Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1865)
- Date
- 1865-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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632 feierte vorgestern ihren achtzigsten Geburtstag. Sie hatte zu diesem Tage sich selbst eine Feier veranstaltet, indem sie die zahlreichen bisher von ihr an Vereine, Wohlthätigkeitsanstalten rc. gezahlten jährlichen Beiträge kopitalisirte und die Kapitalbeträge denselben auszahlen ließ. Früh Morgens durch ein Ständchen der Garde-du-Corps-Musik überrascht, erhielt die würdige Greisin an diesem Tage zahlreiche Beweise der Liebe und Verehrung, deren sie sich allseitig erfreut. Österreichischer Kaiferstaat. Prag am 10. Oktober. Der unermüdlich für das allgemeine Wohl thätige Greis, Herr Ernst Wehli, bat seine Stelle als Vorsitzender der Repräsentanz niedergelegt, und es mußte daher ein neuer Vorsitzender gewählt werden, für welches Ehrenamt Herr vr. Todesko gewählt wurde. Der neue Vorsitzende ist zwar nichts weniger als ein Kenner des Judenthums, dessen theoretische wie praktische Seite ihm, wie er selbst zugesteht, eine terra iuevAvita ist, doch muß man ihm nachrühmen, daß er seinem Naturell nach, kein Reformstürmer und zu friedliebender Art ist, als daß er Conflicte veranlassen möchte, deren Tragweite er doch nicht ermessen kann; zum Stellvertreter wurde Herr vr. Wiener gewählt. — Dessenungeachtet ist die Wahl zu billigen, da das sogenannte halbconservative Mitglied, welches der Candidat der konservativen war, es gleichfalls nicht verschmäht, am Sabatte im Kaffeehause feine Pfeife zu schmauchen. Wenn man aber glauben möchte, daß Herr Wehli vollends auf eine öffentliche Wirksamkeit verzichtet hat, so täuscht man sich in der That sehr; vielmehr hat der rührige Greis erst in den letzten Tagen Beweis für sein Streben, im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt zu wirken, gegeben, und wendet er gegenwärtig dem von ihm gegründeten Lehrervereine seine ungelheilte Aufmerksamkeit zu. Diese Woche fand nämlich unter seinen Auspizien eine Versammlung jüdischer Lehrer von Prag und vom Lande statt, in der die Statuten zur Consolidirung des Lehrer-Wittwen und Waisenvereins genehmigt, und das sofortige Jnslebentreten des Vereines beschlossen wurde. Möge Herr Wehli dergleichen humanen Zwecken noch recht lange seine Fürjorge widmen. Jetzt muß ich Ihnen noch über eine recht unerquickliche Geschichte Bericht erstatten. Der Prediger vr. Stein sucht in Prag einen Wirkungskreis, der ihm einiges Lüstre verschaffen soll. Als Prediger hat dieser Mann hier keinen Anklang gefunden, die Mitglieder der Meiselsynagoge haben ihm blos xaräexik die definitive Anstellung votirt; seine Predigten zeichnen sich entweder durch Langweiligkeit aus oder sie werden hie und da burlesker Natur, keineswegs find dieselben dem hiesigen Publikum ansprechend, das an eine stärkere, nahrhaftere Kost gewöhnt ist. Nun hat der gute Mann den Einfall, interessant zu werden und coquettirt mit dem von Geiger in Frankfurt a. M. und von Philipson protegirten Verein, dessen Tendenz die radikalste Umgestaltung des Judenthums ist. Herr vr. Stein erbot sich in einem hiesigen Blatte für diesen Verein Lhätig zu sein und Mitglieder aufzunehmen. Indessen wurde das dem Oberrabbiner, dem ehrwürdigen Hrn. S. L. Rappoport etwas zu bunt, er ließ Hrn. vr. Stein ersuchen, derartige Anlasse zu öffentlichen Aergernissen zu meiden, und sich in der Predigt jedes Zuredens zum Beitritt zu diesem Verein, dessen Tendenz für das Judenthum nur schädlich sei, zu enthalten. Da aber Herr vr. Stein der Warnung des Oberrabbinates nicht die gehörige Beachtung zukommen ließ, so rügte Herr Oberrabbiner Rappoport in seiner Deraschah am Sabbat Schubah das Gebühren des vr. Stein öffentlich und zwar in der Meiselsynagoge in des letzteren Gegenwart. Wenn nun Herr vr. Stein in der „Neuzeit" über Verletzung des Gastrechtes klagt, indem Rappoport bei ihm in der Meiselsynagoge eine „Gastpredigt" hielt,, so macht sich Herr vr. Stein durchaus lächerlich, da jedes Kind weiß, daß der Oberrabbiner von Prag in allen Synagogen Prags und ganz Böhmens nach Belieben Predigten abhalten kann, ohne daß ein Vorstand, dessen Einwilligung gar nicht nöthig ist, etwas dagegen zu Ihun vermag. Herr vr. Stein kennt noch das Terrain nicht genug, auf welchem er sich bewegt; zudem hat der Mann gar keine Partei hinter sich. Der Gutmüthigkeit der Prager allein, welche seine zahlreiche Familie berücksichtigten, und der Ueberzeugung, daß der gute Mann trotz allem und jedem nie gefährlich werden kann, verdankt er die Umgestaltung jeines Provisoriums in ein Definitivum. Die nächste Zeit bringt uns wieder eine Stadtverordnetenwahl. Es sind nämlich die Herren Di-. Gitschin, Raudnitz und Gustav Fisckl ausgelooft worden; wie man hört, soll Herr vr. Raudnitz's Wiederwahl etwas zweifelhaft sein. Auch eine Landtagsdeputirten-Wahl hat die Josefstadt *) in nächster Zeit vorzunehmen, da der greise Herr von Lämel auf sein Mandat verzichtete. Der Prediger und Professor vr. Kämpf feierte die zwanzigste "Jahresfeier feines hiesigen Wirkens. Zahlreiche Deputationen begrüßten den eben so gelehrten als tüchtigen Prediger, der sein Amt mit eben so viel Klugheit als löblichen Eifer verwaltet. Herr vr. Kämpf ist ein Mann, der nie so unbescheiden war, durch Reformprojekte Eclat machen zu wollen, deren innere Hohlheit ihm bekannt ist; vielmehr war *) Seit 1848 der officielle Name der Prager Iudrnstadt.