundenes Staatsamt zu bekleiden, um sich die Achtung seiner Mitbürger zu erwerben, man braucht keine von Trichinen durchzogene Speise zu genießen, um gesund zu bleiben. M221 IVIP TibrMVZ ,.-u'v'2 O'2' „Langes Leben ist in ihrer (der Thora) Rechten, in ihrer Linken Reichthum und Ehre. OV '2 'Qp ^2 1«1. „Und es werden es sehen alle Völker der Erde, daß der Name Gottes waltet über dir." -PQ' '2. „Denn sie (die Religion) ist dein Leben und die Länge deiner Tage." II. Ist aber das Gesetz die Leuchte unserer Nacht, so ist die Lehre dem Hellen Tage gleich. Gerettet von den T ornen, Steinen und Gruben, tritt der zum Jüngling herangereifte Knabe in's Leben ein; da warten sein die Leidenschaften, die den wilden Thieren, und die Verführer, die den Räubern vergleichbar; da ist eL die Lehre, das Helle Tageslicht, das ihn von diesen Gefahren errettet.