Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1865)
- Date
- 1865-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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544 sendmal Verzeihung, — wir sind doch kurz vor v7i"v, — wenn ich Ihnen willen- und absichtslos die Mühe gemacht habe, als Apologet Geigers auftreten zu müssen, und. dessen Erklärung des Chisma'schen Satzes '^21 pip) in extenso wiederzugeben. Ich dedaure Sie wirklich von Herzensgrund aus für die mühsame und zugleich undankbare Arbeit, die Lächerlichkeiten Anderer rechtfertigen zu müssen, es ist traurig, Zeit und Arbeit verwendet zu haben, um Unlogisches logisch und Krummes gerade zu machen. Sehen Sie es denn nicht selbst ein, daß es viel klarer und einfacher und dem Geiste der Mischnalehrer angemessener ist, zu sagen, daß gerade R. Elieser Chisma, gerade er, der Naturforscher, gerade er, der Mathematiker, immer daraus Hinweisen wollte, daß man nicht das, was man an ihm besonders rühmte, als die Hauptsache, sondern doch nur immer als die Nebensache zu betrachten habe? Mußte nicht gerade in seinem Munde ein solches Wort viel gewichtiger erscheinen, als in dem Munde eines Mannes, dem Naturforschung und Mathematik fremde Dinge waren? Macht, was ihr wollt, ihr Herren der Reform, denkt, wie es euch genehm ist — glaubt oder leugnet — benutzt die Gewissensfreiheit auf's Unumschränkteste — nur macht nicht unsere großen Lehrer, unsere großen Träger und Erhalter des Gotteswortes zu Complicen eurer Ideen, macht die in Gott Entschlafenen nicht zu dem, was sie niemals hätten sein wollen, gegen was sie sich mit allen Kräften würden gesträubt haben. Habt ein wenig Pietät! — Pietät — ja das ist's eben, woran es unserer Zeit so sehr mangelt: es wird viel gepredigt und geschrieben über die sogenannten Pflichten der Humanität, und jemehr gepredigt und geschrieben wird, destomehr schwindet das Gefühl der Achtung und Verehrung nicht allein vor unfern alten Lehrern, die vor Lausend und mehreren Jahren lebten, sondern auch vor unfern Urgroßmüttern und Urgroßvätern, die doch so nahe uns stehen; und wie mancher „aufgeklärte" Sohn zuckt nicht mitleidsvoll lächelnd die Achseln über seinen „frommen" Vater, und wenn auch nicht es aussprechend, so doch denkend: „Der Alte ist doch ein Narr". Die alten Gesetzestafeln, die uns der alte Moses vom Berge Sinai herabgebracht hat, theilt man in zwei Hälften, die eine Hälfte überläßt man der Vergangenheit, die andere Hälfte, auf welcher die sogenannten Humanitätsgesetze stehen, kann man für die Gegenwart doch nicht entbehren, die Menschen müssen doch etwas Religion haben; aber indem man die erste Hälfte, auf der die Weihe des Sabbats eingezeichnet M, preisgibt, hatman auch das Gebot: „Ehre Vater und Mutter" geopfert. — Pietät kann man am wenigsten von den Herren der Reform verlangen; erleben wir es nicht täglich, daß die Reform bemüht ist, alles, was dazu dienen soll, uns an die bitteren Leiden unserer Vorfahren zu erinnern, auszumerzen? Hat man denn noch eine Erinnerung für jene Tage, welche die noch immer klaffenden Wunden zeigen, die unserer Nationalität geschlagen worden sind? Ein Beispiel für viele: kaum war Herr Geiger hier installirt, als er eine Trauung am vollzog, und dieses Jahr machte sich der Mann keine Skrupel, am Sonntag den 7. Ab, zwei Tage vor eine Trauung vorzunehmen. Wir wissen wohl, daß das, was Herr Geiger gethan hat, kein Capitalverbrechen ist — traurig ist es aber zu sehen, daß ein Mann, der sich Rabbiner nennt, und der so manchen unserer würdigen Talmudlehrer zu seinem Vorgänger stempeln möchte, daß der so sehr jegliches Gefühl für seine jüdische Nationalität abgestreist hat, so daß er es über's Herz bringen kann, die Gedenktage jüdischer Nationaltrauer durch seine Einsegnung zu Freudentagen umzuwandeln. — Doch genug hiervon, wenden wir uns einem freundlicheren Bilde zu. Es hat sich hier ein Minjan-Verein gebildet, der einem längst gefühlten Mangel abhilft. Die bisherigen Gebetversammlungen, welche bei Leidtragenden während der Trauerwoche abgehalten wurden, entsprachen nicht der Würde des Gebetes; es soll zuweilen vorgekommen sein, daß dieselben „Minjanleute" an einem Tage auf verschiedenen Stellen die Gebete abhielten. Solchem Uebelstande Aussteuern, traten vor einigen Monaten mehrere Männer der Religionsgesellschaft zusammen und beschlossen, einen auf Gegenseitigkeit beruhenden Minjan-Verein zu gründen. Das System der bezahlten „Minjanleute" sollte aufhören. Tritt bei einem Mitglieds ein Trauerfall ein, so beordert der Vorstand eine Anzahl Mitglieder, bei dem Leidtragenden die Gebetversammlung abzuhalten. Eigens dazu erwählte Deputirte haben für Aufrechthaltung der Ordnung zu sorgen. Der Verein hat einen solchen Anklang gefunden, daß auch Männer, die nicht der Religionsgesellschaft angehören, demselben beigetreten sind. Kaum vier Monate alt, zählt der Verein schon über 240 Mitglieder und hat auch schon segensreich gewirkt. Hiernach ist zn ermessen, was von der Frankfurter Correspondenz im „Ven Chananjah" Nr. 32 zu halten ist, die unter den „mißlungenen Versuchen" der hiesigen Orthodoxie den Minjan-Verein aufrechnet. Zum Schluß will ich Ihnen noch mittheilen, daß sich vorige Woche hier ein hoher Galt aufhielt: der Preßburger Rabbiner.*) Der Zufall wollte es, daß gerade zu derselben Zeit der Würzburger Rabbiner in unseren Mauern weilte, und so hatten wir das Glück, zwei hier beisammen zu sehen. Der leider nur zu kurze Aufenthalt des Preßburger *) Anm. der Red.: Auch wir hatten die Freude, den ehrwürdigen Herrn Oberrabbiner von Preßburg hier bei uns zu sehen und denselben a»f einem Ausfluge nach Worms zu begleite».