Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1865)
- Date
- 1865-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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546 Ist gebrochen sein Gebein, Scharrt man wie ein Thier ihn ein, Und er muß nun gut und gern Rechnung stehen seinem Herrn! In der Höhe ist kein Schutz, Um zu bieten stolzen Trutz; In der Tiefe keine Nacht, Die Dich ungesehen macht. Einem armen Wandrer gleich Steht Dein Thun vor Gottes Reich; Aus der Erde feuchtem Moor Hebt die Flamme sich empor. — Wohl beginnt der Leib und spricht: „Gott der Geister! straf mich nicht! Nachts nur ließ sie mich allein, Sonst mußt' ich ihr Diener sein." „Sie, die Seele, sie nimm hin! Sie nur ist die Sünderin. Ich, Wurm , den die Erd' gebar, Werde wieder, was ich war. —" „Schweige, Leib, voll Lug und Trug! Rust die Seele allzuklug. „GLkt's auf Erden, wo es sei, Einen Menschen sündenfrei?" — „Häuftest Sünde und Vergeh'«, Wurdest felt und wohlverseh'n; Deine Frevel machten fast Mir das Leben oft zur Last." — „Nein und hell, im Lichtgewand, Komm ich, Herr, aus Deiner Hand; Nach vollbrachtem Erdenlauf Nimm die Neine wieder auf!" „Daß der Leib in seiner Hall', Wie es ihm geziemt, verfall'! Gib den Trümmern ihn zum Fraß, Laß sie sätt'gen sich am Aas!" — So stellte einen blinden Mann Ein Fürst einmal als Wächter an, Die Früchte in dem Garten Zu hüten und zu warten. Zur größer» Sicherheit jedoch Berief er einen Zweiten noch; Er hieß noch einen lahmen Mann Sich schließen eng dem blinden an, Und hoffte von den Zweien, Daß sie dem Dienst sich weihen. — Da lockten, ach, den lahmen Mann Verführerisch die Früchte an, Es muß der Blinde sich beqaemen, Auf seine Schultern ihn zu nehmen Und hin und her zu tragen. Sie eilen nun von Frucht zu Frucht, Und essen mit Behagen, Und lasten keine unversucht, Und kehren erst zur Stell' zurück, Als sie genosten Stück für Stück. — Und als der Herr am Morgen sah, Was am vergang'nen Tag geschah, Da rief er höchlich aufgebracht: „Wer hat die Schandthat hier vollbracht? Die schönsten Früchte sind verzehrt, Ist Das der Schutz, den Ihr gewährt!" - Verschlagen ruft der blinde Mann: „Ich Hab' es sicher nicht getban, Ich kann ja gar nicht, seh'n!" — „Und ich," versetzt der lahme Mann, „Wie hätte ich es denn gethan? — Ich kann ja einen Schritt nicht geh'n!" — Der Herr, der sich sogleich gedacht, Mit welcher List sie es vollbracht, Er sprach: „So wie Ihr Euch vergangen, Sollt Ihr, vereint, den Lohn empfangen." - So auch muß in seinem Reich, Ihm, der weiß und zeugt zugleich, Leib und Seele Rechnung fteh'n, Auf die Weise, wie's gescheh'n. — Wahrhaft hält der Herr Gericht, Heucheln, leugnen, hilft da nicht, Und sein Bote liest das Buch Und vollzieht den Nichterfpruch. — Heil'ger Gott! ich fleh' zu Dir, Rette doch die Seele mir! Sieh, ich kehr' zu Dir zurück, Schau mich an mit gnäd'gem Blick! Gott ist meine Zuversicht! Drum, mein Herz, verzage nicht! Eh' den Tod die Augen seh'n, Will ich meine Schuld gestehn. . Leget eilig Alles ab, Was den Menschen zieht herab; Was des Menschen Herz bethört, Bleib' für immer abgewehrt. Wer bekennt und nicht mehr thut, Dem wird Gott ja wieder gut; Gnädig, wenn Er Reue schaut, — Heil Dem, der auf Ihn vertraut! Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Nedaction: Vr. Lehnrann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.