Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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651 schäften darauf aufmerksam machen wird, in Zukunft die weisesten Vorsichtsmaßregeln, bei der Aufnahme von neuen Mitgliedern, zu gebrauchen, damit es ihnen nicht am Ende ebenfalls wie der hiesigen deutschen Gemeinde ergehe. Unsere Gemeinde war ursprünglich laut unserer Constitution eine orthodoxe, jedoch nur dem Namen nach; in Wirklichkeit hingegen waren wir nichts, denn unsere Religionsangelegenheiten lagen in einem solchen traurigen Zustande darnieder, daß wir gar oft zu dem Sabbat-Gottesdienste, wie es heute noch Ln den andern viel kleinern Gemeinden der Fall ist, die erforderliche Zahl zehn, um ein v'ddsnv prv zu haben, nur mit harter Mühe herbeischaffen konnten. Die .iv'iiLk war das Monopol eines einzigen usiiw, der vierzig Stück Vieh wöchentlich allein schlachtete und noch überdieß die riv'iirp für vier Gemeinden, deren Mitglieder in dieser großen Stadt meilenweit zerstreut wohnen, allein zu versorgen hatte. Die jüdischen Fleischhauer standen wie der vrnL? selbst unter keiner Aufsicht in, Der Sabbat wurde öffentlich entweihet und unter den vielen Israeliten war nur ein einziger, der sein Geschäftslocal am Sabbat geschloffen hielt. Sehr wenige jüdische Haushaltungen hatten einen religiösen Charakter, rmiw, rwL'2 waren völlig unbekannte Dinge. Für Religionsschulen wurde nicht gesorgt und die armen Kinder wußten nur daher, daß sie Juden seien, weil sie oft mit diesem Namen von ihren christlichen Schulgenoffen bezeichnet wurden. Mit der Ankunft des Herrn vr. Jllowp verschwanden alle diese Uebel aus unserer Mitte. Die hörte auf, Monopol zu sein, ein wurde angestellt und wvs-uw und Fleischhauer hatten sich der Aufsicht und Anordnungen des Rabbiners zu unterwerfen; diejenigen Fleischhauer, die ihr Fleisch am Sabbat zu Markte brachten, mußten es sich gefallen lassen, daß ihr Fleisch wie das eines Nicht-Juden gesiegelt wurde. Zwei Neligionsschulcn wurden in's Leben gerufen. Alles eilte, den mächtigen Redner zu hören, und seine Worte hatten auf die Meisten einen wohlthätigen Einst uß; sehr Viele führten die Sabbatruhe ein, über 80 Geschäftslocale, darunter bedeutende Großhandlungen, wurden am Sabbat geschloffen, und das Gotteshaus ward so reichlich besucht, daß es fast nicht Raum genug bieten konnte, weil der Andrang von Andächtigen an gewöhnlichen Sabbaten fast größer war als am Versdhnungstage. Haufirer mit nvL'L rmw2 p-'Ori rc. machten mit diesen vormals ungangbaren Artikeln brillante Geschäfte. Ja, so weit gediehen die Lehren des frommen und beredten Lehrers, daß man in der hiesigen Stadt, Ln welcher in früheren Jahre» nicht mehr als eine einzige Laubhütte am Laubhüttenseste zu sehen war, in diesem Jahre über fünfzig anzutreffen vermochte. — So «eit war vr. Jllowy glücklich in seinem frommen Wirken; sein Streben ward von dem schönsten Erfolge gekrönt. Der Garten, den er anpflanzte, grünte und blühete und brachte herrliche Früchte, obgleich wie es in der Schrift heißt sH noch immer und Mißvergnügte genug da waren, dis diesen verbesserten Zustand mit dem Worte „Reaction" bezeichnten und laut seufzten ,28-»' '2, „Wir möchten eine andere Verbesserung sehen, einen erhabeneren Gottesdienst, verherrlicht durch Sang und Klang, eine Orgel, einen vollständigen Fmuenchor, Abkürzung der Gebete, Abschaffung der alten Gebräuche, die dem Zeitgeiste nicht angemessen sind u. s. w." Diese jedoch waren von so geringer Anzahl, daß ihre Stimmen kein Gewicht und keinen Einfluß erlangten und immer in der großen Mehrheit wie jedes andere eitle Geschwätz verhallten, bis sie erblich zum Schweigen gebracht wurden. Doch dieses Schweigen war nicht ein Aufgeben ihrer sündhaften Wünsche, sondern sie warteten nur geduldig eine günstige Gelegenheit ab; und diese ist wirklich für sie gekommen; der Krieg hat sie ihnen herbeigeführt. Die Einnahme der hiesigen Stadt von denUnirten, die den lang verschlossen gehaltenen Hafen den nördlichen Kaufleuten wieder zugänglich machten und den Handel mit diesen vorzugsweise begünstigten, lockte eine beträchtliche Anzahl jüdischer Speculanten hierher. Diese, von denen die Meisten noch junge unverheirathete Leute waren, wollten bald nach ihrer Niederlassung in hiesiger Stadt uns zeigen, daß ne, die glücklichen Söhne des Nordens, nicht nur in der Politik, sondern auch in religiösen Dingen uns überlegen find, und obgleich sie sonst der Religion jede Theilnahme entziehen und an Gotteshaus und Gottesdienst vom Versöhnungstage bis zum Versöhnungstage nicht denken, so hielten sie dennoch eine Versammlung, die den Bau eines großartigen Gotteshauses (eigentlich Tempels) zum Zwecke hatte. Zu dieser Versammlung luden sie alle Mißvergnügten unserer Gemeinde ein; die Gesinnungsfreunde organisirten sich bald zu einer geschloffenen Gesellschaft, arbeiteten unter dem Namen „Buch Club", und nach mehreren abgehaltenen Versammlungen wurde einstimmig beschlossen im oberen Stadttheil einen Reformtempel zu errichte«, der den einstmaligen Tempel zu Jerusalem an Kunst, Pracht und Aufwand übertr essen sollte. Doch bald zeigte sich dieser Beschluß durch Mangel au Mittel als unausführbar. Der Plan wurde aufgegeben und kein Wort ward mehr, vernommen über Tempel und Reform. Die Gesellschaft schien seitdem keine andere Aufgabe zu haben, als für gemüthliche Abendunterhattungen: als Tanz, Concert -der Kartenspiel zu sorgen, wodurch sich ihre Mitglieder- Anzahl bedeutend verstärkte, und man glaubte allgemein, daß bei diesen Weltkindern der Gedanke, eine