Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1865)
- Date
- 1865-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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503 sich in dem Vestibüle an dem schwarzen Breite befindet, und in welchem die Vertreter zur allgemeinen Kenntniß bringen, daß kommenden Sabbat — NV-,2 --np — um 9 Uhr, in dem Beihanse der Leopoldstadt eine Gastpredigt des Herrn Rabbiners von Cöln abgehalten wird. „Wissen Sie," sagte mein Nebenmann, „man munkelt hier von absonderlichen Dingen, daß der Vorstand etwas so Außergewöhnliches in Scene gesetzt hat. Der Eingeladene, gewiß Prätendent um die vacante Predigerstelle, überbrachte eine Empfehlung des Herzog Max — der ein Gönner seines verstorbenen Onkels in Jerusalem war — an dessen allerdurchlauchtigste Tochter, Ihre Majestät der Kaiserin, und — der Vorstand hat mit einem Federzuge, unisono, das Gesuch um Abhaltung einer Gastpredrgt an den durchreisenden Rabbiner gerichtet. Die Wahl des Candidaten ist auf alle Fälle gesichert." Im Laufe des Tages hörte ich noch ein Dutzend andere on äit, und dieweil der Gastprediger ein streng Conservativer ist, so fehlten auch die Persiflagen gegen die Neuorthodoxen nicht, so daß man in sehr ungastlicher Weise dem Tvim ->ä lieber ein 1^2 als ein O2^p zugerufen hätte. Unter den 6—7000 Ohren, die an dem darauffolgenden Sabbat auf die Worte des Rheinländers lauschten, waren auch die meinigen. Ter aber stand auf der Kanzel, als wäre er längst schon eingebürgert, und sprach ganz unbefangen, laut, klar und Allen verständlich. Ter Text: 12 -n2-r war gut gewählt, die Diction prägnant. Kein Wort ging verloren; der Monn meinte cs ernst. Gewiß, wenn die Wahl des Predigers, anstatt durch Gast- und Probepredigten, '-2 durch Stäbe entschieden würde, dann dürste auch er den Sieg davontragen. Zu Gunsten des Rabbiners von Cöln spricht aber jedenfalls, daß „Ben Chananja" und das „Organ für die allg emeinen Interessen des Judenthums — die allen Fraubasereien so treuherzig ihre Spalten öffnen — ihrem Aerger über den Vorstand und den Gastprediger so unverholen und drastisch Ausdruck leihen. — Die Art und Weise, wie so viele Gemeinden — und darunter auch leider die Wiener — bei der Wahl ihrer Cultusbeamten verfahren, ist weder zweckentsprechend noch tactvoll. Nachahmung ist es eines Modus, den lediglich protestantische Presbyterien eingeführt haben. Oder verstößt es nicht gegen das Decorum des geistlichen Standes — verzeihen Sie mir diesen Ausdruck — einen Mann im Amte, der Laune des Publikums — die veränderlich ist wie die Wetterfahne und ihre Gunst nicht immer und nur sehr selten dem Würdigen schenkt — preiszugeben? Und welch ein Maßstab läßt sich denn an eine Probepredigt legen; entscheidet sie über die Qualitäten, die Dignität und Leistungsfähigkeit des Candidaten? Die vielgeschmäheten Alten wußen die -022 besser zu wahren; sie haben einen ungleich größeren Grad von Kon ton an den Tag gelegt, als die Pygmäen, die auf den Schultern der Riesen sich größer dünken, als diese. Lud rosa wurden einige glaubwürdige, gesinnungstüchtige und urteilsfähige Männer aus dem Schooße des Vorstandes ausgeschickt, um sich den in Vorschlag gebrachten Gelehrten oder Rabbinen in seinem Wirkungskreise selbst anzusehen und über sein Leben und Lehren in aller Discretion zu recherchiren — ihr Bericht genügte dann, die Wahl zu treffen oder zu unterlassen. Es gereicht darum auch der Berliner Gemeinde zum Ruhme, daß sie für die Besetzung ihres vacant gewordenen Rabbinats den Concurs ausgeschlossen hat. Möchte man aber auch von der anderen Seite, mir meinen von Seiten der Bewerber, das 1^28 und das 2L>1 122.-; 1^22 beherzigen.- Daß in Wien, wo sich so viele EingewanderLe aus Ungarn, Böhmen und Mähren befinden, auch noch 'piv existiren, läßt sich denken; aber treffen Sie nur sehr wenige. Selbst die Candidateu der jüdischen Theologie, welche die Wiener Hochschule frcquentiren, bleiben sich allein überlassen. Der Herr Rabbi muß mit der practischen Seelsorge Zu viel beschäftigt sein, um an das ^'212 denken zu können. So sollte und dürfte es aber nicht bleiben. Die in Gott ruhenden Mitglieder des Berliner Rabbinats ^2? 2j7p' und Or. Sachs dL"? fanden, trotz der Fülle von Berufsarbeiten, noch Muse, um täglich Talmudjünger zu unterrichten. Jedenfalls ist es aber ein Fortschritt zum Besseren, daß der türkische Chacham und seine beiden Collegen am p" r>'2 regelmäßig Mischna und Talmud-Vorträge im (sogenannten) Beth Hamidrasch abhalten. Ich schließe nun diesen Brief, mein Theurer! Nächstens schildere ich praotor proptor bayerische Zustände. In unwandelbarer Freundschaft Ihr S. Zeitungsnachrichten und Cvrresporr denzen. Deutschland. Gudensberg (Kurf. Hessen). Herr Kreisrabbiner Wetzlar hat sofort nach Erscheinen des Ausrufs in Nr. 33 in seinem Kreise collectirt und alsbald 145 Thaler nach Amsterdam geschickt. Hoffentlich werden die anderen Herren Rabbinen Kurhessens einen gleichen Eifer für die gute Sache an den Tag legen. —