Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1865-11-22 · Heft 47 (22.11.1865) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 47 (22.11.1865)
Date
1865-11-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447193-2447239--03853-2459276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

696 dienst (?) findet anstatt am Sabbat am Sonntage statt. Die Gebete bestehen aus willkürlichfabrizirten Hymnen und Choralgesängen mit OrgeNiegleitung. Nur mit sehr wenigen historischen Erinnerungen und biblischen Beziehungen ansgestattet, ist das da eingeführte Gebetbuch völlig frei von all den Wünschen und Bitten, Anschauungen und Bekenntnissen, die das eigentliche Judenthum charakterisiren. Bei dieser dem wahren Judenthume völlig entgegengesetzten Richtung dieser Gemeinde konnte es nur bei einem blinden Jndifferentismus von Seiten der Frommen geschehen, daß Mitglieder dieser Reformgemeinde fortwährend durch Wahl unter die Repräsentation der alten Gemeinde gekommen sind. Die Folgen eines solchen leichtsinnigen Verfahrens waren vorauszusehen, und die rächende Nemesis scheint strenges Gericht üben zu wollen. So lange es sich um Reformen in der alten Synagoge handelte, war es noch eine gewisse Scheu vor dem Alten, Hergebrachten, an diesem schon durch die Zeit geheiligten Orte der Andacht, die von reformistischen Eingriffen in derselben abhielt. Ganz anders stellt sich aber die Sache bei der neuen, nun im Bau vollendeten Synagoge. In diesem neuen Gebäude soll nach dem Plane des reform-freundlichen Vorstandes der deutsche Choralgesang miß Orgelbegleitung eingeführt werden; hier soll, wie er sich Ln seiner Schrift an die Gemeindemitglieder ausdrückt „dem Zeitbewußtsein Rechnung getragen, das heißt, im Gebete soll Alles das fortgelassen werden, was Rückkehr nach Jerusalem und Wiederherstellung des palästinischen Staates fordert, wie auch jede Beziehung auf Priester und Opfercultus aus demselben gestrichen werden soll. Mit einem Worte: Alle Grundzüge derjenigen Reformen, wie sie bei der Reform gemeinde stattfinden, die Verleugnung einer jüdischen Nationalität, die Verleugnung der ganzen jüdischen Vergangenheit, der principielle und sachliche Widerspruch mit dem ganzen jüdischen Gesetze sollte hier, mit einigen, wenigen Concessionen an das „Alte und Hergebrachte," als norm- und mustergültig für die ganze Gemeinde eine dauernde Stätte finden. Dieses System vertrat der Vorstand konsequent bei allen seinen Verhandlungen, sowohl über die Einführung des Kultus, als auch bei der Wahl der Prediger. Diese schneidenden Eingriffe in das Wesen des Judenthums fanden aber endlich auch einen kräftigen Widerstand bei der zweiten Körperschaft der Gemeindevertretung, bei den Repräsentanten. Durch diesen Gegensatz innerhalb der Gemeindevertretung wurde bisher jede Wahl eines Rabbiners vereitelt, und die Einweihung der neuen Synagoge verschoben. Bis zu diesem Punkte blieben aber diese Angelegenheiten, mehr oder weniger öffentlich bekannt, doch immer nur eine mehr innere Streitsache der Gemeindevertreter, deren Schlichtung ihrer juristischen Competenz allein überlassen blieb. Doch eine ganz andere Gestalt mußten die Dinge jetzt annehmen, wo die Neuwahl der Gemeindevertreter herannaht, und die Principienfrage an jedes einzelne Mitglied herantritt, und die Dissonanzen beider Körperschaften durch eine aus einem einheitlichen Geiste hervorgehende Neuwahl gehoben werden sollen. Der Ausgang dieses Wahlkampfes ist in seinen Anfängen kaum zu berechnen, und es bedarf mehr als frommer Wünsche, es bedarf einer entschiedeneren Rührigkeit von Seiten der Anhänger der Orthodoxie, als sie bisher an den Tag gelegt haben, wenn sie aus dem Kampfe siegreich Hervorgehen wollen. Jetzt beginnt aber die neue und jüngste Periode, die der Wahlagitation, von der wir hier zumeist zu sprechen haben werden. Diese wurde durch eine vom Vorstande allgemein vertheilte Anklageschrift gegen die Repräsentanten und einer Appellation an die Gemeindemitglieder eingeleitet, worauf auch sofort eine ernste und würdevolle Antwort der Repräsentanten erfolgte. Doch darüber demnächst. F. R. Frankreich. Unter der Leitung unserer berühmten Glaubensgenossen, des Professor Munk, des Herrn Ad. Frank und Hippolite Rodrigues, hat sich ein Verein gebildet, der sich hauptsächlich mit der Übertragung der wichtigsten und faßlichsten Werke unserer jüdischen Literatur in die französische Sprache beschäftigen wird. Wir hoffen, daß dieser Verein nur Gutes und Ersprießliches zu Tage fördern wird. Die Cholera ist in Paris im Abnehmen begriffen. Baron v. Rothschild hat den armen Erkrankten 20,000 Frs. gespendet, das Haus Pereire für sich 10,000 Frs. und von dem Eigenthume der Credit- Mobilier 20,000 Frs. Herr vr. Albert Cohn besucht unaufhörlich die jüdischen Krankenhäuser und steht den Armen mit Rath und That bei. Die uvivtzroslls ikrsöiite" hat wiederum in Wila bei Salonichi eine Schule gegründet und als Lehrer Herrn Jsaac Weiskopf, einen Sohn des Herrn Rabbinen David Weiskopf in Wallerstein, dorthin geschickt. Möge das Wirken dieses edlen jungen Mannes ein segensreiches sein. Hin?« zwei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.