Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1865-11-29 · Heft 48 (29.11.1865) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 48 (29.11.1865)
Date
1865-11-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447193-2447240--03872-2459296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

716 So ist z. B. Oran, das bis zum Anfänge des vorigen Jahrhunderts den Namen „Oorts clliaa", der kleine Hof, trug, zum Unterschiede von Madrid, welches unter dem Zunamen „Oor^s ma^or", der große Hof, bekannt war, der Aufenthalt vieler sepbardischer Juden. Ein Makdem oder Makaddem befand sich als Chef der Juden in den drei großen Gemeinden Algier, Oran und Constantine, die, jedoch im kleineren Maßstabe, dem Gouvernement des Dey oder der Beys nachzuahmen hatten, deren Despotismus sie ernannt hatte und ebensogut wieder absetzen konnte, deren Zorn dem jüdischen Beamten den Kopf oder das ganze Vermögen koste)! konnte; selbst in Folge des Anflugs einer üblen Laune war dieses zu erwarten. Ein Corps von Notablen, Guilairim (?) oder Jechidim genannt, umgab den Makdem, der dieser Versammlung, die aus den höchstbesteuerten Gemeindemitgliedern bestand, präsidirte, um in bedrängten Zeiten , wenn es sich darum handelte, vom Gouvernement verlangtes Geld zu entrichten oder die für das Rabbrnat gewählten Mitglieder zu bezeichnen, zusammen zu berathschlagen. Letztere bestanden gewöhnlich aus den Chachamim und Dayanim, die sich als Bet-Din vereinigten, und in civilen und religiösen Angelegenheiten zu entscheiden hatten, auch um die Beamten in den verschiedenen Synagogen zu bilden. Die Synagoge gehörte häufig Privatpersonen, die, nachdem sie mit dem Einkommen die Ausgaben für die verschiedenen Cultuszwecke bestritten hatten, den Nest als gute Prise annectirten. Die Hauptquelle der Einkommen bestand in einer Fleischsteuer, welche zum großen Theil dazu verwendet wurde, die Ausgaben an die Dajanim, Armen und für mehrere Wohlthätigkeitsanftalten zu bestreiten. Die Wohlthätigkeit wurde in weit größerem Maßstabe gehandhabt, als vielleicht Mancher in Europa es ahnen würde. Fremde, die diese Gegenden besuchten, wurden oft Jahrelang von den eingeborenen Glaubensgenossen seqr gastfreundschaftlich mit Allem versorgt. Die Chachamiim, die für das heilige Land, oder für andere bedrängte Gemeinden Collecten veranstalteten, fanden stets williges Gehör und eifrige Unterstützung Ganz bedeutende Summen wurden durch diese armen Leute, an ihre ebenso unbemittelten Glaubensbrüder in Asien überschickt, um das Band der Bruderliebe und den köstlichen Schatz d r gemeinsamen Hoffnungen aufrecht zu halten. Die Jugend wurde in den Bäte Midraschim unterrichtet. Die Knaben lernten die Uebersetzung der Bibel, Mischna und Gemarah, die Schrift und das Verständnis der arabischen und spanischen Sprache in hebräischen Buchstaben. Diejenigen, die durch Handelsreisen in entferntere Gegenden kamen, mit auswärtigen Religionsgenoffen in Verbindung standen, besaßen die Kenntniß einiger Sprachen, die sie durch bloßen Umgang oder auf eine sonstige praktische Weise erlernt hatten. Die Mädchen und also auch die Frauen besuchten keine Schulen; übrigens wurden sie bester behandelt und waren auf einer höheren Bildungsstufe als die muhamedanischen Frauen. Die Kenntniß einiger Gebete die sie auswendig gelernt hatten, und das Verständniß einiger religiöser Observanzen, wurden ihnen gewöhnlich durch ihre Mütter oder sonstige Verwandten beigebracht. Dies ist ungefähr der Zastand, in dem unsere afrikanischen Rsligionsgenoffen, im Juni 1830, mit den Franzosen bekannt wurden. (Forts, folgt.) England. London. Während des Zuges bei Gelegenheit des Amtsantritts des Lord-Mayor Philipps, und den mit dieser Feierlichkeit in Verbindung stehenden Ceremonien erwähnte Niemand die Religion des Lord- Mayors, als gerade er selbst. Bei seiner Beeidigung änderte er die gewöhnliche Form, .um sie unserer heiligen Religion anzupaffsn. Bei dem von ihm gegebenen Diner waren eine Anzahl einflußreicher NeUgionsgenoffen zugegen. Wir erwähnen nur den ehrwürdigen Sir Moses Montefiore, der seine Uniform als Lord-Lieutenant trug, und neben der Tafel der Minister, also an der Gssandtentafel saß. (I. Ehr.) Southampton. Wie in London und Bristol wurde auch hier einer unserer NeligionSgenoffen, Herr Aldermann Emanuel zum Lord-Mayor ernannt. Der beschränkte Raum unserer Zeitschrift erlaubt uns nicht, die in vielen englischen Zeitungen veröffentlichten Reden bei diesen Gelegenheiten wiederzugeben. Soviel können wir jedoch versichern, daß wir aus unsere englische Rsligionsgenoffen stolz sein können, dis sich nicht durch Nachäffung der Kultnsgebräuche anderer Religionen, sondern gerade durch das Festhalten an den unsrigen, Achtung und Ehre zu verschaffen misten. Rußland und Polen. Warschau Dem „Hamaggid" wird von Warschau aus geschrieben, daß unlängst durch eine Erdölexplosion zwei unserer Glaubensgenosten einen schrecklichen Tod fanden. Am Hellen Tag, Nachmittags um 3 Uhr brachen (aus bis jetzt unermittelter Ursache) aus dem Oelvorrath in einem jüdischen Spezereiladen Flammen hervor, die sich durch die Ladenthüre in ein anderes Lager im ersten Stock verbreiteten und ein anwesendes junges Mädchen erfaßten, welches aus der Stelle den Tod fand. Die sich an der Brandstätte befindende Besitzerin des Ladens gab nach zehn Stunden, unter den heftigsten Schmerzen ihren Geist auf. Auch ein alter Ladendiener wurde, nicht unerheblich verletzt, in ein Spital gebracht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.