Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1865)
- Date
- 1865-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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727 Mannigfach waren nun die Ansichten, welche'man mit diesem Ereignisse zusammenbrachte. Die Einen dachten nichts weniger, als daß sie (.1^) der Ober- Vormundschafts - Beaufsichtigung des Aeltesten-Collegiums enthoben seien und das liebe Self-Gouoernement dafür eintrete, die Anderen freuten sich auf die Steuer-Ermäßigung, auf die sie ganz sicher rechnen zu dürfen vermeinten, die Dritten wieder an Synagogen- und Schulreformen, die Vierten — doch lassen wir die Illusionen und kehren zu den Ereignissen zurück. Das Comits hat die Versammlung auf berufen, hielt aber für sich eine Vorvsrsammlung. In dieser waren angeblich alle Parteien vertreten, die Orthodoxen und Nicht-Orthodoxen. Glauben Sie nur nicht, daß hierdurch eine Fusion, oder eine Nixtum Oompositunr fabrizirt werden sollte, daran dachte man am allerwenigsten, vielmehr wollte das Comitö nur seine Unparteilichkeit kund thun. „Der rr?-nx, row ging dahin" lautet das alte Lied und die Tonhalle öffnete ihre Räume und hineingingen die.Juden Altonas ungefähr 180 bis 200 an der Zahl. An der Spitze des Saales saß das Comits, erwartungsvoll dem Erfolg seiner Thätigkeit entgegenharrend, die Eintretenden musternd nach ihrem Rang und Parteistandpunkte, um im Voraus des Sieges sicher zu sein. Als der Saal so ziemlich gefüllt war, da ertönte von des Präses Sitze aus der laute Klang der Glocke. Eine feierliche Stille trat ein; Aller Augen wandten sich nach Oben, d. h. nach dem Platze, welchen das Comits einnah . Aller Ohren horchten auf die nun zu vernehmende Reoe. Mit geröthetem Antlitz verlas der Präses seine Jungfern-Rede über die sehr wichtige Stellung, welche wir Juden in unserem Vaterlands einzunehmen das Glück haben und über die hohe Bedeutung dessen, was die heutige Versammlung zu berufen Veranlassung gab. Em anderes Comits Mitglied las eme zweite Anrede ab, in welcher entwickelt war, welche Rücksichten das Comits bei der Ernennung der Commissions-Mitglieder leiteten. Nach dieser Einleitung entstand eine Debatte über mehrere aus der Mitte der Versammlung gestellte Anträge, ob mündlich oder geheime Wahl rc. Lange debattirte man hin und her, endlich wurde die Debatte geschlossen, die vom Comits ausgefertigten Wahllisten unter die Menge vertheilt. Gegen diese eng begrenzte Wahl wurde sofort protestirt und die darauf erfolgte Abstimmung bewirkte, daß bereits einer von den aufgestellten Männern von der Liste gestrichen wurde. Hierauf entspann sich der Wahlkampf in der Gemeinde, und da die verschiedenen Wahllisten wenig unter einander oivergirten, kam es, daß 5 vom genannten Comitä durchkamen und die Orthodoxie auch mit der Wahl vollkommen zufrieden sein kann, indem sie genügend vertreten ist. Ueberhaupt soll trotz der verschiedenartigen Parteiungen, aus welchen die Commission besteht, doch in den wesentlichsten Punkten keine große Divergenz obwalten. Die gewählten Herren H. I. Bing, G. Halberstadt, I. M. Cohn, N. Engel, E. Munk, L. Marcus, M. I. Kiener sind mit der Ausarbeitung der Statuten emsig beschäftigt und sollen dieselben baldigst den Gemeindemitgliedern zugestellt werden- Ich komme seiner Zeit darauf zurück. - Die Summe der hier gespendeten Gelder für die nothleidenden Glaubensbrüder die längst dem hochlöblichen Cvmits zu Amsterdam abgesendet wurde, beläuft sich auf 1254 M. 12 Sch. l l'2.-vr< vvV' Is'-iro '22« Preußen. Von Berlin aus erhalten wir auf telegraphischem Wege die Mittheilung, daß in der stattgehabten Repräsentanten«»!^ die Glanbenstteuen leider unterlegen sind. Vorstand und Repräsentanten wird nun keine religiöse Kluft mehr scheiden; die Hoffnung ans das Erscheinen des Messias, die Gebete um Wiederherstellung des heiligen Tempels und seines Cultus, die Erinnerungen an Israels Leidensgeschichte — das Alles wird aus dem Gebetbuche gestrichen, dagegen die Orgel und andere verbotene Dinge in die Synagoge eingsführt werden. Sollte die Gemeindevertretung in Berlin die erwarteten extremen Reformen und die Berufung neologsr Rabbinen durchführen, so wird der unterlegenen Minorität nichts als die Trennung von der Gesammtgemsinde und die Begründung einer Separatgemeinde übrigbleiben. KörrLqSbeeq, 21. November. Die hohen Festtage sinv längst schon vorüber und dennoch muß ich Einiges nachträglich darüber berichten. Sechs volle Gotteshäuser waren kaum hinreichend, die Menge der Andächtigen pi 121' 12) zu fassen. Drei davon waren für die Einheimischen, drei für die fremden Polen bestimmt. Dem Ritus nach waren entgegengesetzt die sogenannte Refocmgemeinde mit theilweise deutschen Gebeten und die Chassidim-Schule für die Kausieute aus dem Gouvernement Volhynien. Auch ein siebenter Gottesdienst war für die drei Hauptfeiertage im hiesigen Kriminalgefängaiß eingerichtet, dem wir eine Stunde persönlich beiwohnten. Wir sprachen bei der Gelegenheit unfern Freund, den Abgeordneten Or. Joh. Jacoby der wegen Preßoergehen sechs Monate zu sitzen hat. Derselbe nimmt ungern Besuche in seiner Zelle an und empfängt sie am liebsten in der Mittagsstunde auf dem Hofe, wo er täglich um diese Zeit spazieren geht. Der schlichte Mann will in keiner Hinsicht Aufsehen erregen. Daß er neulich aus seiner Haft zur Entbindung einer Gefangenen, welche gerade in seiner Nähe vor dem Staatsanwalts stand, herbeigerufen wurde und der Unglücklichen sei-