Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1865)
- Date
- 1865-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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615 dergleichen Dinge. Unsere Anstalt findet das aber nicht für die geeignete Erziehungsweise für Diejenigen , die einst die heilige Thora der Jugend Israels lehren sollen; sie erlaubt ihren Zöglingen das Alles nicht; sie dürfen zuweilen bei nachgewiesener Veranlassung ausgehen, haben aber zur festgesetzten Zeit wieder einzutreffen, ihre Erholungsstunden bringen sie im Garten der Anstalt oder auf einem Spaziergange unter Aufsicht zu; die Anstalt ist ihre Welt und da geht Alles nach Uhr und Schnur. Das findet nun der Herr Korrespondent der Z. d. I. unverzeihlich. Wir glauben das mit Recht dem Urtheile des jüdischen Publikums überlassen zu können. Die (ungenannten) ei leuchteten Pädagogen, aus die er sich beruft, beweisen eigentlich nichts; denn es gibt unter den Pädagogen, wie unter den Korrespondenten und Redakteuren jüdischer Blätter heutzutage gar manche, die sich nicht von Gottesfurcht, sondern von ihren Leidenschaften und frivolen Zeitphrasen leiten lassen. Aber abgesehen von sämmtlichen Seminarien Deutschlands, kann man sich aas die große Mehrheit der berühmtesten Pädagogen berufen, wie Zeller, vr. Eisenlohr, I)r. Kellner, Bormann rc. vr. Palmer, Professor in Tübingen, der anerkannt gründlichste Pädagoge der Jetztzeit, schreibt (Pädag. S. 480) Unerläßlich für Seminaristen ist: „Gewöhnung an eine strenge Haus- und Lebensordnung, geregelte Arbeit, Gehorsam, in welchem Ehrerbietung und Vertrauen sich begegnen, regelmäßige Andacht rc; denn wer selber nicht unter solcher Zucht stand, wird sie schwerlich üben lernen." Or. Curtmann, Seminardirektor in Friedberg, der Lieblingsschriftsteller der besseren deutschen Lehrer sagt (Lehrb. der Erz. u. d. Unterr. S. 315 ff.): „Ein Seminar mit 60 Zöglingen kann noch wohl die Form eines erweiterten Familienkreises annehmen, in welchem die Seminaristen nur höchst ausnahmsweise sich selbst überlassen. sondern bei ihren Arbeiten wie in in ihren Freistunden dem beobachtenden Auge nicht entzogen sind. Hiedurch wird dieAnstalt zugleich einMuster der Reinlichkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, und der Einfluß fremder Personen wird auf ein Mini^ mum reduzirt. DieSelbstständigket erwirbt sich darum nicht schwerer, denn die unbeaufsichtigtenJünglinge folgen unvermerkt doch fremder Leitung, nur schlimmer Art. Der ganze Aufenthalt im Seminar muß trotz seiner Abgeschlossenheit nach Außen, im Innern ein gemüthlicher sein. Die jungen Leute sind sich selber genug, so lange nicht thörichte Reize ihnen das Leben außerhalb verschönern. Der Verkehr mit ihren Lehrern fesselt ihre Aufmerksamkeit, regelmäßige Lebensordnung verkürzt ihreZeit, derHinblick auf ihrenBeruf, gehoben durch religiöse Erbauung, läßt ihnen die Zukunft in einem heiteren Lichte erscheinen." Wir haben also auch unsere Gewährsmänner für das Internat; es ist uns Gottlob gelungen, den von Curtmann geschilderten schönen Zustand herzustellen, was kümmert uns „der Geist, der stets verneint," das Geschrei derer, die nur stark sind im Zerstören? 7. Der Vorwurf, daß unsere Anstalt die jüdischen Lehrer ihren nichtjüdischen Kollegen entfremde, so lächerlich er ist. beweist die Charakterlosigkeit der Z. d. I. und ihres Korrespondenten. Warum, fragen wir, sollen die Juden gerade in diesem Punkte nicht emanzipirt sein, daß sie die Bildung ihrer Lehrer in ihre eigene Hand bekommen? Wenn allenthalben Katholiken und Protestanten ihre eigenen Seminarien haben, obwohl die gemeinschaftlichen Sonn- und Festtage, die Möglichkeit gemeinsamen Tisches, die Parität viel erleichtert, warum nicht auch die Israeliten, die in den allgemeinen Anstalten nur hindern und gehindert werden? Warum hat die Z. d. I. der Errichtung israelitischer Volksschulen, Seminarien und Fakultäten stets das Wort geredet und den genannten Vorwurf nie den Seminarien in Kassel, Münster und Breslau gemacht? Warum? Weil sie eine charakterlose Wetterfahne ist, weil sie Allem Haß geschworen, wodurch wahres Judenthum befördert werden soll, weil sie die Verunglimpfung des Herrn Rabbiners Bamberger sich zur Lebensaufgabe gemacht. Wir betrachten die Erlaubniß zur Gründung des Seminars, abgesehen, von der wichtigeren, religiösen Seite, auch als bedeutendes politisches Recht, wofür wir der hohen K. Staatsregierung unseren Dank am besten dadurch zu bethätigen glauben, wenn wir statt moderner Afteraufklärung, wahre Geistes- und Herzensbildung, statt seichtem Philippsonschem Rationalismus, wahre jüdische Frömmigkeit und Thorakenntniß unter der künftigen Lehrergeneration verbreiten. L. Stern, Seminarlehrer. Stuttgart, Ende September. Der Schwäb. Merkur, obgleich er die unentgeltliche Aufnahme des Aufrufes zur Unterstützung der Hungernden in Palästina verweigert hatte, gibt nun doch wiederholt, unter Verzicht auf die namhaften Jnserationskosten, die Verzeichnisse der Gaben, welche bei dem aus den Herren Spiegelthal und Levy u. Comp, gebildeten Comitö und bei Herrn Kirchenrath Maier hier eingegangen sind; daraus erhellt, daß erstere 1092 fl. 43 kr. an Herrn Deutsch in Wien, und letzterer tt24 fl. 26 kr. an das Centralcomitä in Amsterdam abgesendet haben, um solche unter allen Hilfsbedürftigen in gleichem Verhältnisse zu ertheilen. Die Residenz