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Der Israelit · 1865-11-29 · Heft 48 (29.11.1865) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 48 (29.11.1865)
Date
1865-11-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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711 dete Ueberzeugung die leitenden Motive der Repräsentanten gewesen seien, um sie auf diese Weise bei der schwankenden Masse in gänzlichen Mißkredit zu bringen. Eine solche Verdächtigung wird auch von Seiten der Repräsentanten in einer ebenfalls allgemein verteilten Druckschrift mit Ernst und Würde zurückgewiesen, die vermöge ihrer würdevollen und besonnenen Haltung auch bei keinem vernünftigen Leser ihre Wirkung verfehlen konnte. Sehen wir uns die beiden Schriften genauer an, so zeigt uns der Inhalt in allgemeinen Umrissen sowohl bei der Rabbinerwahl, als in Betreff der synagogalen Einrichtung den Gegensatz der heutigen Parteien innerhalb des Judenthumes zwischen Orthodoxen und Neologen. Dem Vorstande ist das sogenannte Zeitbewußtsein Alles, ihm möchte er alle möglichen Opfer bringen, darum hinweg mit allen Erinnerungen an die dem Gotte Israels dargebrachten Opfer; außerhalb des Judenthums stehend und mit unjüdischen Elementen großgezogen, ist ihm dis Sehnsucht nach einer nationalen Vereinigung, nach Jerusalem eine Utopie, eine aus den Gebeten zu beseitigende Illusion; als glückliche Kinder einer freundlichen Gegenwart fehlt ihnen das Herz für die große Leidensgeschichte der jüdischen Vergangenheit, darum auch hinweg mit all den „erst in späteren Jahrhunderten eingeschalteten liturgischen Stücken!" „Benutzung der Orgel auch bei dem sabbatlichen und festtägigem Gottesdienste, Kürzung des Gottesdienstes," „Ausscheidung (resp. Modification) verschiedener Stücke der Agende" mit Einschaltung einiger deutschen Gebete und Gesänge: das sind die hohen Forderungen unserer Zeit, denen sich alle Gesetze und Rechte beugen müssen. Um aber den Effekt noch vollständiger zu machen, wurden noch einzelne Citate aus Berichten des seligen Or. Sachs, die er in den Jahren 1844—45 auf verschiedene Anfragen an den Vorstand gerichtet haben soll, hervorgehoben, welche „das lebhafte Verlangen nach Umgestaltung des gottesdienstlichen Wesens" als berechtigt hinstellen. Wie sind doch die Zeiten so sehr veränderlich! Derselbe vr. Sachs, der in seinen letzten Jahren sich mit dem Vorstände, Reformen halber, stets im Kampfe befand, wird jetzt, nachdem sein hoher Geist von uns gewichen und seine glaubensstarke Hand erstarrt ist, von demselben Vorstände — der dem hochverdienten Manne bis zu seinem Tode trotz der dringenden Forderung von allen Seiten der Gemeinde den Titel Rabbiner wegen seiner orthodoxen Richtung verweigert hatte — als Gewährsmann für Reformen herbeigezogen. Was diese Citate aus den Berichten des unvergeßlichen Mannes betrifft, wollen wir uns hier jedes Urtheils entziehen; wir vermögen sie nicht zu beurtheilen, weil sie uns abgerissen und zusammenhangslos vorgeführt werden, wir vermögen sie aber auch deßhalb nicht zu beurtheilen, weil wir der Zeit und den Umständen, in welchen sie erschienen, zu weit entrückt sind. Beim Beginne dieser Schrift wird uns auch noch eine mit 1695 Unterschriften versehene Petition, um „zeitgemäße Reformen," die an den Vorstand und die Repräs. gerichtet, vorgeführt. So wenig wir aber auch den Standpunkt des Vorstandes einneymen, und so sehr wir auch die für seinen Zweck angewandten, auf Effekt berechneten Mittel tadeln müssen, so können wir ihm doch nicht unsere Anerkennung in dem einen Punkte versagen, daß er uns einen klaren Einblick in seine Verhandlungen, wie in seine Forderungen gewährt, und seine tendenziös-reformistische Richtung überall mit der strengsten Consequenz durchführt. Wie verhält sich aber die kleine Replik der Repräsentanten gegenüber der 29 Quartseiten starken Schrift des Vorstandes? Sie ist kurz; Cordelia findet keine vielen Worte, aber sie sagt für den verständigen in wenigen Worten Alles; ist das aber auch bei den Repräsentanten der Fall? Wir müssen das zu unserem Bedauern verneinen, da wir die nöthige Klarheit nicht in derselben finden konnten. Die Repräsentanten weisen ernst und nachdrucksvoll jede Insinuation einer etwaigen Leichtfertigkeit bei ihren Verhandlungen zurück; sie legen alleroings klar und deutlich dar, wie ihre Bestrebungen für dre Wahl eines Rabbiners und die Einweihung der Synagoge lediglich an dem Widerstand des Vorstandes gescheitert seien, wie steht es aber mit den orthodoxen Principien, die sie vertreten wollen? Hier herrscht große Confussion uno Begriffsverwirrung. Die Repräsentanten - Versammlung hat sich bei ihren Berathungen für die Wahl eines frommen Rabbiners entschieden, sie will allso zur frommen Partei gehören, und dennoch erklärten sie in dieser Schrift: „daß sie die Einführung zeitgemäßer Veränderungen im Gottesdienste der neuen Synagoge für wünschenswerth erachten," daß diese aber nicht „lediglich von Laienhand entworfen" zum Gemeindedeschluß ererhoben werden sollen. Es scheint also, als würde hier weniger um die Sache, als um die Form gestritten. Wo herrscht im Judenthume der Unterschied zwischen Laien und Nichtlaien? Woher könnte wohl der Rabbiner sein Recht oder Unrecht herleiten, Veränderungen im Gottesdienste vornehmen zu dürfen? Noch größer ist die Verworrenheit bei den Massen, und die abgehaltenen Wahlversammlungen geben uns ein trostloses Bild davon; sie zeigen uns, wie selbst in dem intelligenten Berlin noch immer unverstandene Phrasen üppig wuchern. So erklärte z. B. ein austretendes Mitglied der Repräsentanten - Versammlung, der aber der Reform angehört, als er bei Gelegenheit seiner neuen Candidatur vor seinen Wählern

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