Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1865)
- Date
- 1865-09-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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502 Namentlich ist es anzuerkennen, wie entgegenkommend sich überall in Nord und Süd, in Ost und West die deutsche Presse gezeigt hat, indem sie dem Aufrufe Ln feiner ganzen Ausdehnung unentgeltlich ihre Spalten öffnete. Andererseits aber hat man auch nicht verfehlt, sich über die israel. Bewohner des h. Landes zu beklagen; man klagt sie der Unthätigkeit an, die ihr Elend verursache, ja, man spricht davon, daß man die israel. Bewohner Palästina's zur Auswanderung in ein anderes Land veranlassen sollte, wo ihnen Gelegenheit zu einem geregelten Erwerb geboten werden würde. Wir müssen niin vor allen Dingen bestreiten, daß die israel. Bewohner Palästina's ein unthätiges, müssiggängerisches Leben führen; nur ist ihre Thätigkeit nicht dazu angethan, ihnen einen reichlichen Lebensunterhalt zu verschaffen, so daß ihre Hauptnahrungsquelle die von Außen kommende Unterstützung bildet. Es liegt dies allerdings in den traurigen Verhältnissen des Landes, von dem der Segen gewichen, seitdem Israel aufhören mußte, es als selbstständige Nation zu bewohnen. Aber wer möchte deshalb unseren Glaubensgenossen daselbst zur Auswanderung rathen? Noch stehen die Ruinen des heiligen Tempels rin r-rd '21PV71 — Palästina ist unser und wird unser bleiben, so lange der Himmel über der Erde sich wölbt. Als im Jahre 1^27 jene fürchterliche Pulverexplosion die deutsche Bundesfestung Mainz arg heimsuchte, da ward ganz Deutschland vom tiefsten Mitleid ergriffen, überall wurden die ergiebigsten Sammlungen veranstaltet, und der Ruf: „Mainz ist deutsch!" ging durch alle Gauen des großen Vaterlandes. Man hat darin mit Recht eine Manifestirung des einheitlichen deutschen Geistes erblickt. — Auch das Unglück, das unsere Brüder im heiligen Lande betroffen, ward gleichsam zum Probierstein des echt jüdischen Sinnes, der, Gott sei Dank, noch allenthalben waltet — „Palästina ist unser l" dringt augenblicklich der Ruf überallhin, wo Juden wohnen. Jene unglücklichen Männer, Frauen und Kinder, die jetzt in Hunger und Krankheit schmachten, sind die Pionniere unserer Zukunft. Beschäftigt mit dem Studium der heiligen Gotteslehre, betend an jenen heiligen, geweihten Stätten, auf welche die Blicke eines großen Theiles der gesummten Menschheit gerichtet sind, erhalten sie den jüdischen Namen im jüdischen Lande. Welche Opfer bringen doch die anderen Nationen und Glaubensgenossenschasten, um in diesem merkwürdigen Lande festen Fuß zu fassen und zu behalten! Palästina ist nicht reich an Producten, sein Handel ist gering, seine Industrie unbedeutend, und doch streiten sich seit Jahrtausenden die mächtigsten Nationen um den Besitz desselben. Die Muhamedaner wollen es nicht lasten, und haben Ströme Bluts vergossen, um sich im Besitze Palästina's zu erhalten; die Christen möchten es erwerben, und haben Ströme Bluts vergossen, um sich in den Besitz desselben zu setzen. Was früher das Schwert entschied, enischeidexr jetzt andere, friedlichere Gewalten. Alle Völker und Glaul^nsgenossenschasten suchen mehr oder weniger im h. Lande dauernden Einfluß zu erringen. Rußland hat in jüngster Zeit Gebäude im Werthe von vielen Millionen als Armen- und Pilger- Häuser Herrichten lasten, Oesterreich und Frankreich wachen eifersüchtig über jeden Punkt, den sie sich in Palästina errungen haben, England und Preußen ha. den ein Bisthum in Jerusalem errichtet, Griechen und Armenier, Lateiner und Unstarrer haben dort ihre reich dotirten Klöster und unterhalten daselbst ein ganzes Heer von Mönchen. Wir Juden, nach denen das Land genannt wird, sind dort in unansehnlichster Weise vertreten. Unsere dortigen Glaubensgenossen sind arm und müssen von unseren Almosen leben. Aber der Dank, den sie uns dafür abstatten, ist ein großer, be deutender: es ist ihr Gebet, das für uns an den heiligsten Punkten des Erdbodens zum Himmel emporsteigt, es ist die Erhaltung des jüdischen Stammes auf jüdischer Erde, es ist der geringe Anfang, aus dem sich unsere herrliche Zukunft entwickeln wird. „Und es wird sein am selbigen Tage, da wird gestoßen werden in die große Posaune und es werden kommen die irr die entferntesten Länder Verstoßenen und Verlorenen und werden sich bücken vor dem Ewigen auf dem heiligen Berge in Jerusalem." — Original - Briefe von S. Sechster Brief. Theurer Freund! Wie Sie Sich so liebenswürdig bedanken für all die Fülle des Interessanten, die Ihnen meine jüngste Zuschrift gebracht. Genug, genug, ich höre nicht gern Elogen, hier mein Tagebuch; ich blättere schon in meinen Skizzen, füge Knochengerüste auf Knochengerüste, hauche meinen Geist hinein, und ein lebensfähiges Bild steht vor Ihren Augen. — Wien, du schönes, liebes Wien! Wer mit der Nord- oder Ostbahn auf den Flügeln der Lokomotive zu dir getragen ward, der läßt sich gern von deinem Glorienschein bezaubern, der kennt das Heimweh nicht und nur schwach glimmt der Funke der Sehnsucht nach seiner Heimath. Du hältst uns gefangen in deinen Armen; es gibt nur eine Kaiserstadt, es gibt nur ein Wien. — Ich verlasse soeben die Gemeinde-Kanzlei, woselbst ich mir den neuesten Rechenschaftsbericht des Vorstandes einhändigen ließ und dazu einige wissenswerthe Daten für mein JLinarium sammelte. Da macht mich ein anderer Tourist, der eben aus dem Tempel kam, aus ein Publicandum aufmerksam, das