Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1865)
- Date
- 1865-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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708 „Der Mensch ist geboren, um sich um die Thora zu bemühen." (Sanhedrin 99 d.) „Schließest du dich den Weisen und ihren Schülern an, so will Ich dir es anrechnen, wie wenn du dir die Tbora aus dem Himmel geholt hättest." (Sifre zu V. B. M. Cap. 2, V. 22.) Schon bei der Erwählung Abrahams sind das Verdienst und die Pflicht der Belehrung deutlich ausgedrückt: „Ich habe ihn deßhalb erwählt," spricht Gott, „weil er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehlen wird, zu beobachten den Weg des Ewigen, die Tugend und das Recht." (I. B. M. Cap. 18, V. 39.) Wie könnten wir all die feurigen Ermahnungen anführen, welche die heilige Schrift, der Talmud und die späteren Rabbinen an uns richten, uns zum Studium der Gotteslehre anzuhalten und uns die Pflicht aufzulegen, die Jugend darin zu unterrichten, die Jugend aller Stände und aller Volksklaffen! Es ist der ewige Ruhm des Judenthums, daß es Licht verbreitete, als noch alle Völker in der Finsterniß schmachteten, daß es für die sittliche und geistige Erziehung der Menschen sorgte, als noch alle anderen Nationen am Grobsinnlichen hafteten. Diese Erziehung macht den Menschen erst zum wahrhaften Ebenbilde Gottes und erhebt ihn zu ieinem Schöpfer! Unsere heiligen Religionsquellen enthalten zahlreiche, bis in'L Kleinste gehende Vorschriften über die Einrichtungen der Schulen, über die anzuwendenden Methoden, über die Fädigkeiten und Tugenden der Lehrer, über das Alter der Kinder, über die Gegenstände des Unterrichts u. s. w. Man findet darin Grundsätze und Fortschritte, zu denen noch keine moderne Gesellschaft sich zu erheben verstanden hat. Es wird darin gelehrt (Baba Bathra 21, Kidduschin 29), daß es die erste Pflicht des Vaters ist, seine Kinder frühzeitig zu den heiligen Quellen zu führen, die ersten Strahlen ihrer Vernunft zu den Grundlagen der Religion zu lenken. Aber nicht allein der Vater — jeder Israelit hat die Pflicht, soviel in seinen Kräften steht, dafür Sorge zu tragen, daß kein Kind seines Stammes ohne Belehrung aufwachse. Jede Stadt und jede Gemeinde hat die Pflicht, Lehrer zu bestellen. Diese müffen ihr Amt als ein heiliges betrachten; jede Nachlässigkeit zieht ihnen den Fluch zu. „Verflucht sei derjenige, der das Gotteswerk mit Trug (Nachlässigkeit) betreibt." (Jeremias Cap. 28, V. 10.) Die Religion erlernen, heißt nichts Anderes, als mit ihr alle Fibern unseres Seins zu durchdringen, daraus die Fackel unseres Geistes, das Gefühl unseres Herzens, die Tugend unserer Thaten, die Kraft, den Schutz und den Wächter unseres ganzen Daseins zu machen. Die Religion erlernen heißt nicht, einige Formeln auswendig zu wissen, einige Glaubensartikel hersagen zu können, einige Gesetze zu kennen, es heißt vielmehr, in uns aufnehmen das himmlische Manna, die Nahrung unserer Seele, das ewige Leben, zu dem wir berufen sind als Kinder Gottes, als die Vertreter der Wahrheit auf Erden, als die Werkzeuge in der Hand der Vorsehung zum Heile der ganzen Menschheit. Der junge Israelit soll nicht (bei der Confirmation) ein Katechismus-Diplom erringen, sondern er soll werden ein .->'22 N2, ein Sohn des Gesetzes. Die Religion erlernen heißt nicht, eine Wissenschaft zu studiren, die außer uns sei; die Religion ist kein Ding, daß man etwa nur bei gewissen Gelegenheiten braucht, kein Staatskleid, das man nur bei Freude oder Trauer anlegt, oder das man im Kleiderschrank aufbewahrt, um es an gewissen Tagen anzuziehen, das man nach der Mode oder der Laune des Augenblicks ändern, „reformiren" kann. Die Religion erlernen heißt vielmehr, eine göttliche Erhebung, die unser ganzes Leben beansprucht; die Religion muß uns eine glänzende Strahlenkrone sein für unser Haupt, ein heiliges und unverletzliches Band, das uns mit unserm Schöpfer verbindet; die religiöse Wissenschaft des Judenthums sagt zu dem Kinde, das in die Schule eintritt: vbipb i'nw-i-ri, ich verlobe dich mir auf ewig! — Es genügt nicht, daß das jüdische Kind bloß in der (schule oder in der „Stunde" Religion lerne, es muß sie vielmehr üben sehen im väterlichen Hause, wann es sich niederlegt und wann es aufsteht, wann es ißt und wann es arbeitet, überall und ohne Unterlaß. Sein reines und frommes Gefühl muß in jedem Augenblicke angeregt werden zu fragen: „Was bedeuten diese Vorschriften, Gesetze und Befehle, die der Ewige, unser Gott, uns befohlen hat?" Was es aus Büchern in der Schule lernt, darf nur eine Wiederholung dessen fein, was es im elterlichen Hause hat üben sehen. Bedauernswerth ist das Kind, das, betroffen von den Religionsverletzungen im elterlichen Hause, schon früh den leider heutzutage so häufigen Widerspruch kennen lernen muß zwischen Lehre und Leben. Sind die sogenannten Religionsbücher, die, fremden Religionen nachgeahmten Katechismen geeignet, unfern Kindern ein Quell des Lebens zu werden? Sind sie nicht vielmehr dazu angethan, indem sie sich größtentheils auf das Metaphysische beschränken, den Zweifel anzuregen, ein schädliches Nachdenken über, dem Kinde noch unverständliche Dinge hervorzurufen, wovon die Weisen sagen ip^Q? Und im besten Falle, kann dieser Auszug, dieses Confect, die Bücher des Lebens ersetzen? Kann die Fülle der Weisheit, welche das göttliche Wort birgt, wiedergegeben werden? Aber was hat uns das ganze Elend dieser Katechismen herbeigeführt? Bloß der UMand, daß man den Religionsunterricht zu etwas Nebensächlichem ge-