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Der Israelit · 1865-11-15 · Heft 46 (15.11.1865) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 46 (15.11.1865)
Date
1865-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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677 die ihr Leben ihren Principien und ihrem Glauben opferten. „„Sie waren stärker als Löwen und schneller als Adler, um den Willen ihres himmlischen Vaters zu vollziehen."" Israels Pflicht war es, ein heiliges Volk zu werden, und um dieser nachzukommen, durste selbst das Leben seiner Söhne und Töchter nicht geschont werden. Dank der allmächtigen Vorsehung — die Herrschaft der Inquisition ist vorüber, die Nationen der Erde lernen den Werth der Freiheit kennen und mit ihnen beginnt auch Israel die wahre irdische Glückseligkeit zu genießen. Wir brauchen unser Leben nicht mehr zu opfern, um unserer Religion treu leben zu können; darum tritt auch die Pflicht, den Namen Gottes zu heiligen, seltener an uns heran, als die, ihn nicht zu entweihen; kurz gesagt, jeden .Cyillul Haschem" zu vermeiden. Wenden wir uns zunächst nach der jetzigen Lage der religiösen Zustände der Israeliten unserer Stadt. Höchst verschiedenartig sind die Elemente, aus denen unsere Gemeinde zusammengesetzt ist. Wohl ist die Orthodoxie rühmlichst vertreten; doch auch wer reformsüchtig ist, findet seine Gesinnungsgenossen. Bon der Abschaffung des „Bameh Madlikin" bis zu denjenigen, die bei'm Beten unbedeckten Hauptes ihren sogenannten Gottesdienst verrichten, reiht sich eine Stufe an die andere. Was dem Einen noch heilig, gilt dem Andern für unsinnig. „Da herrscht weder Eintracht, noch ist Stärke in allen diesen Korporationen zu finden." Der ganze Vortheil, den diese Zersplitterung bringt, ist, daß er gar Manchen zur Würde eines Parneß erhebt, und manchem Chasan den dürftigen Unterhalt verschafft Die nachtheiligen Folgen dieser Zersplitterung sind jedoch bedeutend größer. Von den dreißig Gemeinden haben nur zwei Prediger; Lehrer sind gar kerne vorhanden. Alle bedienen sich der Ausrede, daß sie keine so bedeutenden Ausgaben aufbringen können. An den Feiertagen entstehen Bethäuser in jeder Ecke, „Chevras"; sehr oft auch miethen Privatunternehmer Locale, die dann in den Tagesblättern unter dem Deckmantel heiliger Namen annoncirt werden; für 2, 4 oder 6 Schillinge sind Sitzplätze zu haben. Nicht selten sind solche Lokalitäten über Trink- oder Spielsälen, *) zur größten Schande und Erniedrigung Israels. — Wenden wir uns zu dem Standpunkte der verschiedenen Vereine, und wir finden dieselben Mißstände. Wir wollen das Gute eines jeden Vereins mit Vergnügen anerkennen, sehr oft jedoch fragt man Leute, in welchem Vereine sie seien und welche Vortheile ihnen dadurch geboten würden, und man erhält *) Nehnliche Fälle kommen auch in unseren deutschen Städten vor, besonders in solchen Gemeinden, deren Synagogen während des größten Theiles des Jahres leer stehen , um am Rosch -Haschanah und Jom Kippur destomehr überfüllt zu sein. die Antwort, daß man in den betreffenden Verein eingetreten sei, weil derselbe eine besitze. Den Statuten der „Benei Berith" gemäß sorgt dieser Verband ebenfalls für die Bestattung der Todten und die Unterstützung der Wittwen und Waisen der Genoffen, jedoch sucht er keine solche Mitglieder, die nur von diesem Vereine begraben sein wollen. Unsere Logen sind für das Leben und für die Lebenden. Gegründet ist unser Verein ans dem Fundament der Thora, dem Baume des Lebens; wir suchen Leute, die sich mit uns verbinden, um zu leben, sowohl in dieser als auch in jener Welt. Noch eine andere Classe von Vereinen ist zu erwähnen, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken müssen, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich meine damit die sogenannten gesellschaftlichen Organisationen, die sich irdische Vergnügungen zum Ziele gesetzt haben. Diese Herren, die ausposaunen, daß sie Harmonie und Fortschritt nach deutschem Style verbreiten wollen, entfalten ihr vorangefchrittenes Wesen des Judenthums, indem sie am Freitag Abend ihre Bälle und Soireen abhalten, und Samstag Nachmittag ihre Picknicks geben. Manchmal werden auch dramatische Spiele aufgeführt; jedoch sind dieselben so abgedroschen und monoton, daß die Spielkarte mit der Zeit der Hauptacteur geworden ist. Wenn wir also die Juden unserer Zeit und ihr häusliches und sociales Leben in Betracht ziehen, so finden wir Gelegenheit zu bemerken, daß unser Thema: „Entweihet nicht meinen heil. Namen, denn ich bin der Ewige der Euch aus Aegypten geführt hat", nicht am Unrechten Platze ist. Unsere Weisen sagen, daß unsere Vorfahren ans drei verschiedenen Ursachen von dem Sclavenjoche Aegyptens befreit wurden: erstens, sie halten ihre Namen nicht verändert, zweitens, behielten sie ihre Sprache bei und endlich verleumdeten sie sich nicht gegenseitig. Als Kinder Jakobs kamen sie nach Aegypten und als solche verließen sie das Land ihrer schmählichen Knechtschaft! Sie sahen kein Verdienst darin, noch betrachteten sie es als eine Sache, auf die sie stolz sein könnten, wenn sie sich ägyptische Namen geben würden. Sie hielten „Mortimer" nicht für wohlklingender, als „Moses " und der Name „Sarah" stand mit „Susan" in gleiche^ Range bei ihnen. Keinesfalls will ich mit diesen Worten gesagt haben, daß eine Abänderung eines Namens, z. B um Verwechselungen zweier Personen mit einander zu vermeiden, vom Judenthum als das größte Verbrechen verpönt sei, weit entfernt! Das ist jedoch ein unverzeihlicher Verrath und eine große Schmach wenn man seinen Namen deßhalb ändert, um nur je e Verwandtschaft mit der Judenheit vor Andersgläubigen zu verbergen. Unsere Vorfahren, die mehr gedrill t und verfolgt waren, und nur aus dem Grunde, weil sie Juden waren, fühlten sich durchaus nicht beschämt durch die-

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