Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1865-11-01 · Heft 44 (1.11.1865) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 44 (1.11.1865)
Date
1865-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447193-2447236--03803-2459223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Berlage z« Rr. 44 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Frankreich. Paris. (Jüdische Briefe von A. Cohn.) (Forts.) Nachdem wir die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß unter den obwaltenden Umständen die Erlaubniß zu einer Revision des Prozeßes nicht zu erlangen sei, beschlossen wir, durch die Konsuln eine Bittschrift an den Pascha einreichen zu lassen, um die Jnfreiheitsetzung der noch lebenden Gefangenen zu erwirken; da sich diese Affaire jedoch durch die Unschlüssigkeit einiger Consuln in die Länge zog, beschlossen Herr und Madame Crämieux und ich (Munk), diese unwillkürliche Unthätigkeit wenigstens durch eine Besichtigung Cairo's zu unterbrechen. Wir verließen Alexandrien am Freitag Morgen, den 28. August. Als wir jedoch kaum eine halbe Stunde auf dem Canal Mahmudiö, der Alexandrien mit dem Nil verbindet, gefahren waren, wurden wir durch einen Wagen, in dem die Herren Clat Bey und Guntani Bey, die beiden Aerzte des Vice-Königs, saßen, eingeholt und benachrichtigt, daß der Bey in die Freilassung der Gefangenen eingewilligt habe. Herr Crämieux setzte Herrn Montefiore davon in Kenntniß und wir begaben uns zum Pascha, um ihm dafür zu danken, daß er der Stimme der Gerechtigkeit Gehör verliehen habe. Indem ich mich in das Serail begab, um die Abschrift der Ordre, die dem Sherif-Pascha überschickt werden mußte, zu erhalten, bemerkte ich meinem Collegen, Herrn Loewe, daß wir das in diesem Schriftstück enthaltene Wort ater, gleichbedeutend mit Gnade, nicht so lassen könnten. (Die Unglücklichen hatten keine Gnade erhalten, und wir verlangten auch keine.) Herr Crämieux begab sich zum Pascha und nach einer Explication von einer ganzen Stunde wurde das Wort alak (in Freiheit gesetzt) an die Stelle der ersteren unrichtigen Bezeichnung gesetzt. — Obschon wir nicht alles Das erlangt hatten, was wir mit Recht fordern konnten, kann man doch nicht sagen, daß unsere Mission eine nutzlose gewesen sei. Das Leben der fünf unglücklichen Gefangenen war durch unser Dazwischenkommen gerettet worden, und die orientalische Welt hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß sich ähnliche Vorfälle nicht wiederholen könnten, wenn sie nicht jedes humane Herz in Europa aufbringen wollten." Ohne die Mitwirkung der politischen Verhältnisse hätte man sich nach Damaskus begeben können, um Alles an Ort und Stelle zu untersuchen. In einer Audienz bei Mehemet-Ali erlangte die Mission die Gewißheit, daß er selbst die Juden für unschuldig halte, und daß er nur seinen Günstling, den Sherif, nicht im Stiche laßen und das französische Ministerium. von deßen Gunst er abhängig war, nicht compromittiren wollte. Uebrigens war, nach den orientalischen Sitten, nichts mehr zu thun übrig, denn im Orient verliert entweder der Angeklagte den Kopf und — er war schuldig, oder er erhält seine Freiheit und — Niemand bezweifelt alsdann seine Unschuld. Herr Munk war, trotz des damaligen Krieges, bereit, nach Damaskus zu reisen, aber er erhielt keine Erlaubniß dazu. Nach der Ankunft dieser Depesche beschwichtigten sich die so lange gespannten und aufgeregten Gemüther in Europa; wußte man doch, daß kein unschuldiges Leben mehr in Gefahr sei. Denjenigen, die der Freisprechung der unschuldig verleumdeten und gemarterten Brüder den Gnadenweg zu Grunde legen wollten, kam das Verdict des Vice- Königs nichts weniger als erwünscht. Das Drama im Orient war abgespielt. Sehen wir nun, was aus den einzelnen Personen, die dabei betheiligt waren, geworden ist. Mehemet-Ali, der, dem franz. Einfluß folgend, die so gerechte und billige Bitte der israel. Mission versagte, erlangte nicht mehr den Gegenstand seiner Wünsche, den Besitz Syriens, ebensowenig wie Herr Thiers das Ziel seines politischen Ehrgeizes erreichte. Mehemet-Ali durfte sich mit dem Vice-Königthum von Aegypten begnügen, und Sherif-Pascha verlor seine Stelle als Gouverneur von Damaskus. Der Ministerpräsident Frankreichs, der sich hätte erinnern sollen, daß Humanität und Gerechtigkeit nie beleidigt werden dürfen, ohne sich zu rächen, und daß ihre Stimme, die so heftig unser Gewißm anruft, niemals durch politische Zwecke unterdrückt werden darf, erhielt wieder seine ehemalige Stelle als Deputirter, und ist daher nicht mehr im Stande, Herrn Rattimenton, den man von Damaskus abrufen mußte, wo sein Andenken den verdienten Lohn erhalten hat, zu beschützen. Alle Diejenigen, die, sei es direct oder indirect, mit dieser Affaire zu thun hatten, sahen sich gezwungen, der beleidigten Gerechtigkeit ihren verdienten Tribut zu zahlen. Selten sieht man so deutlich die Strafe dem Verbrechen auf der Ferse. Und Verbrecher darf man wohl die meisten Betheiligten nennen, denn wenn man auch sagen wollte, sie seien durch falsche Berichte anfangs getäuscht oder von Vorurteilen befangen gewesen, so läßt sich doch keineswegs leugnen, daß wenn man sich scheute, die Sache an's Tageslicht, d. h. vor ein unparteiisches , lediglich von den Gefühlen der Gerechtigkeit geleitetes Schiedsgericht zu bringen, man einsah, daß sich nicht Alles vor solchen Richtern rechtfertige» ließe. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.