Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1865)
- Date
- 1865-12-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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730 Herr Rabbiner Myers wählte zum Texte die Worte des königlichen Psalmisten: 118 Psalm, den 23. und 24. Vers. — „Vom Ewigen ist dieses so geschehen; in unseren Augen ist es wunderbar. Es ist der Lag, den Gott, der Ewige geschaffen hat, wir wollen uns freuen und frohlocken an ihm." Es ist nicht länger, sagte der Redner, als seit dem Jahre 17Ü4, daß 1200 L , die für die Gründung eines jüdischen Collegiums bestimmt waren, von der Krone, als abergläubigen Zwecken gewidmet, confiscirt und von dem König Georg II., dem Findling-Hospital geschenkt wurden. Nichtsdestoweniger sind binnen weniger als einem Jahrhundert alle diese Vorurtheile verschwunden, so daß unsere Glaubensgenoffen schon längst die höchsten und einflußreichsten Staatsstellen bekleiden. Wenn man noch vor einem Vkerteljahrhundert Ihnen gesagt hätte, daß in so kurzer Zeit 6 Israeliten im gesetzgebenden Körper Sitz und Stimme haben, so hätten Sie es für unmöglich gehalten. Und was Kat diese Veränderung verursacht? sollten wir nicht sagen, ,es ist ein Finger Gottes?" In London, der größten Hauptstadt des größten Königreiches der Welt, haben wir einen Juden als Lord-Mayor, und in dieser unserer Stadt, wo das Christenthum so eifrige Bekenner hat, hoben wir ebenfalls ein ehrenwerthes Mitglied unserer Gemeinde zu diesem hohen und einflußreichen Posten erheben sehen. Es gab eine Zeit, wo der Jude nicht einmal den Vorschriften seiner Religion gemäß leben konnte, ohne der bittersten Verfolgung ausgesetzt zu sein. Jetzt aber, unter der Regierung unserer geliebten Königin und ihrer liberalen Minister, genießt er dieselben Rechte und Privelegien wie ein jeder andere Untertban Ihrer Majestät. Bei allen diesen Aemtern können unsere Glaubensgenoffen nach derselben Weise leben, wie es der gewissenhafteste und orthodoxsste Jude thut. Gewiß werden die neuen Beamten ans unserer Mitte ihrer Religion und ihrem VaUrlande alle Ehre bereiten. Nach dem Schluffe der Predigt dankte der Mayor dem Rabbinen und der Gemeinde für die erwiesene Ehre und gelobte auch ferner sich seinen Brüdern in jeder Beziehung eng anzuschließen. — Die Feierlichkeit endete mit den gewöhnlichen Gebeten. Dem „Jewish Chronicle" wird noch von Bristol unter Anderem geschrieben: „Zu dem bereits Erwähnten füge ich nur noch hinzu, daß unser sehr geachteter Religionsgenosse als Mayor dieser alten Stadt durch öffentliche Wahl des Etadtrathes ernannt wurde, dessen Majorität aus Conservativen besteht. Auch muß ich bemerken, daß der neueLord-Mayor ein sehr eifriges Mitglied unserer Gemeinde ist, und dem Judenthume im strengsten Sinne des Wortes anhängt." Rußland und Polen. Warschau. Die Anstrengungen der Militärpflichtigen um die Mittel zu beschaffen, sich von der Assentirung loszukaufen, sind außerordentlich und die Armen veräußern Alles, um nur die vorgeschriebene Taxe von 400 Rubeln zu erlangen. Allgemeines Lob finden hier die Anstrengungen, welche der hiesige Oberrabbiner Herr Meisels gemacht, um auch würdigen jungen Leuten aus seiner Gemeinde, deren Armuth ihnen die Loskaufung unmöglich gemacht hätte, diese Loskaufung zu ermöglichen. Herr Meisels hat nämlich die Wohlhabenden seiner Gemeinde zu Beisteuern aufgefordert, um die Mittel zur Loskaufung armer würdiger junger Leute zusammenzubringen, und in den ersten zwei Tagen hat der brave, sich aufopfernde Seclenhirt 10,000 Rubel in seiner Hand gehabt. Dabei haben die eigentlichen Reichen bis jetzt noch gar nicht beigesteuert. Von der Regierung hat Herr Meisels zn dieser Sammlung die Erlaubniß erhalten. (Abdl.) Feuilleton. Kaiser Maximilian I. und die Juden. In der 26. Lieferung der „deutschen Nationalbiblioihek", herausgegeben von Ferdinand Schmidt, erzählt Karl Klüpfel Folgendes: „Unter den Geschenken, welche Maximilian während des Kronungsmahls empfing, war auch ein Korb mit goldenen Eiern bemerkenswerth, welchen die Juden dem römischen König verehrten. Dieser ließ die Ueberbringer scherzweise fcftholtcn, sie übrigens reichlich bewirthen, und als sie darüber erschrocken und fragten, warum man sie denn nicht wieder gehen lasten wolle, sagte der König, solche Hühner, die so köstliche Eier legten, müsse man nicht wieder fliegen lasten, sondern einsttllcn und wohl halten. Hierauf wurden sie mit Danksagung freundlich entlasten." Dieses geschah am 5. April 1^86, sechs Jahre vor der Austreibung der Juden aus Spanien; wäre das spanische Königspaar so vernünftig gewesen, wie der mit ihm verschwägerte deutsche Kaiser, so stünde es nicht allen jetzt besser um d?e pyrenäische Halbinsel, es würden ihr auch Jahrhunderte von Elend und Schmach erspart worden sein. Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Rrdactivn: Vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hosduchhandlung. — Dampf - Echnellpreffendruck von I. KottSleben in Mainz.