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Der Israelit · 1865-11-29 · Heft 48 (29.11.1865) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 48 (29.11.1865)
Date
1865-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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7LL Rechenschaft für feine bisherige Thätigkeit ablegen wollte, daß er einmal für einen Candidaten, dann gegen denselben und endlich wieder für ebendenselben gestimmt habe, bei welcher Gelegenheit ihm für seine geniale Leistungsfähigkeit bei der jedesmaligen Schilderung seiner dreifachen Wandlungen auch ein dreifach donnerndes „Bravo" entgegcnstürmte. Gesteigert wird diese Confusion noch dadurch, indem man Ausdrücke und Bezeichnungen aus dem politischen Leben auf den religiösen Streit überträgt; natürlich sollen dann die Orthodoxen auch die Conservativen und reaktionären Kreuzzeutungsritter, und die Reformer die aufgeklärten Liberalen sein. Die Bezeichnung reaktionär und konservativ ist aber für den Berliner auf politschem Gebiete zugleich der Begriff des Haffenswerthen und Verwerflichen, während liberal im Gegensatz dazu ihn mit einem eigenthümlichen Zauber erfüllt, daß er trotz der Verschiedenheit der Gebiete, auch hier ohne erst zu untersuchen, sich zu Letzterem hingezogen fühlt. Dies zeigte sich uns auch bei einer am 8. November stallgehabten Versammlung zur Vorbesprechung der Wahlen. Die Versammlung war zahlreich besucht, und von mehreren Mitgliedern beider Parteien wurden Ansprachen gehalten. Der erste Redner (liberal) profanirte unter rauschenden Beifallsbezeugungen die Gebetweise der Alten. Der zweite Redner (Gumbinner, Redakteur der Spcn. Ztg., konservativ) wies diese Profanirung mit kräftigen Worten zurück, konnte aber nur mit Mühe und unter wiederhohltcn Unterbrechungen zu Ende konemen. Ein Anderer bekannte sich als liberal, indem er erklärte, daß er schon seit seinem 10. Jahre „Posche Jisroel *) — seine eigenen Worte — sei, und daß er sich zu dieser Größe bei einem Besuche einer! polnischen Synagoge schon so frühzeitig cmporgeschmungen habe. Außerdem wurden auch noch mehrere Parj teiversammlungen abgehalten, in welchen die Candibaten für die Parteien aufgr stellt worden sind. Hier i beschleicht uns ein peinliches Gefühl, wenn wir sehen, z wie unter den von den Conservativen ausgestellten - Candidaten auch bekannte Männer der Holdheimschen! Reformgemeiude figuriren.; Manche dürften sich wohl bei solchen Berichten > wundern, doch nicht derjenige, der die religiösen Zul stände Berlins kennt. Tenn so groß auch die Jntelligenz und Bildung der hiesigen Gemeinde auf allen - Gebieten des Wissens ist, so vernachlässigt und gering-! sügig ist sie auf dem Gebiete der Religion. Und den- § noch dürfte sie auch da bei vielen auswärtigen Gei meinden als nachahmungswürdiger Natur gelten, weßhalb cs um so wüuscheuswerther wäre, wenn die Conservativen durchdrina.cn möchten, denn so sehr wir auch bei den Conservativen die uöthige Conscguevz *) Ein Verbrecher an Israel. und durchgreifende Energie vermissen, so liegt doch dieser Partei immerhin der sittliche Trieb zur Erhaltung des wahren Judenthums zu Grunde, und wo und wie unvollkommen auch immer sich solche Gefühle uns zeigen, sie müssen uns stets heilig bleiben, und wir werden ihnen auch niemals unsere Anerkennung versagen. Ende dieser Woche ist der Wahltag, dessen Entscheidung wir mit gespannter Erwartung entgegensehen. F. R. Italien. Nkorn. Der Papst erhält zahlreiche Petitionen, mündliche und schriftliche Vorstellungen, den gefährlichen Zustand des Ghetto's betreffend, dessen Lage sich täglich verschlimmert. Eine jüdische Deputation" warf sich Sr. Heiligkeit zu Füßen, um die Erlaubniß, ihr ungesundes Quartier vergrößern zu dürfen, zu erlangen. Diese Vorstellungen sind jedoch nicht lediglich die ihrigen, seitdem die Gefahr der Cholera so schrecklich droht, denn wenn dieselbe >"n> in dem überfüllten Ghetto aurbrechen würde, dürfte dieselbe für die übrige Stadt höchst gefährlich sein. Die übrigen Stadtbewohner vereinigen deßhalb ihre Bitten, mit denen der Hebräer, selbst die Municipalität hat ein gleiches Gesuch eingereicht. — In der That kann keine Cloake verpesteter sein, als das Viertel, in dem die Inden eingesperrt sind Wie die Cholera in solchen Localitäten wüthel, ist durch dos Beispiel von Ancona und San Severe genügend belar nt. Jedoch der Papst verweigert cs; und die Priesterschaft im Vatikan ist dagegen, daß gelauste und ungetanste Menschen zusammen leben. Zu diesenr n usi binzugcfügt werden, daß man in Nom behauptet, die Juden seien Feinde des Papstes, obschon mar ihnen ganz trcfftiche Anleitungen zum Zahlen des T'etmSpfenrsigs gibt, um die Kassen des Vicariats und der päpstlichen Beamten zu füllen. (Edncatore Jsraelita.) Wie lange noch wird Roms Starrsinn die Rechte der beleidigten MPchbeit verletzen? Wie kann das die väterliche Negierung des Papstes nur ihren christlichen Uulerthancn gegenüber verantworten, sie so der Gefahr der gräßlichen Epidemie ausznsetzen? D ä n e m a r k. Kopenhagen, im Marcheichwon. (Privatmitth.) Zu den glorreichen Errungenschaften der Neuzeit, die durch immer mehr sich verbreitende Humanität seitens unserer andersgläubigen Mitbürger und steigende Entfaltung der geistigen Capacitäten der Bekenner des Jndenthnms in demselben möglich geworden, zählt unstreitig auch die jüdische Tagespresse, die, ihn Dasein selbst ist eine natürliche Consequenz der so-

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