Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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655 rollten ununterbrochen glänzende Karossen den Thoren zu, aus denen sich einer Riesenschlange gleich die Volksmafsen in's Freie wälzten. — In der Oranienburgerstraße hatten wir den Menschenstrom verlassen, um in die enge Hamburgerstraße einzubiegen und nach wenigen Schritten war das Ziel erreicht. Durch eine unscheinbare hölzerne Pforte gelangt man auf den Gottesacker, der vier Generationen der Berliner jüdischen Gemeinde in seinem Schooße birgt; rings erheben sich hohe Gebäude, die jüdische Alterversorgungsanftalt, die Gemeindeschule und das frühere Krankenhaus, welche mit ihren dunklen Mauern den Friedhof in dälnmernde Schatten hüllen; nur nach Norden begrenzt ihn ein freier Platz, der Sophienkirchhof mit der Sophienkirche, vielleicht die einzige Kirche der Christen, deren Spitze nicht von ihrem Symbol dem Kreuze, sondern von einem Stern gekrönt wird. — Abgeschlossen von der Außenwelt, erscheint der Friedhof wie eine Insel im werten Meere; draußen pulsirt das volle Leben durch die Adern der Residenz, hier verfällt sein Geräusch in ein dumpfes Brausen gleich ferner Brandung; zuweilen ertönt aus dem niedrigen Buschwerk kurz abgebrochen der melodische Schlag eines Finken, worauf Stille und Einsamkeit um so tiefer hervortritt. Ernst und düster blicken Tausende von Leichensteinen aus dem grünen Rasen hervor, einfache graue, oben abgerundete Steine; nur hin und wieder erinnern zwei in Relief gemeißelte Hände, daß wir vor dem Grabe eines Cohen stehen, zeigen uns Waschbecken die Ruhestätte eines Leviten. In dem nach Norden gelegenen Theile unterbricht kein hervorragendes Monument die Gräberreihen, deren Gleichförmigkeit und Massenhaftigkeit den Betrachtenden niederdrückt und ein Gefühl der Oede erweckt, das ihn noch lange beherrscht und im Vollgenuß des Lebens, inmitten unserer hoffnungsreichsten Pläne an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnt. — Der südliche Theil ist reich mit Linden und Fliedergesträuchen bewachsen; rechts vom Eingänge befindet sich neben einem Baume, und von Hollundergebüsch beschattet, ein hölzerner Arbeitstisch. Hier fanden wir den Inspektor des Friedhofes, Herrn Landshut, an seinem Werke, der Herausgabe der gesammten Inschriften des alten Friedhofes arbeitend, die sich aus die Zahl von 2765 belaufen und nächsten Winter auf Gemeindekosten in Druck erscheinen sollen. Unter der freundlichsten Führung dieses Mannes, der sich ein großes Verdienst um die Ordnung und Säuberung der Gräber erworben hat, begann unsere Wanderung durch das Gräber-Labyrinth. Ein weißer, schön geformter Stein, mit eingefügter schwarzer Marmortafel, deckt das Grab Jacob Herz Beer's, des Vaters Meyerbeer's und Michael Beer's. Noch ehe der Ruhm seiner Sohne die Schwingen entfaltete und über die Grenzen Europas hinausdrang, ereilte ihn der Tod im Jahre 1825. — Ein frommer, wohlthätiger Israelit, hatte er sich zu hoher socialer Stellung in emer Zeit emporgeschwungen, wo nach kurzem sreierm Aufathmm der Bann der Exklusivität gegen die Juden auf's Neue und Härteste sich fühlbar machte in jenen Jahren, die nach dem großen Kampfe gegen Napoleon folgten und in welchem die Juden des christlich-germanischen Staates zuerst Wurzel faßten (?). Das Beer'sche Haus war lange Zeit der Vereinigungspunkt aller künstlerischen und literarischen Größen, welche Berlin beherbergte, und dem glänzenden Cirkel in diesem reichen und gastfreundlichen Hause verdankt unsere Kunst die erste Anregung zu manchem später hochberühmten Werke. Die von den Armen Berlins Lief betrauerte Gattin Jacob Herz Beer's, Amalie Beer, ruht mit ihren Söhnen auf dem 1827 eröffnten neuen jüdischen Friedhofe vor dem Schönhauser Thore. Noch in seinen letzten Lebensjahren unterließ es der greise Maestro vor Antritt einer größeren Reise nie, am Grabe seines Vaters zu weilen und voll kindlicher Pietät des Dahingeschiedenen zu gedenken. In der Nähe der südlichen Mauer finden wir die Ruhestätte Daniel Jtzig's, der im Verein mit dem Münzentrepreneur Friedrichs des Großen, Beitel Ephraim, die ersten Seidenmanufacturen, Oehlmühlen und andere industrielle Etablissements in Preußen gründete. Unter seinen, größtenteils zum Christenthume übergetretenen Nachkommen befindet sich der bekannte Freund Chanüsio's, der Criminaldirector Hitzig und der noch jetzt lebende Baumeister Hitzig. In weiblicher Linie stammen von ihm die Arnstein's in Wien von dem großen Bankhause Arnstein und Eskeles, dessen europäischer Ruf im Jahre 1859 während des italienischen Krieges einen so schweren Stoß erlitt. (Fortsetzung folgt.) Die rumänischen Israeliten. Eine cultur - historische Skizze nach dem „Libanon," (Schluß statt Fortsetzung.) Bei der Verlobung eines Brautpaares wird zugleich gegeben, wie dies früher in ganz Israel Sitte war. Drei Tage vor der Hochheit werden alle Möbel, Kleider und Schmucksachen der Braut vor den Gemeindeältesten ausgestellt. Nachmittags kommen die Frauen immer, um die ausgestellten Sachen zu besichtigen und zu preisen, und sie, wie dies häufig der Fall sein soll, in Liedern zu besingen. Am Hochzeitstage werden der Bräutigam und seine Braut nicht, wie sonst, unter einen Trauhimmel gebracht, sondern mit einem Thalis bedeckt. Die wird von dem Chacham nach einer arabischen Melodie vorgelesen.